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Leonard Cohen begeisterte sich und seine Fans beim Konzert in Hannover.

Leonard Cohen begeisterte sich und seine Fans beim Konzert in Hannover.© Wilde

Konzertkritik

Leonard Cohen: Eine Legende in Hannover

Leise, weise, würdevoll. In der TUI-Arena in Hannover gab der kanadische Songwriter Leonard Cohen gestern ein großes Konzert.

Von Matthias Halbig

Hannover. Die Stimme in der TUI-Arena ist tief und dunkel, wie man sich den Fluss vorstellt, an dem Suzanne wohnt. Jener Fluss, der die Botschaft raunt, man sei immer schon Suzannes Liebhaber gewesen. All die wehmütigen Vokale, die Leonard Cohen da singt, klingen wie Erinnerungen an die wundersame und wunderbare Gefährtin, und sie lehnen sich an all die Konsonanten wie an weiche Kissen des Trosts. „And you want to travel with her ...“ Die Stimmung in Hannovers großem Poptempel: Andacht.

Mit „Suzanne“ begann 1968 die Pop-Karriere des Dichters aus Montreal, mit der „lady of the harbor“ stieg er zum Weltstar auf. Auf der TUI-Bühne steht, kniet nieder, tänzelt, spielt Gitarre und auch mal Keyboard einer der einflussreichsten Songwriter überhaupt. Er hebt an mit „Dance Me to the End of Love“, einem Lied über die Häftlingskapellen des Holocaust, lässt „The Future“ folgen, bald „Bird on a Wire“, „Everybody knows“. Klassiker, deren Texte man herunterbeten kann, zumindest, wenn man in dem Alter ist, in dem nicht mehr straflos jeden Abend zu Cohen-Platten der Inhalt von Rotweinflaschen mit den Kerzenresten wettschmelzen darf.

Cohen lupft den Hut und drückt ihn sich aufs Herz, zeigt so seine Verehrung für Publikum und Mitmusiker. 76 ist er vorige Woche geworden, und alles ist inzwischen Poesie an diesem Mann. Seinen (Nicht-nur-)Saxofonisten nennt er den „Meister des Atems“ auf den „Instrumenten des Winds“. Buddhistisch klingt das, nach einem, der einige Stufen der Weisheit mehr erklommen hat. Cohen verbrachte in den 90ern Jahre im Kloster, während dieser Zeit hatte seine Managerin sein Vermögen verprasst. Einer der Gründe für seine nun schon jahrelange Konzertreise.

Die Traurigkeit, die man früher in seiner Stimme auszumachen meinte, ist gewichen. Man kann sich an diese Lieder klammern, feste Burgen sind sie. Und Cohen versieht sie mit jenen geringfügigen Modulationen, die das Gebethafte als Gesang durchgehen lassen. „Who by Fire“ – Gänsehaut! Was für eine sinnliche, würzige Tiefe. Akustischer Cognac der L‘Esprit-de-Courvoisier-Klasse.

Das Dunkle, Sanfte passt zu diesem Mann, der seine ersten Dichterworte als Kind auf die Krawatte seines toten Vaters kritzelte, bevor er sie begrub. Und der sein „Bird on the Wire“ schrieb, als er sich mit den Elektrifizierern seines griechischen Inselrefugiums versöhnte, weil er sah, dass sich die Vögel auf den Leitungen ausruhen konnten.

Die achtköpfige Band flicht herrlich filigrane Klanggespinste in die Narrenschiffgesänge und Abschiedswalzer des Abends. Und die Intros und Soli, die Gitarrist Javier Mas den Songs mit Zwölfsaitiger und Bandurria als Zierrat angedeihen lässt, sind Glücklichmacher par excellence. In den „Tower of Song“ folgen wir Cohen, zum „Partisan“ der Résistance und zum König seiner traurigen Liebeslieder, an dem er vier Jahre gearbeitet hat, was er dem Kollegen Bob Dylan schamhaft verschwieg: Die Webb-Schwestern versehen „Hallelujah“ mit ihren artigen Sangesgespinsten, ihrem Gospel in Weiß. „I did my best, it wasn‘t much ...“ brummt Cohen.

Oh doch, wars. Drei Stunden Grandezza bis zur „Closing Time“: Zugaben satt, schlicht die Melodien, hoch komplex die Lyrik. „Viele sagen: ,Ich will die einfache Lösung, ich bin der Komplexität müde‘“, hat Cohen einst in einem Interview bedauert. Wir nicht. Wir lieben die Tiefe in den Tiefen seiner Lieder. Unergründlich wie Suzannes Fluss. So long, Leonard!

Bewertung: 5/5.


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