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Michael Köhlmeier

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Interview

Köhlmeier über seinen neuen Roman

Mit seinem Roman „Zwei Herren am Strand" über die Freundschaft zwischen Charlie Chaplin und Winston Churchill gewann Michael Köhlmeier (66) die Literatour Nord 2015. Nun kehrt der Österreicher mit seinem neuen Werk, „Das Mädchen mit dem Fingerhut", der Geschichte eines Flüchtlingsmädchens, zurück. Ein Interview.

Statt zwei Herren am Strand ein Mädchen im Großstadtdschungel, statt eines historischen Stoffs ein sehr heutiger, der freilich ins Märchenhafte kippt – wie ist es dazu gekommen?

Ich sehe mich als Diener meiner Geschichten; das Ideal ist, dass mein Name als Autor gar keine Rolle spielte. Was ich damit meine: Jede Geschichte gibt den Rahmen, in dem sie erzählt wird, vor. Ich hätte über dieses Mädchen nie so schreiben können wie über Chaplin und Churchill. Die Aktualität allerdings war nicht abzusehen, als ich das Buch schrieb: Das war 2014.

Was war Ihr Interesse?

Ich habe mich damals mit den sogenannten „Wolfskindern" im Baltikum nach dem Zweiten Weltkrieg befasst, wo tausende Kinder ohne Begleitung aufgewachsen sind und zum Teil wie Tiere im Wald gelebt haben. Der Huckleberry Finn war auch immer ein großes Motiv für mich, und so hat sich das gefügt. Jetzt bekommt es eine große Aktualität – auch wenn das Wort „Flüchtling" an keiner Stelle fällt.

Man kann den Roman auch raumzeitlich kaum verorten. Anfangs taucht in einer Markt- vielleicht auch Basar-Atmosphäre ein Bogdan auf; da denkt man noch an den Orient. Irgendwann ist die Rede von einem Fünf-Euro-Schein – das spricht für Europa –, schließlich von einer Renate. Er spielt wohl doch in Österreich oder Deutschland. Haben Sie es für sich verortet?

Ja, ich habe schon an Wien gedacht. Bogdan ist inzwischen in Wien überhaupt kein ungewöhnlicher Name. Aber: Ich möchte gar nicht viel mehr wissen als meine Heldin. Sie weiß auch nicht, aus welchem Land sie ist. Mit ihren sechs Jahren kann sie auch nicht sagen, welche Sprache sie spricht. Sie weiß nicht einmal ganz genau, wie sie heißt.

Der Name „Yiza", den sie annimmt, ist ein Witz – aber einer, den ich nicht verstehe ...

Das heißt einfach „Mädchen".

In welcher Sprache?

Ich glaube, usbekisch. Sie weiß es ja auch nicht genau. Mit sechs Jahren haben die Dinge in der Welt noch nur wenig Namen. Und: Ein Thema ist auch, dass sie die Schrecklichkeit der Situation, in der sie sich befindet, gar nicht richtig wahrnimmt. Wenn sie ein Stück Brot hat, ist sie glücklich, oder auch, wenn es warm ist oder sie schlafen kann.

Als erwachsener Leser zerreißt es einem aber das Herz ...

Ja, uns als Betrachter, aber ihr vielleicht gar nicht. Es ist ja schon im Titel angekündigt: Dieses Buch ist auch eine kleine Verbeugung vor Hans-Christian Andersen und seinem Mädchen mit den Schwefelhölzern. Dieses Märchen kann man auch mit einer nur kleinen Perspektivverschiebung auch als Sozialreportage lesen. Als ich jung war, gab es solche Dinge, wie ich sie hier schildere, nicht nur im Märchen: dass Kinder verloren gehen wie Hänsel und Gretel, dass sie verhungern, dass sie zu einer Frau kommen, die fast wie eine Hexe erscheint.

Was auffällt an Ihrem Buch, ist, dass es kaum Erwachsene gibt, die sich kompetent verhalten. Größtenteils ist Ihnen das Mädchen egal; diese Renate allerdings zerdrückt das Mädchen beinahe mit ihrer Liebe und hält sie gefangen. Kommentiert das unsere Haltung zu den Flüchtlingen?

Ich möchte das Wort „Flüchtlinge" gar nicht so in den Vordergrund schieben, denn dadurch ist es so nah geworden. Es ist auch niemand richtig böse zu der Yiza. Mir geht es um etwas Anderes. Aus österreichischen Flüchtlingslagern sind Kinder verschwunden; die sind ja irgendwo. Manchmal sieht man auf den Straßen Kinder, die fremd wirken, aber man kommt kaum auf die Idee, dass sie verloren sein könnten. Man geht davon aus, dass schon alles seine Richtigkeit hat.

Mitgefühl ist in dem Roman gekoppelt an die Niedlichkeit des Mädchens, an ein Kindchenschema. Schon der eine Junge, mit dem sie unterwegs ist, ist wegen seiner buschigen Augenbrauen schlechter dran. Sind wir wirklich so?

Die Erfahrung, die er macht, der Arian ist ja, dass er deutlich mehr Erfolg beim Betteln hat, wenn er um Aspirin bittet und nicht nur um Geld, weil er mit der Andeutung von Krankheit auch schon in ein solches Schema fällt. Damit wird er mitleidfähig; er rückt uns näher. Geld ist losgelöst von allem.

Beide Kinder werden vor der Zeit erwachsen. Es gibt eine große Apfelsymbolik in dem Buch, wie bei Adam und Eva, also dem Sündenfall, wie auch bei Schneewittchen ...

... es ist auch ein Vermählungszeichen.

Und ich fühlte mich an die Schneekönigin erinnert, deren Bann nur durch Liebe gebrochen werden kann. Liege ich falsch?

Ich sehe das mit der Liebe ähnlich. Es gibt diese Traumsequenz, in der sie sich vermählen ... Anfangs sagt der Onkel des Mädchens: „Mal schauen, dass sie über den Winter kommt." Das sah ich auch als meine Aufgabe, sie als Erzähler über den Winter zu begleiten. Dann kommt der Frühling, und der Arian ist da, älter und härter geworden. Aber er ist da, sie zu befreien.

Gibt es in Ihrem Gedanken ein Happy End für die beiden?

Wenn man nicht so sehr das „End" betont, weil das so sehr nach Lebensende klingt: Ja. Diese Geschichte, wie sie über den Winter kommt, endet gut. Sie findet ihren Geliebten, ihren Mann. Er hat sie befreit – das ist doch fast eine Prinzen- und Prinzessinnen-Geschichte.

Gibt es für die ganz realen Yizas dieser Welt ein Happy End?

Das weiß ich nicht. Mit einer Antwort auf diese Frage bin ich total überfordert. Nicht mal der Papst weiß eine Lösung. Aber vielleicht genügt es auch schon, wenn man einfach nur die Geschichte dieser Menschen erzählt. Manchmal ist das „Was" vielleicht wichtiger als das „Warum" oder das „Wohin". Jedenfalls für einen Autor.

Michael Köhlmeier: „Das Mädchen mit dem Fingerhut". Hanser, 144 Seiten, 18,90 Euro. Lesung am Montag ab 19.30 Uhr im Literaturhaus (Sophienstraße 2).


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