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WAHLVERWANDTE: (von links) Lisa Natalie Arnold, Silvester von Hösslin, Peter Sikorski, Rainer Frank, Julia Schmalbrock, Susana Fernandes Genebra, Beatrice Frey, Philippe Goos und Christoph Müller.Foto: Ribbe

WAHLVERWANDTE: (v.l.) Lisa Natalie Arnold, Silvester von Hösslin, Peter Sikorski, Rainer Frank, Julia Schmalbrock, Susana Fernandes Genebra, Beatrice Frey, Philippe Goos und Christoph Müller.© Katrin Ribbe

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Theater

Lutz Hübners „Richtfest“ hat Premiere

Die Krabben sind schuld. Bei einem missglückten Mahl - heraus kam eine indifferente Pampe - beschließen fünf Bildungsbürger, es doch mal mit einer Baugemeinschaft mit anderen Gleichgesinnten zu versuchen. Das „Richtfest“ naht im Schauspielhaus. Es wird nicht gut ausgehen.

Hannover. Autor Lutz Hübner seziert urkomisch eine Schicht der positiv Bemühten. Kein Macher darunter. Eine Baugemeinschaft wird zum Brennglas einer Gesellschaft auf Sinnsuche: Wie ist es bestellt um die Solidarität in Kreisen, die sich nur selbst bespiegeln? Wenn Geld auf Ideale trifft? Theorie auf Praxis? Wenn man ästhetisch lösen will, was sozial im Argen liegt? Dieser intellektuelle Boulevard par excellence hat das Zeug zum Publikumsliebling dieser Spielzeit.

„Wir verstehen uns, oder?“ - das kann auch wie eine Drohung klingen. Man erlebt Spießbürger, die auch mal anders leben möchten und im Herzen doch von Puttenfenstern träumen. Den Soziologieprofessor und seine Frau. Eine finanziell abgehängte Mittelschichtsfamilie mit Nachwuchs, deren permanentes Einfordern von Toleranz an größtmögliche Intoleranz grenzt. Jede Figur ist perfekt eingefangen, besetzt und ausstaffiert (Kostüme: Maria Anderski, Andrea Wagner). Die Manierismen sitzen.

Was für eine Ensembleleistung! Fast unmöglich, hier jemanden besonders herauszustellen. Als Beispiele seien hier genannt: Beatrice Frey als Ex-Szenewirtin, die - schutzlos in Ritterrüstung und Doc Martens - vor der Müllhalde ihres alternativen Lebensentwurfs steht. Christoph Müller als kreuzbraver Beamter, der seinen affektierten Wahlverwandten Herbert Grönemeyer als Hochkultur andient. Rainer Frank als schwuler Patriarch mit autoritären Zügen und - eine Entdeckung - als kokette Kindfrau Wassilissa List, die schon 2015 beim Jugendtheaterstück „Busfahrt mit Kuhn“ gehörig den Ballhof rockte. Regisseurin Mina Salehpour spendiert ihr eine famose Miley-Cyrus-Szene samt „Wrecking Ball“, wie sie überhaupt diesen Stoff, den man auch bequem als klappernden Tür-auf-Tür-zu-Boulevard inszenieren könnte, in famose Bilder kleidet. Vorne eine Tafel, die auch mal Abendmahl-Szenen doubelt, hinten eine gewaltige Küchenzeile (Bühne: Robert Schweer), und dazwischen tut sich ein Abgrund voller Styroporschnipsel auf, in den die Selbstgerechten abtauchen, um noch mehr um sich selbst zu kreisen. Am Ende kann man sehen (und riechen), was das Richtfest angerichtet hat. Das Essen ist fertig, eine Henkersmahlzeit, das Projekt gescheitert. Noch so eine indifferente Pampe. Schuld sind nicht die Krabben.

Bewertung: 5/5

Wieder morgen, 25.10. ab 19.30 Uhr im Schauspielhaus.


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