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EIN ABEND, DER NACHHALLT: Herta Müller im Schauspielhaus im Gespräch mit Ernest Wichner.© Jan Philipp Eberstein

Literatur

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller liest im Schauspielhaus

„Ohne Geheimnisse geht es doch gar nicht!“, sagt Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller im ausverkauften Schauspielhaus.

Hannover. Fasziniert lauschen 600 Zuhörer der deutschen Schriftstellerin, deren Spezialität es doch gerade ist, Geheimnisvolles und Unaussprechliches in ausdrucksstarke, klare Worte zu fassen.

Über sich, ihre Familie und über das Schreiben spricht sie mit einem Weggefährten, dem Leiter des Literaturhauses Berlin Ernest Wichner. „Dichtung und Wahrheit: Herta Müller liest“ heißt der gemeinsam vom Literaturhaus Hannover und dem Schauspiel Hannover initiierte Abend. Deutlich schildert Müller, die im rumänischen Banat unter dem Ceausescu-Regime aufwuchs und 1987 nach Deutschland ausreiste, die Verhältnisse bei der deutschen Minderheit dort: Unterdrückungsmechanismen, keine offenen Gespräche, auch in der Familie. Bestürzend die Konflikte mit ihrer traumatisierten Mutter um „fehlerhaftes Kartoffelschälen“. Schräg-lustig die Doktorspiele der Kinder (mit Nadelnsetzen) - „heute würde der Psychiater kommen“, meint sie. Lacher.

Eindrucksvoll ihre gelesene Passage „Kindheit im Dorf“ aus ihrem autobiografisch-literarischen Buch „Mein Vaterland war ein Apfelkern“. Auch über „Schweigen als Schutz“ spricht sie analytisch und sagt: „Erinnerungen können töten.“ Doch vieles holt sie doch an die Oberfläche und beschreibt es sprachgewandt, zum Beispiel in ihrem Roman „Atemschaukel“ über die Zwangsarbeit-Geschichte des rumäniendeutschen Lyrikers und Übersetzers Oskar Pastior. Müller versteht es, ihre Themen - Machtmissbrauch, Leben in totalitären Verhältnissen, politische Verfolgung, Misshandlungen, Widerstand und moralische Integrität - in eine kraftvolle, auch schonungslos unverblümte, deutliche Sprache zu setzen. Nicht nur literarisch, sondern auch im Gespräch. Und das packt einen.

Schließlich liest sie noch einige Collagengedichte - Postkarten mit aus Zeitungen und Magazinen ausgeschnittene Wörtern und Bildern: „Vater telefoniert mit den Fliegen“ oder „Die Haut ist nur ein Fleck beleidigter Batist“. Mal sind sie skurril, lustig, poetisch, mal fast dadaistisch. Ein großartiges, intensives Erlebnis.

Bewertung: 5/5


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