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NP-Interview

König Boris von Fettes Brot über die neue CD, Schlager und Rechte

Sie bezeichnen sich selber als „Teenager vom Mars“ und singen „Von der Liebe“: Die hanseatischen HipHopper Fettes Brot veröffentlichen am Freitag ihr neues Album - wir sprachen darüber mit Rapper König Boris (41).

Hannover. NP: Wie war es im Café Glocksee?

König Boris: Super. Und es könnte sein, dass es das heißeste Konzert war, das wir je gespielt haben. Es hat sehr viel Spaß gemacht.

NP: Sie haben dort vor kurzem ein Geheimkonzert gegeben. Wie kam es dazu?

König Boris: Wir gönnen uns manchmal, wenn wir länger nicht gespielt haben, ein oder zwei Testshows, damit wir wieder ein Live-Gefühl bekommen.

NP: Und wie fiel die Wahl auf Hannover?

König Boris: So etwas macht unser Booker. Der kennt so ein paar coole, kleine Läden in verschiedenen Städten und organisiert das.

NP: Mit dem Ergebnis, dass es auf der anstehenden großen Tour keinen Halt in Hannover gibt.

König Boris: Das hat damit nichts zu tun. Aber es fällt halt immer mal wieder eine Stadt raus. Vielleicht spielen wir ja später noch mal in Hannover; in die Hand versprechen kann ich das aber nicht.

NP: Jetzt kommt erst einmal das neue Album, „Teenager vom Mars“. Das klingt ein bisschen berufsjugendlich.

König Boris: Der Gag, dass wir höchstens auf dem Mars noch Teenager sein könnten, hat uns gefallen, da die Zeitrechnung dort anders läuft. Noch besser gefällt uns daran allerdings die Perspektive: dass wir von außen auf die Welt gucken, in der wir leben.

NP: Und was sieht man da? „Alle tanzen nur Standard, warum pogen sie nicht“?

König Boris: Ja, genau. Oder: „Im All wissen es alle, ihr könnt Fremde hier nicht leiden“.

NP: Gerade der Satz fällt heraus aus dem eigentlich sehr spaßigen Song. Und später, in „Ganz schön low“, positionieren Sie sich sehr eindeutig gegen den neuen deutschen Rassismus. War es Ihnen wichtig, hier ein Statement zu setzen?

König Boris: Es lag auf der Hand. Wir haben gesehen, was hier passiert, und es für scheiße befunden, und das fließt das ganz automatisch in unsere Songs mit ein. Unsere Musik spiegelt uns wieder.

NP: Haben Sie eine Erklärung dafür, dass die braune Soße jetzt wieder so hochschwappt?

König Boris: Es steht zu befürchten, dass die nie weg waren. Es herrscht aber gerade ein gesellschaftliches Klima vor, in dem sich der braune Sumpf wieder aus den Löchern traut. Generell findet eine komische konservative Bewegung zurück statt. Man hört es schon in der Musik: Wir thematisieren das in „Alle hörn jetzt Schlager“. Das ist der Soundtrack dazu: Die Leute wollen aus Angst vor dieser unübersichtlichen Welt wieder zurück in ihr Refugium, wo eine Frau noch Frau ist und Mann noch Mann und Gut und Böse noch klar auseinanderzuhalten sind. Es gibt eine große Tendenz, sich verstecken zu wollen.

NP: „Da wird man ja zum Schläger“, heißt es in dem Song. Macht Schlager Sie aggressiv?

König Boris: Nein, das nicht. Aber ich habe das Gefühl, dass es zu einem Massenphänomen geworden ist. Und wenn plötzlich auch junge Leute Schlager hören, bedeutet das auch gesellschaftlich etwas. Dann frage ich mich, was los ist in diesem Land. Früher hat man sich geschämt, wenn man mit Schlager erwischt wurde. Heino, Roberto Blanco & Co. - das war der Feind. Das war reaktionär. Und dass sich das geändert hat, macht mich weniger wütend; es erschreckt mich. Natürlich kann man sich mal zurückziehen, aber es hat mit der Welt, in der wir leben, nicht mehr zu tun.

NP: Dieser konservative Rückschritt scheint ein Oberthema des Albums zu sein, zu hören auch in Liedern wie „Mein Haus“ und „Eure Autos“ ...

König Boris: Das kann sein, ist aber nicht bewusst gewählt. Wir haben uns die Freiheit genommen, eben nicht auf einen roten Faden zu achten, sondern einfach erst einmal loszulegen.

NP: Das ist gelungen: Denn wo beim Vorgänger „3 is ne Party“ noch 80er-, Videospiel- und 8-Bit-Sounds vorherrschten, geht es jetzt quer durch die vergangenen 50 Jahre Popgeschichte ...

König Boris: Ja, danke. So sind wir. Wir hören viel verschiedene Musik, und das fließt alles mit ein. Oft ist es so, dass einer ankommt mit einer kleinen Skizze, die den anderen beiden vorspielt und hofft, dass die anderen es genauso gut finden wie er selber - was oft der Fall ist. Und dann arbeiten wir alle zusammen daran weiter. Manchmal entsteht es aber auch im Kollektiv. Oder einer schreibt alleine einen Song, der trotzdem zu einem Fettes-Brot-Song wird. Da führen viele Wege zum Ziel. Der Song ist Chef; der muss kriegen, was er braucht. Nichts anderes zählt.

NP: Mit „Von der Liebe“ haben Sie dann auch den klassischsten Popsong des Albums als Single veröffentlicht.

König Boris: Wir haben als Video ja „Teenager from Mars“ vorausgeschickt, für das Chaos und den Weltraumtrash ...

NP: ... und Frauenbrüste, aus denen Laser schießen ...

König Boris: Ganz genau. Und bei „Von der Liebe“ dachten wir, dass da die Möglichkeit besteht, dass es auch im Radio läuft, was es glücklicherweise auch tut. Das Stück ist relativ zum Schluss entstanden. Aber auch da gibt es den aktuellen Bezug, Stichwort Homoehe. Oder religiöse Grenzen. Oder soziale Grenzen, die es selbst im 21. Jahrhundert noch verhindern, dass Liebende zueinander finden können.

NP: Wo steht da Fettes Brot heute?

König Boris: Wir sind schon eine Band, die immer wieder Statements gesetzt hat und immer wieder ihre Haltung durchblicken lässt, dabei aber die Unterhaltung nicht vergisst. Entertainment ist uns schon wichtig.

NP: Gibt es Grenzen?

König Boris: Es gibt gewisse komplexe Sachverhalte, die man einfach nicht in einem Drei-Minuten-Song abhandeln kann. Und es ist uns wichtig, dass wir uns nicht wiederholen. Da schrillen bei uns die Alarmglocken. Wir wollen uns nicht langweilen, und wir glauben auch, dass der Zuhörer es auch merkt.

NP: Wie schafft man das auch 20 Jahre nach dem ersten Album?

König Boris: Ich glaube, es gibt da zwei Punkte: Wir haben wahnsinnig viel Spaß an dem, was wir machen. Und wir sind Fans von anderen Leuten, wir hören uns alles an und diskutieren auch darüber. Das ist Teil unserer Persönlichkeit und hält uns frisch.


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