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16:38 10.09.2018
Schauspielhaus: Lars Eidinger liest Liebesgedichte von Thomas Brasch. Quelle: Franson
Hannover

Sieht aus wie bei einem Rockkonzert, Mikroständer, Schlagzeug. Und dann kommt die Band. Lars Eidinger mit seinem Leib-Trommler George Kranz. Und dann wird die Lyrik von Thomas Brasch zu gesprochenen Songs, ach was, zu Hymnen.

Lars Eidinger ist der eindrucksvollste Schauspieler seiner Generation. Hat mit „Richard III.“ in Berlin Theatergeschichte geschrieben. Und ist ein Star. Eigentlich könnte er hier auch aus einem alten Telefonbuch vorlesen – es wäre beeindrucken.

Was natürlich in Unermessliche steigt, wenn auch die Texte entsprechend sind. Bei Thomas Brasch sind sie es. Dessen Liebesgedichte hat Eidinger sich vorgenommen. Hat zwei Suhrkamp-Bücher in der Hand, markiert mit farbigen Klebezetteln. Eine Begrüßung gibt es nicht, auch keine Moderation, der Kontakt zum Publikum besteht höchstens dann und wann mal in einem schüchternen Lächeln. Hier zählt eben nur die Zeile.

Eidinger im Hipster-Schlurf mit weiten, viel zu kurzen Hosen, kunstvoll verschmuddeltem Shirt, Schlabber-Jacke, strähnigen Haaren und voller Konzentration auf den deutschen Dichter der deutschen Liebe, die in seinen Texten universell aufscheint. Das Aphoristisch-Kurze, die knapp-allumfassenden Gedanken werden im Vortrag mit konzentrierter Energie aufgeladen. Manche sind nur ein paar Worte, andere länger.

Das kann Eidinger, Präzision multipliziert mit Poesie geteilt durch Gefühl: „Was ist los Mann, dass du soviel Wind machst wegen einer Frau?“ DDR steckt in den Versen, viel Brecht, Verzweiflung an der schlechten Gegenwart – und die Liebe, die sie erträglich macht.

Alles wird durch Schlagwerk kongenial begleitet – wenn von dem Pinselstrich die Rede ist, der das vollendete Bild dann doch noch zerstört, fegt nur kurz der Besen über das Becken. Wenn die typischen „Oder ... oder ... oder“-Oden von Brasch kommen, klackt der Schlegel taktgenau dazu. Und wenn es dann um die Liebe, die ganz konkrete, geht, die Zeile auf das „wilde Tier“ endet, kommt von Kranz dazu ein zartes Miau.

Und bisweilen tobt der Schlagzeuger wie ein Derwisch über die Bühne, sucht die Resonanzkörper auf Boden, Wänden, trommelt auf den Schultern von Lars Eidinger ein bisschen Body-Percussion. Alles kurz, prägnant und im witzigen Einverständnis, wenn ein vorwitziger Schlag noch einmal den Auftakt des Gedichtes stoppt.

Und wie bei jedem guten Konzert gibt es auch bei der Lyrik-Lesung eine Zugabe, Kranz und Eidinger stehen hinter der Bühne vor einer halbtransparenten Leinwand, sprechen, musizieren – wunderbares Schlussbild, leuchtende Lyrik, und nur ihre Schatten sind noch zu sehen.

Von Henning Queren

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