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Justin Sullivan© Frank Wilde

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NP-Interview

Justin Sullivan: "Ich habe eine Scheißangst"

Es ist ein sonnig-warmer-Tag, an dem Justin Sullivan, Bandboss von New Model Army, die NP besucht - man spricht über das neue Album "Winter" (Edel), das Alter, einen Sommerabend am Maschsee und den Brexit.

Wir sitzen hier an diesem schönen Sonnentag und reden über etwas namens „Winter“.
Ist es nicht ironisch? Das ist typisch New Model Army: im Sommer ein Album mit dem Titel „Winter“ zu veröffentlichen.

Was bedeutet der Winter Ihnen?
Ruhe. Der Song „Winter“ war der zweite oder dritte, den wir für das Album schrieben, und er fühlte sich richtig an. Die Zeile mit dem „Age of Consequence“ habe ich irgendwo gelesen und geklaut, weil sie stimmt: Wir betreten die Zeit der Konsequenzen. Wir werden ernten, was wir gesät haben.

Auch in dem Sinne von Paul Austers „Winterjournal“, in dem er beschreibt, wie er in den Winter seines Lebens übertritt? Sie sind dieses Jahr 60 geworden.
Nicht wirklich. So fühlt es sich für mich nicht an. Ein Freund hat mir mal gesagt, in meinem Alter fände man Frieden. Nein, tue ich nicht, eher im Gegenteil. Ich glaube auch: Wenn Künstler ihren Frieden finden, ist das wirklich schön für sie persönlich - aber es versaut die Kunst. Unsere ganze Band besteht aus ruhelosen Seelen. Wir sind auf einer großen Reise.

Irgendwelche großen Stationen, auf die Sie gerne zurückblicken?
Ich habe in einer Frauenzeitschrift gelesen - darum muss es wahr sein -, dass der Schlüssel zum Glück ein gutes Leben und ein schlechtes Gedächtnis ist. Manchmal müssen wir zurückblicken, zum Beispiel als zu unserem 30-jährigen Bestehen ein Film über die Band entstand. Das war nicht schön.

Was treibt Sie immer weiter an?
Das selbe wie damals, ganz am Anfang: die Liebe zur Musik. Ganz einfach.

Wirklich? New Model Army wirkte immer auch wie eine Band, die etwas sagen wollte.
Ja. Viele Menschen glauben das.

Sie sind vielleicht metaphorischer geworden über die Jahre, aber ...
Nein, ich schreibe einfach nur Zeugs. Es gibt Bands, die beherrschen kaum ihre Instrumente, aber sie wollen etwas sagen; sie haben eine Agenda. So sind wir nicht. Uns gibt es aus musikalischen Gründen. Aber zufällig interessiert es mich, über Dinge zu schreiben, die passieren. Bei Musik geht es nicht um eine Philosophie. Es geht um Gefühle, und Gefühle sind nun einmal widersprüchlich. Klar, wir haben hochgradig politische - und hochgradig politisch unkorrekte - Songs geschrieben. Aber am Ende geht es immer um die Musik.

Wie entstehen Ihre Songs?
Wir haben zwei Schränke. In den einen kommen musikalische Ideen, in den anderen Notizen: „worüber ich gerne mal schreiben würde“. Das kann alles Mögliche sein: etwas, das ich beobachte, was mir jemand erzählt hat, worüber ich gelesen habe ... Man muss warten, bis die Schränke voll sind; sonst geht es nicht. Wir haben einmal ein Album aufgenommen, als die Schränke noch halbleer waren - ein großer Fehler. Die Ideen steuern alle aus der Band bei, aber für das Songschreiben brauche ich nur eine Person, höchstens zwei um mich. Meistens ist Michael, unser Drummer, dabei, denn beim Schlagzeugspiel geht es darum, unterschiedliche Sounds zu balancieren. Und dann probieren wir aus und ziehen Zettel aus den Schränken. Und je mehr Ideen darin stecken, desto mehr Ideen kommen einem dann bei der Arbeit.

