Navigation:
Hannover - Ballhof; Julian Hetzel Interview (Foto: Yaylagülü)

Julian Hetzel© Emre Yaylagülü

|
NP-Interview

Julian Hetzel: Vor der Oper wird Warten zur Kunst

Eine Einladung, Zeit zu verschwenden: Seit Freitag entsteht auf dem Opernplatz ein Containerdorf für die Installation „Still - die Ökonomie des Wartens“ im Rahmen der Theaterformen. Der Regisseur und Musiker Julian Hetzel konfrontiert den Besucher unter anderem mit Menschen, für die das Warten zum Beruf geworden ist: Wärtern und Bettlern.

„Still“ heißt Ihre Inszenierung. Reden wir über das deutsche „still“ oder das englische, das ja auch die Bedeutung eines Filmstills, also eines Standbildes, haben kann?
Schon in Holland, wo „Still“ erstmals gezeigt wurde, gab es die Doppelbedeutung von Ruhezustand und Ruhe. Der Originaltitel ist englisch, also schwingt beides mit.

Sie bauen auf dem Opernplatz eine Containerlandschaft auf ...
Ja, es sind 13 Container, 14 mit dem Kassencontainer. Die werden zu einer Art Labyrinth zusammengebaut. Fünf Räume entstehen, mit einer Fläche von knapp 200 Quadratmetern. Alle unterscheiden sich stark voneinander.

Es wird einen Raum geben, in dem Wärter Porträts von sich selbst bewachen, einen Naturraum, einen, in dem die Besucher realen Bettlern begegnen ...
... dann gibt es noch einen Raum, den man schon von außen wahrnehmen kann, weil man es nämlich hört. Wir nennen ihn „Zeit-Maschine“, wobei es eher eine Zeitansage ist. Da lesen Performer, asiatische Performerinnen alle zehn Sekunden die Uhrzeit vor.

Warum Asiatinnen?
Es geht um den Sachverhalt, dass früher gewisse Tätigkeiten von Maschinen übernommen wurden. Heute ändert es sich wieder: weil Arbeit - und das eben besonders in Asien - nichts mehr kostet. Das fanden wir spannend: Das Warten ist unser Ausgangspunkt, also auch Zeit, und darum brauchten wir eine Art Uhr, die uns immer wieder daran erinnert, wo wir sind.

Ansonsten ist in der Installation der Zwang der Zeit aufgehoben?
Es gibt zwar eine klare Raumreihenfolge, auch eine Dramaturgie. Aber wie lange man verweilt, entscheidet man selber. Eine halbe Stunde dauert es mindestens. Es gibt auch ein Wartezimmer ...

Da muss man wirklich warten?
Ja, und man weiß nie, wer nun Teil der Installation ist und wer ein weiterer Besucher. Da verschwimmen die Grenzen, und damit spielen wir, speziell in diesem Warteraum - wer gehört dazu, wer nicht? Und so wird auch jede Handlung des Besuchers zum Teil des Stücks. Eine Hostess gibt es immer, die den Besucherstrom regelt und auch improvisieren muss; wir haben sehr charismatische Performer gefunden.

Wie haben Sie die Performer gefunden?
Wir bringen nur drei aus den Niederlanden mit. Den Rest haben wir hier in Hannover gecastet. Die Wärter zum Beispiel sind echte Sicherheitskräfte. Wir suchten nach einer gewissen Erfahrung in dem Beruf, nach Sensibilität und nach Offenheit: Wenn die sich gar zu extrem ernst nehmen, kann es schwierig werden.

Es geht um Menschen, die ihre Arbeitszeit größtenteils mit Warten verbringen ...
... und damit ihr Geld verdienen. Im Kern haben sie die selben Ressourcen wie die Bettelnden: Sie haben Zeit, sie haben Präsenz - aber sie haben auch eine gewisse Autorität. Doch am Ende sind sie einfach da. Uns geht es darum, Dinge, die in der Peripherie stattfinden, die man kaum wahrnimmt, sichtbar zu machen - niemand geht ins Museum, um die Wärter zu betrachten.

Das gilt umso mehr für die Schnorrer ...
Wir arbeiten mit stillen Bettlern, also Menschen, die sich einfach nur auf die Straße setzen und da sind. Einfach da zu sein, ist genug. Was die angeht, sind wir noch auf der Suche. Meine Assistentin ist seit zwei Wochen in der Stadt unterwegs, vereinbart Termine und guckt: Wie sind die so drauf?

Wie sind sie denn drauf?
Total unterschiedlich. Alle haben ihre eigene Biografie, die dazu führt, dass sie betteln. Manche leben auf der Straße, andere haben irgendwo eine Wohnung. Es gibt Rentner, die betteln, weil ihr Geld nicht reicht. Gerade gestern habe ich jemanden kennengelernt, dem 250 Euro pro Monat zur Verfügung stehen - klar reicht das nicht. Da wird sehr offensichtlich, wie kaputt das System ist. Das sind keine Menschen, mit denen wir arbeiten können. Es geht darum, dass sie selber verstehen, worum es uns geht, und dass sie dafür Verantwortung übernehmen können. Beim Betteln gibt es eine Art Arbeitsethos: Sie sitzen jeden Tag ihre acht Stunden an ihrem festen Platz. Sie verstehen das als Arbeit. Sie würden dabei niemals trinken, rauchen, telefonieren.

Sie setzen sich aber schon dem Vorwurf des Menschenzoos aus.
Natürlich ist das ein Museums-Set-up, in dem wir arbeiten. Aber es gibt eine Kontextverschiebung, durch Bewegung raus aus dem Stadtraum, rein in diesen Container, einen Kunstraum. Dadurch wird natürlich auch ein Kunstbegriff in Frage gestellt. In einem Zoo aber starre ich nur Tiere an, eine andere Spezies. Hier aber begegne ich Menschen, auf Augenhöhe, und muss mich mit ihnen auseinandersetzen. Sobald man ins Gespräch kommt, entsteht eine ganz andere Situation.

Was macht „Still“ überhaupt zu einer Theaterform?
Das Ganze hat einen zeitlichen Rahmen, es gibt ganz viele theatrale, auch performative Elemente. Natürlich sitze ich als Zuschauer nicht bequem in einem Sessel. Ich muss meine Neugierde mitbringen, viel mehr als im klassischen Theater. „Still“ bringt immer wieder die Genregrenzen durcheinander. Man weiß nicht: Ist das ein Stück, eine Ausstellung, eine Installation? Aber das gibt einem auch die Möglichkeit, sich selbst zu hinterfragen. Auch in diesem Naturraum: Dort schaut man stellvertretend einem Zuschauer zu - einem Performer, der in dieser künstlichen Landschaft steht. Es geht letztlich um Stillleben: still leben. Es ist immer wieder eine Auseinandersetzung über jemand anderen mit sich selber.

Mit „Still“ beginnen die Theaterformen. Mit einem Konzert Ihrer Band Pentatones endet das Festival. Wie werden Sie ihre Zeit dazwischen verschwenden?
Ich habe es mir eingerichtet, dass ich ein paar tage hier sein kann, um einiges von dem Programm mitzunehmen. Das wird eine schöne, entspannende Zeit.

„Still“ - vom 2. bis 12. Juli täglich (außer am 6.) ab 17 Uhr.

www.theaterformen.de


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Die Bahn verspricht, pünktlicher zu werden - schafft sie das?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg
Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman zur Galerie