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Kultur Letzter Tanz in der Autostadt?
Nachrichten Kultur Letzter Tanz in der Autostadt?
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00:21 16.03.2018
Ideen für die Autostadt: Bernd Kauffmann leitet die Movimentos. Quelle: Wilde
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Hannover

Hochkultur trotz Dieselkrise: Das Kulturfestival Movimentos in der Autostadt trumpft mit internationaler Besetzung auf. Movimentos-Macher Bernd Kauffmann über das Ende des Kraftwerks, bundesweite Ausstrahlung und die Freude am Diesel.

Herr Kauffmann, die Movimentos sind ja stark ans Heizkraftwerk der Autostadt gebunden. VW wird es nun umbauen und für sich nutzen Wie steht es dabei um die Verlängerung der Movimentos?

Ja, das Heizkraftwerk steht ab Mitte des Jahres nicht mehr zur Verfügung, weil Volkswagen es wieder für eine nachhaltige Energieversorgung nutzen möchte. Insoweit kann ich zurzeit nur mit dem Beckenbauerschen „Schaun mer mal“ und dem christlichen „Wir heißen Euch hoffen“ antworten. Dass die Movimentos tiefe Spuren hinterlassen haben, ist jenseits all dessen unbestreitbar, und ob diese auch in Zukunft neu ausgeschritten werden können, wird die Zeit erweisen. Wie bekannt, wird „movimental“ weiter gedacht und gearbeitet.

Wie bewerten Sie dabei das Engagement der Autostadt?

Das, was die Autostadt hier tut, ist weitaus mehr als das Sponsoring für ein Projekt, eine Initiative, ein Museum oder ein Orchester. Die Autostadt subventioniert hier nicht, sie statuiert und realisiert selbst ein eigenes Festival, das für eine große Anzahl von Menschen in der Region eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für ihr Selbstbewusstsein hat. Die Autostadt wird insoweit hier also in signifikantem Maß selbst kulturpolitisch tätig. Und das verdient höchsten Respekt.

Wie wichtig sind die Movimentos für die Autostadt?

Wenn ich meine eigene Befangenheit als künstlerischer Leiter mal zurückstelle, würde ich sagen, hier wurde ein Leuchtturm geschaffen, der weit über eine Region hinaus strahlt und sichtbar ist und dem Ansehen der Autostadt mehr als nur guttut.

Volkswagen steckt in der Krise, in der Diesel-Krise... inwieweit hat das den Etat berührt?

Vor zwei Jahren hatten wir einen Budget-Einschnitt von 20 Prozent. Alle haben daran mitgewirkt, das Publikum die Auswirkungen der Sparmaßnahmen nicht spüren zu lassen. Das hat erfolgreich funktioniert.

Angesichts der ganzen Diesel-Diskussionen nicht nur um Volkswagen im Moment – fahren Sie einen Diesel?

Ja, aber ein schon „betagteres“ Modell eines anderen „Mitbewerbers“, wie man so sagt. Und wie es künftig „weiterdieseln“ wird und ob überhaupt, das bleibt wohl göttlicher Vorsehung überlassen.

Was lässt sich die Autostadt die Movimentos kosten?

Ich kann es nicht sagen, weil ich es wirklich nicht weiß. Und es ist auch nicht, wie sagt man so schön, „meine Baustelle“.

Und mit Ihrem Etat kommen Sie klar?

Wir haben feste Vereinbarungen, und wir halten den Etat, über den jedes Jahr neu entschieden wird, immer ein.

Wie wirkt sich der Wechsel an der Spitze der Autostadt von Otto Ferdinand Wachs auf Roland Clement auf die Movimentos aus?

Unser künstlerisches Tun läuft wie immer in ungebrochenem Vertrauen, in gegenseitigem Respekt und höchster Akzeptanz. Und ich bin zuversichtlich, dass es in der Zukunft auch weiter so sein wird.

Das Programm ist wieder prall. Geben Sie doch einfach mal drei Tipps, was man einfach gesehen haben muss...