Und anschließend ist der Schrank leer?
Im Moment ist er das, wahrscheinlich. Denn wenn ich wieder zurückkehre und genau hinschaue, entdecke ich doch immer noch etwas. Das Riff aus „Devil“ vom neuen Album zum Beispiel spukt mir schon seit 20 Jahren im Kopf herum. Diesmal passte es.

Verdienen Sie mehr Geld mit den Alben oder mit der Tour?
Wir sind eine Kultband, was bedeutet, dass wir schon immer Alben veröffentlichen, um auf Tour zu gehen, um T-Shirts zu verkaufen (lacht). Wir haben in den frühen 90ern wirklich eine Menge Geld verdient, aber wir haben es alles wieder auf den Kopf gehauen, als wir für „Strange Brotherhood“ im Studio saßen. Seitdem haben wir kaum Geld verdient. Aber immer wenn ich in meinen Kühlschrank gucke, scheint dort genug zu essen drin zu sein.

Was brauchen Sie zum Leben?
Nahrung, Unterkunft und Kleidung. Das reicht.

Wo würden Sie das aktuelle Album einordnen in Ihrem Oeuvre? Ist es das beste überhaupt?
Das müssen Sie entscheiden.

Es ist zumindest ein sehr gutes. Gibt es einen Song darauf, der Ihnen besonders wichtig ist?
Darauf können wir uns schon als Band nicht einigen - so wie wir uns über nichts einig sind. Ich persönlich mag „Beginning“. Ich mag „Winter“. Und ich mag „Devil“ wirklich gerne - Michael hasst es (lacht). Wir kommen alle aus unterschiedlichen Hintergründen, aber das liebe ich. Vergangenes Jahr haben wir bei einem Folk-Festival gespielt, bei einem Gothic-Festival, einem Metal-Festival, mit den selben Songs. Es passte immer.

Und Sie spielten auf dem Maschseefest.
Ja, und wissen Sie was? Wir haben tausende Gigs gespielt. Aber es kann immer noch passieren, dass wir nach einem Auftritt sagen: Das haben wir so auch noch nicht erlebt. Dieses Konzert ist in unseren Top 20. Tolles Wetter, ein schöner Ort, kostenloser Eintritt, ein schöner Abend. Unser Toningenieur kann mit seinem iPad mischen - der hat während des Konzerts auf einem Boot gesessen. Diese Nacht haben wir alle geliebt.

Das neue Album klingt sehr kraftvoll, aber voll ruhiger Kraft. Das ist kein Punkrock mehr ...
Naja, in „Burn the Castles“ steckt eine Menge Punkrock. Aber wir variieren mehr. Wir haben über all die Jahre ein paar mehr Tricks gelernt.

Da wir bei dem Song sind: Lassen Sie uns ein wenig über Politik reden ...
... okay, dieses Lied: Wir hatten das Album im Februar fertig. Wieder gehört habe ich es am Tag nach dem Brexit, und bei dem Lied dachte ich: Oh, das ist der Sound des Moments. Kurz danach war ich auf Interview-Tour in Deutschland und wann immer man mich zum Brexit befragte, sagte ich: „Hört ich den zweiten Track an!“

Was meinen Sie?
Wissen Sie: 2008 hätten wir wirklich eine Chance gehabt, etwas zu ändern, als das Finanzsystem kollabierte. Jeder wusste, dass das System am Arsch war, aber niemand wusste, wie man es reparieren konnte. Also haben die Leute getan, als sei das System noch zu retten, als sei es in Ordnung - und jeder weiß, dass es das nicht ist. Und jetzt spüren wir die Konsequenzen. Und da kommt noch mehr: Wenn die Hälfte der Bevölkerung abgehängt ist, wird diese Hälfte der Bevölkerung aufstehen und, verdammt noch mal, alles lynchen, was sich bewegt. Da sind wir wieder bei dem „Age of Consequences“. Es sind gefährliche Zeiten. Ich habe Angst, eine Scheißangst.

In dem Song stürmen die Leute die Burgen und stellen fest, da ist gar keiner mehr.
Ja, weil wir kopflos sind. Irgendetwas muss sich ändern.

Hilft Musik?
Musik hilft immer. Musik rettet unsere Seelen.

New Model Army live: Donnerstag (20.10.2016) ab 20 Uhr im Capitol.


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