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Für die Goldene Palme gibt es in diesem Jahr keinen klaren Favoriten.

Für die Goldene Palme gibt es in diesem Jahr keinen klaren Favoriten.© afp

Filmfestspiele

Kein Topfavorit für die Goldene Palme in Cannes

Cannes stand noch nie in dem Ruf, eine Plattform für massentaugliches Kino zu sein. In diesem Jahr allerdings verlangen viele der 19 Wettberwerbsfilme dem Zuschauer derart viel ab, dass sich manch einer schon Woody Allens ebenso launische wie zynische Komödie „You Will Meet A Tall Dark Stranger“ in den Wettbewerb wünschte.

So fielen einige Beiträge umgehend wegen Langweile („My Joy“), Brutalität („Outrage“) oder Banalität („La Princesse de Montpensier“) bei den Kritiken durch. An den meisten scheiden sich die Geister, und nur ganz wenige werden als klare Favoriten gehandelt - wie „Des Hommes et des Dieux“ von dem Franzosen Xavier Beauvois.

Behutsam und ohne Pathos erzählt der Regisseur in dem zweistündigen Film von katholischen Mönchen eines Klosters in Nordafrika, die friedlich mit den muslimischen Dorfbewohnern zusammen leben. Doch irgendwann erreicht der fundamentalistische Terror das Kloster, die Mönche sollen das Land verlassen. Sehr eindringlich zeigt Beauvois die Gewissenskonflikte der Geistlichen, die ihrem Auftrag Gottes nachkommen und die Dorfbewohner nicht im Stich lassen wollen und dennoch auch um ihr eigenes Leben fürchten. Er porträtiert sie als Menschen, die nicht in einem Elfenbeinturm theologischer Dogmen leben. Zudem greift er in seinem durchaus poetischen Werk, das auf einer wahren Begebenheit beruht, den hochaktuellen und problematischen Dialog zwischen Christen und Muslime auf.

Poetisch ist auch der Film des Südkoreaners Lee Chang-dong - und das nicht nur wegen seines Titels „Poetry“. Zwar begibt sich darin die 66-jährige Mija über die Poesie auf die Suche nach der Schönheit im Leben, wird aber zugleich mit den Grausamkeiten und der von Männern und Geld beherrschten Welt sowie der eigenen Sprachlosigkeit schmerzlich konfrontiert. Doch ist es vor allem die langsame, kunstvolle Erzählweise, die so beeindruckt. Dazu trägt auch die großartige Hauptdarstellerin Yun Junghee bei, die erstmals seit mehr als 15 Jahren wieder auf der Leinwand zu sehen ist und bereits als beste Schauspielerin des Festivals gehandelt wird.

Ihr könnte die Britin Lesley Manville als Mary in Mike Leighs „Another Year“ Konkurrenz machen. Das Sozialdrama über ein glückliches Paar kurz vor der Pensionierung und ihren gescheiterten Freunden, die allein sind, zuviel Alkohol trinken und mit ihrem Leid ganz unterschiedlich umgehen, mag etwas zu konventionell, wenig ungewöhnlich und teils zu klischeehaftig sein. Trotzdem handelten auch dieses Werk einige als Favoriten.

An „Biutiful“ von dem Mexikaner Alejandro González Iñárritu, der bereits 2006 für „Babel“ in Cannes mit dem besten Preis für die Regie ausgezeichnet war, scheiden sich ebenso die Geister. Es ist ein Film über Liebe, verpasste Chancen und das Vatersein. Denn der todkranke Uxbal, eindringlich gespielt von Javier Bardem, der als Kandidat für den besten Darsteller gilt, versucht kurz vor seinem Tod seinen beiden Kindern noch ein besseres Leben vorzubereiten, scheitert aber kläglich, da er sich als Kleinkrimineller mit Herz immer wieder in Geschäfte einlässt, die schief laufen.

Vatersein ist überhaupt das große Thema des 63. Festivals an der Croisette: In „Chongqing Blues“ des Chinesen Wang Xiashuai begibt sich ein Vater, 14 Jahre nachdem er seine Familie verlassen hat, auf die Suche nach seinem inzwischen toten Sohn, der - wie er dann erfährt - immer auf seinen Vater gewartet hat. Wang Xuegi spielt diesen Vater mit so einer seltsam melancholischen Unberührtheit und doch fühlt und sieht der Zuschauer den ganzen Schmerz dieses Mannes, der sich nicht nur auf die Suche nach seinem Sohn sondern auch nach seinen eigenen verloren gegangenen Werten macht.

Ebenfalls um die Schuld eines Vaters geht es in dem ersten Wettbewerbsbeitrag aus dem Tschad. In „A Crying Man“ erzählt Regisseur Mahamat-Saleh Haroun von einem Mann, der seinen Job als Pool-Aufseher in einem Hotel an seinen Sohn verliert und den Jungen wenig später in dem vom Bürgerkrieg erschütterten Land an das Militär ausliefert, um sich selbst zu retten. Den Verrat muss er bitter bezahlen. Politischen Umbrüchen und ihren Folgen auf das persönliche Leben der Menschen widmet sich auch Ken Loach in „Route Irish“, Söldner in Irak, die teils sinn- und skrupellos ihre Macht ausspielen. Gewohnt sozialkritisch und auf der Suche nach der Wahrheit gehört auch Loach zu den Anwärtern auf die Goldene Palme.

Jury-Präsident Tim Burton hatte zu Beginn des Festivals die Parole ausgegeben: „Wir wollen Filme, die uns berühren.“ Und das ist vielen der 19 Beiträgen gelungen. Zudem sei ihm und seinen acht Mitstreitern in der Jury das Element der Überraschung wichtig. Und so wird Burton am Sonntag bei der Preisverleihung sicher auch für eine Überraschung sorgen, denn dafür war Cannes schon immer gut.

dpa


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