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Die Zukunft im Blick: Johannes Oerding.

Die Zukunft im Blick: Johannes Oerding.
© Marcel Schaar

NP-Interview

Johannes Oerding zieht seine „Kreise“

Er ist einer der unermüdlichsten Live-Künstler des Landes: Jetzt hat Johannes Oerding ein neues Album veröffentlicht, „Kreise“ (Columbia D/Sony). Welche er noch zu ziehen gedenkt, erzählt er im Interview.

Hannover. Er zieht munter seine „Kreise“ – so heißt das neue Album von Johannes Oerding (35). Im Interview spricht der Musiker über willkommene Auszeiten, die Lust auf Stadionkonzerte und Songs für seine Freundin Ina Müller.

„Kreise“ heißt ihr neues Album. „Kreise“ beschreibt auch ganz gut, was ein Musiker macht: aufbrechen, seine Runde drehen und zurückkehren ...

Damit haben Sie komplett recht. Der Freund von mir, mit dem ich den Song geschrieben habe, und ich haben uns einen Tag lang hingesetzt und aufgeschrieben, was uns alles zum Thema Kreise einfällt.

Weil der Arbeitsauftrag war: Ich mache ein Lied über Kreise?

Ich dachte, ich mache ein Lied über „Hallo“ und „Tschüs“ sagen, weil ich so viel unterwegs bin. Das war das Thema, und ich hatte das Bild Kreise und Kreislauf im Kopf: als Musiker unterwegs sein, morgens aufstehen und abends ins Bett gehen, geboren werden und sterben. Und ich fand die Idee sehr schön, dass auf einem Kreis unendlich viele Punkte sind, und jeder einzelne kann ein Ende oder ein Anfang sein.

Was war der Anfang für dieses Album, das ja in Ihrem typischen Zwei-Jahres-Rhythmus erschienen ist?

Wir haben diesmal – ganz verrückt – zwei Jahre und vier Monate gebraucht (lacht), den Kreis durchbrochen sozusagen. Weil wir uns einfach viel Zeit genommen haben. Und wenn ich das nächste Mal vier Jahre brauche, ist das auch gut. Ich habe niemanden, der mir Druck macht.

Als wir das letzte Mal sprachen, sagten Sie, dass ein neues Album vor allem ein Grund ist, mal wieder auf Tour zu gehen.

Ein bisschen ist das auch so, ja. Wenn ich dieses Jahr nicht auf Tour gehen würde, wäre das für meine Verhältnisse eine schon ziemlich lange Pause. Zumal wir kaum auf Festivals spielen, weil ich den Leuten auch mal eine kleine Auszeit geben wollte. Es ist ja schön und gut, dass man als der Live-Künstler gilt, der immer unterwegs ist. Aber man muss sich auch mal rar machen. Hinzu kommt, dass wir ein Stück größer geworden sind. Die Hallen werden größer, die Tourneen kompakter.

Sie haben damals auch gesagt,dass das, was die Essenz der Musik ist, das Livespielen, kaum auf Platte zu pressen ist. Bei „Kreise“ habe ich, so wie das Album produziert ist, den Eindruck, Sie hätten es gar nicht probiert ...

Es stimmt schon: Wir haben viel mit Effekten gearbeitet, viel herumgetüftelt. Aber das Grund-Setup haben wir live als Band eingespielt, zum ersten Mal. So ist es eine Mischung geworden aus modernen Sounds und Live-Charakter. Das macht es an der einen oder anderen Stelle auch ein bisschen rumpeliger.

Sie haben eine Auszeit genommen, bevor Sie erst „Ich bin die“ mit Ina Müller aufnahmen und dann „Kreise“. War es Zeit für eine Pause? Können Sie das überhaupt?

Es war nötig, denn was nach „Alles brennt“ passiert, war schon eine ziemliche Reizüberflutung. Ich wusste, dass die beiden Alben auf mich zukamen. Und ich bin kein Wintertyp, ich hatte Zeit im Januar/Februar, wo auch die Branche ein wenig schläft, und dann habe ich mir das gegönnt, das zu tun, was man sonst mit 18, 19 macht: Australien, als Backpacker. Insgesamt war ich sechseinhalb, sieben Wochen unterwegs.

Was hat die Auszeit mit Ihnen gemacht?

Ich habe gelernt, dass ich alleine sein kann. Und: Privat bin ich ein eher schüchtern, habe aber festgestellt, wenn man sich bemüht, dann läuft es mit anderen Menschen, auch mal auf einer ganz neuen Ebenen. Es geht nicht um den Beruf, sondern um die Probleme, die man halt so hat als Backpacker.

Wissen Sie eigentlich immer, was ein Johannes-Oerding- und was ein Ina-Müller-Song ist?

Das ist tatsächlich gar nicht so einfach. Es gibt auf Inas Album Songs, die ich auch genommen hätte, wenn sie die nicht gewollt hätte. Und einen Song gibt es, den Ina aus inhaltlichen Gründen nicht genutzt hat und den ich dann genommen habe.

Welcher ist das?

Ich habe „Weiße Tauben“ daraus gemacht. Ich hatte die Melodie für ein ganz anderes Thema für Ina vorgesehen und bin dann damit zu Samy Deluxe gegangen, und wir haben „Weiße Tauben“ daraus gemacht.

Wie kam es dazu?

Ich bin ein großer Samy-Deluxe-Fan; ich bin mit seiner Musik aufgewachsen. Und Samy ist für so etwas immer offen und hat – wie ich auch – immer Bock, zwischen den Genres hin und her zu switchen, und so kam das. Er ist einfach ein wahnsinnig kreativer Mensch.

Der Song erinnert musikalisch an „Lila Wolken“ von Marteria ...