Gut, aber ein Ranking soll damit nicht verbunden sein. Die Movimentos widmen sich bekanntlich dem Thema „Würde“. Deshalb erwähne ich als erstes die „zero visibility corp.“ und die Choreographin Ina Christel Johannessen. Sie zeigt in einer hinreißend-suggestiv-nachdenklichen-Produktion, was uns an Bedrohung der Schöpfung und ihrer Würde ins Haus steht – oder besser: was wir alles verlieren, wenn wir alles zu gewinnen meinen.

Zweitens?

„Autobiography“ von Wayne McGregor aus London. Sein Thema ist die Frage nach der Bestimmbarkeit des individuellen „Seins und Werdens“ eines Menschen durch seine DNA. McGregor feiert ein choreographisches Hochamt auf den „heiligen Algorithmus“ und seine Vorsehung. Er stellt die neuen Technologien eines „Deus Digitalis“ – wenn Sie so wollen – in den Mittelpunkt seiner Produktion. Was wird aus uns, welche Lebensspuren sind uns genetisch vorherbestimmt? Das ist sein tänzerisches Thema. Und zwischen beiden Stücken steht für mich die Produktion „Über die Insel“ des Cloud Gate Dance Theatre‘s aus Taiwan. Der große Choreograph Lin Hwai-min beschreibt hier nach langer Lebensreise seinen Abschied von der alten Welt.

Was wäre das leichteste Stück?

Die „Neuen Kurzen Stücke“ von Philippe Decouflé, die, wie bei fast all seinen Choreographien, von Ironie, Heiterkeit und auch Humor durchsetzt sind, ohne je zynisch zu werden. Ich empfehle diese Produktion besonders einem Publikum in Deutschland, wo nach Karl Kraus der Humor bekanntlich immer noch mit einer Tarnkappe herumläuft und unaufhörlich verzweifelt „Hier bin ich!“ schreit.

Ein paar Worte zum umfassenden Thema: Warum lautet das in diesem Jahr „Würde“?

Wenn Sie in unsere Gesellschaft schauen, stoßen Sie doch ständig auf Gereiztheit, Aggression, üble Nachrede, Miesmacherei und mangelnden Anstand. Die elementarsten Formen werden nicht mehr gewahrt, Haltlosigkeiten werden zu Selbstverständlichkeiten. Das sind alles Frontalangriffe auf die Würde. Dieses Verhalten spiegelt sich auch in der Würdelosigkeit der Sprache. Das Movimentos-Thema ist daher auch ein Appell an die Achtung der Würde, die uns geschenkt wurde und die immer aufs Neue bedroht wird. Tugend kann man verdienen, Würde ist ohne Verdienst mit unserer Geburt bei uns, und sie verlangt von jedem eine Achtung gebietende Haltung im Umgang mit dem Anderen.

Es gibt viele Festspiele in Europa – wo sind da die Movimentos zu verorten?

Die Movimentos haben nicht nur in Deutschland, sondern auch – gerade auch, wenn man das Feedback von Seiten der unzähligen internationalen Companies hinzunimmt, die alle schon in Wolfsburg waren – weit darüber hinaus einen extrem guten Ruf. Ja, was die Autostadt hier tut, hat europaweit eine hohe Akzeptanz.

Was auch die Besucher so sehen?

Ich denke schon, dass die Besucher wissen, was sie an diesem Festival haben. Das stetig wachsende Einzugsgebiet spricht dafür. Allein wenn Sie schauen, wie viele Besucher aus Hannover, Hamburg oder der Hauptstadt anreisen. Es wird bei den Movimentos vieles präsentiert, was Sie in Berlin überhaupt nicht zu sehen bekommen. Natürlich sind wir auch ein wichtiges Festival für die Region, also Wolfsburg selbst, aber unsere Ausstrahlung reicht mittlerweile viel weiter – also ins gesamte Bundesgebiet.

Von Henning Queren

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