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SCHIESST SICH AUF SCHRANZEN EIN: Ferdinand (Johann Fohl, li.) und der Hofmarschall von Kalb (Jens Koch).

SCHIESST SICH AUF SCHRANZEN EIN: Ferdinand (Johann Fohl, li.) und der Hofmarschall von Kalb (Jens Koch).© Andreas Hartmann

Schauspiel

"Kabale und Liebe": Theater für Niedersachsen feierte 60 Jahre Bühnentradition

Eine Lichtwand wechselt die Farben, Unmengen Papier am Boden, ein paar Stühle. Mit wenigen Mitteln erzielt Julia Hattstein im Bühnenbild von „Kabale und Liebe“ große Wirkung.

Hannover. Papier, die Massenvernichtungswaffe der Neuzeit: Akten, Dokumente der Herrschaft, der Drangsalierung, des Behördenterrors. Papier kann gut lügen. Ein intriganter Brief zerstört eine junge Liebe. Weil ein Präsidentensohn keine bürgerliche Musikerstochter heiraten darf. Das ist gegen die Hofsitte, gegen die Weltordnung.

Schillers Jugenddrama wird heute oft gespielt. Mühelos übertragen sich die Intrigen des Hofstaats auf jedes Kulturmilieu, in dem Menschen voneinander abhängig sind. Das Stück ist die größtmögliche Verdichtung administrativer Gemeinheiten. Das funktioniert, auch wenn die Akteure wie aus dem Kaufhaus eingekleidet sind. Mehr Aktualisierungen leistet sich Regisseurin Bettina Rehm nicht, Schiller bleibt Schiller.

Joelle Rose Benhamou spielt Luise, das in den Tod gejagte Mädchen, sehr anrührend, reizt aber die Gefühlsspitzen nicht ganz aus. Auch ihren Geliebten Ferdinand (Johann Fohl) hat man schon explosiver gesehen. Die Regie arbeitet offenbar mit Pathosbremse, widmet dafür aber Schillers pointierter Sprache sehr viel Aufmerksamkeit. Rüdiger Hellman als Musikus Miller ist ein Beispiel dafür, wie man Sprache energetisch aufladen kann, ohne emotional zu platzen. Sehr spannungsreich spricht auch Michaela Allendorf als Lady Milford.

Die Hofschranzen sind, vom Chef (Martin Molitor) bis zum Lakaien, coole Bürokraten, nur Marschall von Kalb (Jens Koch) ist eine Witzfigur. Dass der armselige Intrigenspinner Wurm (Dennis Habermehl) am Ende erschossen wird, steht so nicht bei Schiller. Bei ihm dürfen die Bösen alle überleben. Vielleicht soll es das Gerechtigkeitsgefühl heutiger Tatort-Gucker befriedigen, dass wenigstens ein Bauernopfer zur Strecke gebracht wird. Todesschütze ist allerdings der Chef, der Hauptschuldige, und das ist nun wieder sehr ungerecht.

Die Fetzigkeit eines Psychothrillers, die in diesem Stück steckt, hat die Inszenierung nicht erreicht und wohl auch nicht gewollt. Dafür wird diszipliniertes, spannendes Sprechtheater geboten, das ist auch nicht wenig. Das Publikum folgte konzentriert und applaudierte freundlich.

Bewertung: 4/5

Jubiläum nahe dem Gründungsort

Zwei Aufführungen im Theater am Aegi spannten am Wochenende einen langen historischen Bogen. Vor 60 Jahren wurde wenige Schritte weiter, im Haus der Jugend, die Landesbühne Niedersachsen-Süd gegründet und startete damals ebenfalls mit „Kabale und Liebe“. Bei einem Empfang am Samstagabend im Aegi-Foyer erinnerte TfN-Intendant Jörg Gade daran und begrüßte als Ehrengäste den Ex-Landesbühnen-Intendanten Wolfgang Brehm und den langjährigen Landesbühnen-Schauspieler und Publikumsliebling Gerd Peiser, der heute 81 Jahre alt ist, aber immer noch Gastrollen bei verschiedenen Theatern spielt. In unzähligen Aufführungen hat Peiser auch das Theater am Aegi bespielt, lange bevor die Landesbühne Hannover durch Fusion im Hildesheimer Theater für Niedersachsen aufging. Die hannoversche Bühnentradition wird nun aber weitergeführt, das Aegi-Theater ist ein fester Gastspielort des Theaters für Niedersachsen.


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