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Rechnet mit dem Fernsehen ab: Oliver Kalkofe.© Heusel

NP-Interview

Kalkofe über das Fernsehen: "Vieles ist hingeschissene Ware"

Wenn es um seine Hassliebe, das Fernsehen, geht, packt der aus Hannover stammende Medienkritiker und Brachialkomiker Oliver Kalkofe (44) statt der spitzen Feder das Hackebeil aus. Die NP sprach mit ihm über seine neue Kolumnensammlung „Gemeinsam sind wir doof!“, „Big Brother“ und Lena Meyer-Landrut. Ein Interview von Stefan Gohlisch.

„Deutschland sucht den Superstar“ ist wieder da, ebenso „Germany‘s Next Topmodel“ und „Big Brother“. Es müssten goldene Zeiten für Sie sein, oder?

Ehrlich gesagt ist meine Reaktion eher: Boah, wie langweilig! Zu all diesen Sendungen ist schon alles gesagt. Das Erschreckende ist aber, dass diese Sendungen die einzigen sind, die man überhaupt noch aufzählen kann, wenn man an das Fernsehen denkt. Weil alles andere so namenlos und noch inhaltsleerer ist.

Was auffällt, ist, dass solche Sendungen zunehmend zum Auffangbecken fürs Prekariat werden. Ins „Big Brother“-Haus ist schon wieder eine Porno-Darstellerin eingezogen…

Vor allem, wenn man bedenkt, wie man das mal anfing: diese Diskussionen darüber, was man macht, wenn da einer mal blank zieht. Inzwischen werden die Kandidaten offenbar nach ihrer Bums-Fähigkeit gecastet. Da sind keine Agenten mehr tätig, sondern Zuhälter.

Warum werden solche Sendungen immer wieder aufgelegt?

Aus dem selben Grund, aus dem man immer wieder zum McDonald‘s geht: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Und – das muss man den Machern vorwerfen: Wir sind gegenüber dem Fernsehen skeptisch geworden. Das Urvertrauen – „unterhalt‘ mich doch mal!“ – ist weg, weil das sowieso nicht klappt. Also bleibe ich als Zuschauer bei dem, was ich kenne: Da weiß man, was man hat. Früher gab es bloß keine Ideen; jetzt fehlt auch noch das Geld dazu. „DSDS“ ist ja eine der wenigen Sendungen, die überhaupt noch nach Fernsehen aussehen. Bis auf wenige Ausnahmen wie „Unser Star für Oslo“ wird auch gar keine große Show mehr probiert.

Haben Sie die Shows gesehen?

Nur zum Teil. Aber ich fand es auf jeden Fall spannend. Es zeigte: Man kann solche Shows auch ohne Häme und das Auslachen von Randgruppen machen. Das war eindeutig ein Schritt in die richtige Richtung – gleichzeitig aber auch ein Armutszeugnis für die ARD, die Hilfe braucht, um das erste Mal überhaupt die Jugend anzusprechen. Aber: Hut ab, dass sie zu ihrer Unfähigkeit stehen! Bitte mehr davon.

Wie finden Sie die Siegerin Lena Meyer-Landrut?

Sehr erfrischend. Das ist mal jemand, der so absolut ohne Star-Allüren ist, so natürlich und nicht durchgestylt. Das ist auch ihre Trumpfkarte. Hoffen wir, dass sie so bleibt.

Freut es Sie als Ex-Hannoveraner auch, dass sie aus unserer Stadt kommt? Oder sind Sie dafür schon zu weit weg?

Wer ist schon sehr weit weg von Hannover… Im Ernst: Ich habe sie gar nicht so sehr mit Hannover verknüpft. Andererseits: Die Stadt kann jeden positiven Star gebrauchen. Ich bin ja übrigens auch gebürtiger Hannoveraner! Die Show hat jedenfalls gezeigt, dass es sich selbst in Hannover lohnen kann, ein paar Steine umzudrehen, da findet man mehr, als man glaubt.

