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IDENTIFIZIERT SICH MIT TIEREN: Judith Holofernes versteht sich als Schreiberin, will aber weiterhin auch Musik machen.© Stephanie Pilick

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Interview

Judith Holofernes stellt neuen Gedichtband vor

Von „Rüssel an Schwanz“ bis „Opossum“ - Tiere spielten in den Texten von Judith Holofernes (39) schon immer eine große Rolle. Nun hat die ehemalige Wir-sind-Helden-Frontfrau einen ganzen Band mit Tiergedichten veröffentlicht, „Du bellst vor dem falschen Hund“, und stellt ihn im Literarischen Salon vor. Ein Interview.

Wann haben Sie sich zuletzt wie ein Wiesel gefühlt?

Sie meinen im Sinne von „Tripp tripp trapp“? (lacht)

Genau. Ein Wiesel, das in Ihrem Gedicht hin- und hertanzt und schließlich sagt: „Was ich tu, ist Kunst, nicht Krach!“

Ziemlich oft wahrscheinlich. Generell identifiziere ich mich stark mit vielen Tieren, die dort auftauchen. Der Lemur zum Beispiel, mit seinem „allein im Dienst der Freude“, tanzt mir auch sehr auf der Seele. Tiergedichte kann man, glaube ich, sowieso nur schreiben, wenn einem klar ist, dass man nur sehr wenig über die Tiere sagen kann, aber sehr viel über sich. Zumindest hat die Tradition, auf die ich mich berufe, wenig zoologischen Korrektheitsanspruch.

Welche Tradition ist das? Heinz Erhardt? Erich Kästner? Robert Gernhardt?

Alle. Im Prinzip ist das ganze Buch ein Genre-Zitat, weil einfach jeder Dichter, der etwas auf sich gehalten hat, Tiergedichte geschrieben hat. Am meisten Einfluss auf mich - und das nicht nur hier, auch als Singer/Songwriter - hatten immer die komischen Lyriker.

Haben Sie Geheimtipps?

Mein allerliebstes Tiergedicht ist von Robert Gernhardt, das von den drei kleinen Fröschen. Aber auch Morgensterns gebeugter Werwolf ist ungeschlagen, mit dem Weswolf und dem Wemwolf ...

Wie kam es jetzt zu dem Buch?

Unbeabsichtigt. Nachdem wir mit den Helden aufgehört hatten, war nur klar, dass ich mehr schreiben muss als in den zehn Jahren zuvor, weil Schreiben der Kern dessen ist, was ich tue. Das tat ich dann auch, wobei nicht immer klar war, wo was landet. „Nichtsnutz“ zum Beispiel von meinem Solo-Album hatte mal als Tiergedicht angefangen. Ich wollte keine Platte machen, aber irgendwann hatte ich neun Songs. Und ich wollte kein Buch machen, aber irgendwann hatte ich 15 Gedichte, und dann kam meine Illustratorin Vanessa dazu ...

Wie unterscheiden sich Buch- und Musikszene?

Sie sind schon extrem unterschiedlich. Es gefällt mir sehr gut in der Buchszene - aber das wird mich nicht vom Musikmachen abhalten. Die nächste Platte fährt schon wieder ihre Ellenbogen aus in meinem Kopf. Das kann ein bisschen dauern, weil ich keine Lust mehr habe auf diese abgesteckten Zyklen in der Musikindu-strie. Ich finde die Buchszene vergleichsweise sehr unhysterisch und entspannt. Das mag die Außenseiterperspektive sein, und es mag auch sein, dass einem das in zehn Jahren auf den Geist geht und man denkt: „Kommt mal aus dem Quark!“ Aber für mich ist es schön, dass nicht alles so heiß gekocht wird und so schnelllebig ist.

Schnelllebiger als die Musikindustrie geht ja auch kaum.

Eben. Hinzu kommt natürlich, dass niemand von diesem Buch erwartet, dass es die „Spiegel“-Bestsellerliste stürmt. Das wäre vielleicht anders, wenn ich einen Roman über Sex und Spiritualität geschrieben hätte.

Das kommt eher nicht in Frage, nehme ich an?

Wobei es nicht daran lag, dass ich nicht entsprechende Anfragen bekommen hätte, wie vermutlich jede einigermaßen junge Frau in Deutschland, die einen Satz geradeaus sprechen kann. Manche waren auch toll und auch mich meinend. Aber es gab eben auch jene, da sollte ich etwas schreiben über Spiritualität und, wenn es geht, bitte auch noch mit Sex und Reisen und Katzen ...

Gibt es eigentlich Tiere, bei denen Sie denken, die braucht kein Mensch? Bei Ihrem „Marabu“-Gedicht kann man das annehmen.

Dass Menschen genauso so egozentrisch oder anthropozentrisch funktionieren, darum geht es ja gerade in dem Gedicht. Das ist für mich eigentlich der Witz: dass man vor einem Marabu steht und denkt: „Warum?! Wozu ist das gut?“ Ich finde nicht, dass Tiere irgendeinen Sinn haben müssen. Ich habe sie immer geliebt, weil sie so lustig sind.

Judith Holofernes: „Du bellst vor dem falschen Hund“ (Illustrationen: Vanessa Karré). Tropen, 104 Seiten, 17,95 Euro.

Am 4. Dezember, 20.15 Uhr, zu Gast im Literarischen Salon (Königsworther Platz 1). Eintritt: neun, ermäßigt fünf Euro.

NPVISITENKARTEN - Judith Holofernes

Geboren am 12. November 1976 in Berlin. Eigentlich Judith Holfelder-Roy. Ehemals Sängerin und Texterin der Band Wir sind Helden (2000 bis 2012). 1999 brachte Judith Holofernes ihre erste Solo-Platte „Kamikazefliege“ heraus. 2012 gab die Gruppe bekannt, dass sie auf unbestimmte Zeit pausieren wird. Im April des Jahres traten Wir sind Helden zum letzten Mal live auf. Seitdem ist Judith Holofernes wieder solo unterwegs und brachte 2014 ihr Soloalbum „Ein leichtes Schwert“ heraus. Außerdem schreibt sie Lyrik.


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