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KURZ VORM ÜBERSCHNAPPEN: Die Bovarys (von links: Johanna Bantzer, Clemens Sienknecht, Sophie Krauß und Beatrice Frey) fei-ern enthemmt – und sind oft genug einfach umwerfend (oben: Johanna Bantzer).Fotos: Ribbe

KURZ VORM ÜBERSCHNAPPEN: Die Bovarys (von links: Johanna Bantzer, Clemens Sienknecht, Sophie Krauß und Beatrice Frey) feiern enthemmt – und sind oft genug einfach umwerfend © Katrin Ribbe

Theater

"Madame Bovary"- umjubelte Premiere

Schauspiel? Doch, schon. Musik? Viel. Gesang? Auch viel. Also ein theatraler Liederabend? Nicht wirklich. Was hier in der Cumberlandschen Bühne läuft, ist ein eigenes Genre - und hat einen ebenso langen wie passenden Titel: „Madame Bovary - allerdings mit anderem Text und auch anderer Melodie“ nach Gustave Flaubert.

Hannover. Clemens Sienknecht und Barbara Bürk haben den Abend ersonnen. Beide führen Regie, Sienknecht ist zudem auf der Bühne zu erleben. Mit ähnlichen Mitteln hatte das Duo sich bereits „Effi Briest“ vorgenommen und wurde damit zum renommierten Berliner Theatertreffen eingeladen.

Nun also „Madame Bovary“, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts so skandalträchtige Geschichte um eine Arztgattin auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Duri Bischoff hat dafür ein ganz reizendes Krimskrams-Bühnenbild entworfen, mit Tischchen, Täschchen und Tellerchen, mit einem putzigen Porzellanpudel und dem bei Sienknecht unverzichtbaren Plattenspieler. Der gibt gern grausige Kratzgeräusche von sich oder Auszüge aus Gert Westphals Romanlesung, im Programmheft-Interview treffend als „Märchenonkel-Sound“ bezeichnet. Dazu kommt natürlich jede Menge Live-Vortrag der sechs Akteure, die in wechselnden Besetzungen ein großes Spektrum abdecken.

Den Auftakt macht der Beatles-Song „Come Together“, wo indes die Zeile „over me“ durch „Bovary“ ersetzt wird. Im weiteren Verlauf kommt vom Choral bis zum Jingle so ziemlich jedes Genre zum Einsatz. Der Pop-Sektor ist unter anderem mit „I Wanna Dance with Somebody“, „Isn’t it a Pity” oder „Life on Mars” vertreten, und im Hintergrund erklingen an den Streichinstrumenten schon mal ein paar Takte französischer Impressionismus.

Sienknecht steht auf der Bühne zwar sehr im Mittelpunkt, doch besticht unter dem Strich die Ensembleleistung. Johanna Bantzer, Sophie Krauß und Beatrice Frey sind drei sehr unterschiedliche Varianten der Madame Bovary. Friedrich Paravicini sorgt am Cello und an den Tasten für zusätzliche musikalische Dimensionen, Mathias Max Herrmann für besonders ausgeprägte Feinarbeit in Sachen Darstellung.

Lustig, wie die Handlung mehr als einmal spektakulär zu gar erschröcklichem Drama hochpersifliert wird, lustig auch, wie der flotte Rodolphe, Gegenpart zum superdrögen Landarzt Bovary, daherkommt, als wolle er sich für die Rolle eines Halbstarken in einer bescheuerten 50er-Jahre-Klamotte bewerben.

Aber die ganz große Stärke dieses Abends sind die vielen Details, die sorgsam choreografierten Blicke, kleinen Handbewegungen, Tanzschritte, alles Dinge, die auf der kleinen Bühne besonders gut zur Geltung kommen.

Kein Einwand also? Doch, einer, und der ist nicht unerheblich: Die Inszenierung schrammelt ständig an der Grenze dazu entlang, die Figuren zu denunzieren - für einen Gag wird ohne großes Zögern ein Stück Seele hergegeben. Wenn diese Gags dann allerdings so verdammt gut sind, fällt die Klage schwer. Das enthusiastisch jubelnde Premierenpublikum hat denn auch unüberhörbar anderes im Sinn.

Bewertung: 5/5

VON JÖRG WORAT


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