Wenn man Ihr Buch liest, hat man den Eindruck, aktuell würden Sie vor allem die vermeintlichen Doku-Soaps wie „Mitten im Leben“ stören. Was ist daran so schlimm?

Das ist eine lange Liste. Solche Sendungen sind dafür verantwortlich, dass wir das Interesse am Fernsehen verlieren. Es ist hingeschissene Ware, mit der einfach nur Sendezeit vollgerotzt wird. Es ist dumm, langweilig, blöd und hanebüchen. Das Schlimmste ist aber: Es wird als Realität verkauft. Unsereins durchschaut, dass die Realität zum Glück nicht so ist – aber nicht der Großteil derer, die das gucken, bei denen der Fernseher durchläuft und die sonst nichts haben, die also aufs Fernsehen angewiesen sind. Fernsehen hat immer vorgegeben, was normal ist, was Realität ist. Diese Menschen werden umerzogen: Sie werden so blöd wie die Idioten in den Sendungen. Das ist nicht mehr gutzumachen.

Es gibt Menschen, die sagen, nie sei das Fernsehen so gut gewesen wie heute, und verweisen auf die Serien aus angloamerikanischen Raum.

Ja, was dort geboten wird, ist herausragend. Aber: Wir bekommen davon so gut wie nichts mit, ein paar Spitzen vielleicht wie „Dr. House“. Alle anderen Serien laufen gar nicht, werden nach ein paar Folgen abgesetzt oder im Nachtprogramm versteckt. Manches davon – zum Beispiel „Six Feet under“, „Deadwood“ oder „Sopranos“ – ist zum Niederknien gut. Und es gibt immer wieder etwas Neues. Was ich nicht verstehe: Uns geht es nicht viel schlechter als anderen Ländern, England zum Beispiel. Aber von dort kommen fantastische Serien wie „Dr. Who“ oder „Torchwood“.

Warum klappt das in Deutschland nicht?

In Deutschland hat man komischerweise nie so richtig mit Innovationen gearbeitet. Es ist offenbar sicherer, etwas Mittelmäßiges zu machen als etwas Neues. Und der Nicht-Glaube an die eigene Kreativität ist weit verbreitet. In den USA wissen die Fernseh-Produzenten, dass das Publikum gespannt ist, was Neues kommt. Einiges wird scheitern, anderes bleiben. Die überlegen das ganze Jahr: Was machen wir als nächstes Neues? Und nicht ausschließlich: Wann produzieren wir die nächste Staffel „DSDS“, weil die Quoten dafür gerade so gut sind?

Sie sprechen sich in Ihrem Buch auch gegen die Quotengläubigkeit aus. Bilden diese Fernseh-Quoten überhaupt noch die Medienrealität ab?

Nein, die Quotenmessungen werden so vorgenommen, als hätten wir noch einen Zustand wie vor 20, 30 Jahren, als sich die Familie noch vor dem einen einzigen Fernseher der Wohnung versammelt hat. Heute aber gibt es in jedem Haushalt zig Geräte, Fernseher, Handys, Rechner. Es gibt Festplattenrekorder und DVDs. Das wird alles nicht gemessen. Die Quoten geben ganz tolle Hinweise auf Trends, zum Beispiel, wie alt die Menschen sind, die eine Sendung gucken. Das Einzige, was sie nicht abbilden, ist das wirkliche Nutzungsverhalten.

Also ist das Fernsehen tot, wie Sie es in Ihrem Nachruf schreiben?

Naja, die Hoffnung stirbt zuletzt; sonst könnte ich ganz aufhören. Aber zu hoffen wird für mich von Jahr zu Jahr schwieriger.

Oliver Kalkofe: „Gemeinsam sind wir doof! Kalkofes letzte Worte“. Lappan, 128 Seiten, 12,95 Euro.


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