Kann ich verstehen, weil wir ja auch mit ähnlichen Sounds und Hip-Hop-Elementen spielen ...

... inhaltlich dann eher an „Die weißen Tauben sind müde“ von Hans Hartz. Sie werfen die Frage auf, was passiert ist mit den Idealen der Friedensbewegung, mit dieser früher so selbstverständlichen Haltung, dass man gegen Krieg ist, gegen Ausgrenzung. Was ist denn passiert?

Ich verstehe nicht, was los ist in dieser Welt. Es ist so komplex geworden, dass es nicht nur eine Antwort gibt. Mein Vater hat neulich gesagt: „Bis in die 80er, 90er war immer klar, was gut ist und was böse. Darauf konnte man sich verlassen.“ Heute, sagt er, weiß er nicht mehr, was er glauben soll. Und so geht es ganz vielen Menschen, inklusive mir. Aber wenn jemand fragt: Bist du für Mauern, bist du für Ausgrenzung? Dann weiß ich ganz genau: Nein, bin ich nicht. Ich habe nicht gut in der Schule aufgepasst. Aber so viel habe ich in Geschichte mitbekommen: Immer wenn es nationalistisch wurde, gab es irgendwann Krieg. Ich finde es wahnsinnig fahrlässig, wie wir gerade mit der Welt umgehen. Darum fühle ich mich verpflichtet.

Im Zweifel auch dazu verpflichtet, der keine Antworten verspricht, aber Fragen aufwirft?

Ja. das ist nur ein kleiner Teil – dafür auch mal meine Fragen loszuwerden und vielleicht ein bisschen dazu beizutragen, dass die Menschen nachdenken, ein bisschen weiter als über ihren Jägerzaun. Manche Sachen sind doch ganz klar: Bin ich dafür, menschlich zu sein? Ja, natürlich; wir können die Menschen nicht absaufen lassen. Und wenn es dafür einen Shitstorm gibt, muss ich da halt durch. Vieles ist so respektlos geworden. Auch auf der Straße: Die Leute gucken nicht mehr rechts und links.

Sondern starren auf ihre Geräte.

Auch das. Ich finde das echt schade. Da bin ich vielleicht oldschool.

Würden Sie sich als altmodisch bezeichnen? „Love me Tinder“, wo Sie sich über Datingportale lustig machen, klingt fast so.

Das ist natürlich auch meiner persönlichen Situation geschuldet. Ich verweigere mich nicht völlig der neuen Medien. Aber ich bin in der Generation aufgewachsen, die beides hatte: Es gab zwar Handys, aber im Normalfall nur schlechten Empfang. Man musste schon rausgehen, um Leute zu treffen. Aber ich bin natürlich bei Facebook. Inzwischen mache ich sogar Instagram, weil meine Plattenfirma gesagt hat, das ist gut (lacht).

Sie kommen aus dem Münsterland und sind Hamburger. „Leuchtschrift“ klingt, als hätten Sie dort Ihre Heimat gefunden. Oder gibt es so etwas für Sie gar nicht?

Heimat ist für mich weniger orts- als personengebunden. Es sind mehrere Orte. Selbst zu meiner Geburtsstadt Münster, in der ich nur 16 Stunden gelebt habe, fühle ich mich zugehörig, weil meine Familie dort ihre Wurzeln hat. Aber es gibt keinen bestimmten Ort, wo ich sage, da möchte ich für immer bleiben. Aber Hamburg ist maßgeblich daran beteiligt, dass ich so bin, wie ich bin, und dass ich hier sitze. Und ich habe gemerkt: Ich bin ein totaler Stadtmensch. Ich wollte raus aus dem Dorf. Man kann sich in der Großstadt so schön verlieren, ohne dass am nächsten Morgen der Metzger sagt: „Was hat bloß der Junge vom Oerding wieder gemacht?“ Und mein Vater war der Dorfarzt! Ich komme gut alleine klar. Und wenn man will, kann man sich auch in Hamburg die Stadt zum Dorf machen.

Und dann suchen Sie sich einen Job, bei dem Sie in der Öffentlichkeit stehen ...

Ja, wenn man mir gesagt hätte, dass ich dann mein Leben lang aufpassen muss, wenn ich mal feiern gehe ... Nein, das gehört einfach dazu. Es wird auch immer mehr. Aber es wird ja auch schön. Wir Künstler, die wir auf die Bühne gehen, haben ein Geltungsbedürfnis. Wir mögen es, wenn Leute auf uns zugehen und uns Feedback geben. Und gerade mein Publikum ist ein sehr aufgeräumtes, charmantes. Ich bin ja kein Justin Bieber, bei dem die Fans nur kreischen und Selfies machen.

Und man wie Sie in einem Viertel wie dem Schanzenviertel lebt, gehört man auch irgendwann zum Inventar.

Eben. da ist es sowieso cool. Da kennt mich jeder, und der Ansturm hält sich in Grenzen.

Seit der Veröffentlichung und dem riesigen Erfolg von „Alles brennt“ ist viel passiert. Wo soll es noch hingehen?

Es wäre schon toll, wenn wir mindestens auf dem Niveau bleiben. Aber eigentlich will ich – das ist der Kindheitstraum – wie Axl Rose in einem riesigen Stadion stehen und vor abertausenden Menschen stehen. Natürlich könnte ich jetzt sagen: „Ja, wäre auch nicht schlimm, wenn es wieder in die kleinen Clubs geht.“ Aber nee, vor mehr Leuten ist es schon geiler. Die Energie ist einfach unvergleichlich. Das macht süchtig. Und dafür, dass ich das ein Leben lang machen kann, würde ich sofort den Pakt mit dem Teufel unterschreiben.

Johannes Oerding live: am 18. November in der Swiss-Life-Hall. Karten gibt es hier.

Von Stefan Gohlisch


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