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ARCHIV - Der Journalist und Buchautor Jan Weiler, aufgenommen am 12.03.2015 auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig (Sachsen). Foto: Hendrik Schmidt/dpa (zu dpa-Literaturdienst ««Im Reich der Pubertiere» - Jan Weilers Teenie-Fortsetzung») +++(c) dpa - Bildfunk+++

ARCHIV - Der Journalist und Buchautor Jan Weiler, aufgenommen am 12.03.2015 auf der Leipziger Buchmesse in Leipzig (Sachsen). Foto: Hendrik Schmidt/dpa (zu dpa-Literaturdienst ««Im Reich der Pubertiere» - Jan Weilers Teenie-Fortsetzung») +++(c) dpa - Bildfunk+++© Hendrik Schmidt

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NP-Interview

Jan Weiler über das Leben mit zwei Pubertieren

Jan Weiler (48) ist unterwegs „Im Reich der Pubertiere“, so der Titel seiner jüngsten Kolumnensammlung. Die NP sprach mit ihm über das Leben mit zwei Heranwachsenden, das Telefon als Schaltzentrale und die Notwendigkeit, auch mal die Klappe zu halten.

Hannover. Hallo, Herr Weiler, Sie haben mich nicht weggedrückt. Nach der Lektüre Ihrer Online-Kolumnen frage ich mich: Wie soll ich das finden?

Ach so (lacht). Wie Sie der Kolumne entnehmen können, kann das ja ein Zeichen von Zuneigung sein: „Ich drücke dich weg, also kümmere dich bitte um mich!“ Und wenn man zweimal weggedrückt wird, ist das Interesse riesengroß. Sehen Sie: Das ist Dialektik.

Jedenfalls nimmt das Telefon offenbar eine Schlüsselstelle im Leben der Pubertiere ein ...

Total. Und die Bedeutung wird immer größer. Man muss immer gucken, dass man einen Zeitpunkt erwischt, an dem die mal nicht ihr Smartphone in den Händen halten. Wobei das keine Spezialität der Kinder ist. Meine Tochter hat mir inzwischen mein Smartphone verboten, wenn wir zusammen Filme gucken, weil ich die ganze Zeit damit beschäftigt bin, Secondscreening zu betreiben, zum Beispiel Wikipedia-Artikel über irgendwelche Schauspieler zu lesen. Und schon hat man fünf Minuten eines Films verpasst. Den Künstlern gegenüber ist das eine Frechheit.

Auf welche Filme können Sie sich einigen? Mit Ihrem Sohn gucken Sie, wie zu lesen ist, ja offenbar Marvel-Comicverfilmungen.

Er ist auch nach wie vor ein großer Marvelianer. Mit meiner Tochter habe ich schon vor langer Zeit angefangen, alle Filme zu gucken, die man gesehen haben sollte im Leben. Das macht großen Spaß. Unser gemeinsamer Lieblingsfilm ist „Das Fenster zum Hof“, ein fantastischer Film. Der wird bei jedem Mal Gucken besser. Aber wir haben zum Beispiel auch „Taxi Driver“ geguckt. Oder „Der Pate“. Oder die „Moby Dick“-Verfilmung mit Gregory Peck. Und natürlich auch „Jenseits von Eden“ und „... denn sie wissen nicht, was sie tun“ mit James Dean, weil das für die Jugendkultur so entscheidende Filme sind.

Und das erschließt sich ihr noch?

Ja, gerade diese Geschichte mit dem Jungen, der mit seinen Eltern in eine ihm fremde Stadt zieht, an diesen illegalen Autorennen teilnimmt, dann ganz verloren in der Polizeiwache sitzt, von seinem Vater abgeholt wird und diesen dann, vor den Polizisten, zur Sau macht - das ist eine knallharte Szene, die man heute noch genauso drehen könnte. Der Generationenkonflikt in diesem Film, der in den 50ern gedreht wurde, ist brutalst modern.

Wie alt ist Ihre Tochter inzwischen?

Sie wird in diesem Jahr 18. Was inzwischen problematisch ist, nicht für die Bücher, aber für die Bühnenauftritte. Dann tritt nämlich bei den Zuhörern schnell das Gefühl auf: „Ach, sie ist 17, dann ist es ja jetzt eigentlich vorbei mit der Pubertät.“

Ist es aber nicht?

Ist es nicht. Aber ich habe entschieden, dass sie zumindest auf der Bühne noch eine Weile 16 ist.

Ist sie für Sie manchmal auch Ihr ganz kleines Mädchen?

Ja klar, gerade was die Verwendung von alten Kosenamen angeht. Meine Mutter macht das mit mir zum Teil auch noch, was ich richtig schön finde. Man darf halt dabei nicht gluckenhaft werden.

In dem sehr ernsten Nachwort des Buchs gehen Sie auf die dunklen Seiten der Pubertät, die Sie in Ihren Kolumnen ausblenden. Es wäre undenkbar für Sie, die Schattenseiten in Ihren Texten zu thematisieren?

Ja, denn sie sind nicht Gegenstand von Familienunterhaltung. Würde ich eine Kolumne über Sport schreiben, hätte darin der Völkermord in Ruanda auch nichts zu suchen. Man muss sich an die Aufgabe halten. Natürlich gibt es auch in dieser Familie wie in jeder anderen auch einen gewissen Grad an Dysfunktionalität. Aber das gehört doch nicht in ein Unterhaltungsprogramm.

Offenbar war es Ihnen aber wichtig, es in diesem Nachwort zu thematisieren.

Ja, auch weil ich oft darauf angesprochen wurde. Eine Frau hat mir mal gesagt: „Wissen Sie, was ich bei Ihnen so toll finde? Da wird die Wirklichkeit meiner Familie komplett ausgeblendet: So könnte es sein: so schön.“ Da sage ich: „Klar. Was helfe es denn, ich würde hier um 20 Uhr anfangen zu lesen und 20 Minuten später liegen hier alle heulend auf dem Boden?“ Ich will nichts beschönigen, aber das ist nicht der Sinn der Sache.

Was empfehlen Sie anderen Eltern im Umgang mit Pubertieren?

Dass die Eltern weniger quatschen sollen. 80 Prozent dessen, was wir den Kindern in die Ohren quaken, sind Zeit- und Energieverschwendung. Ich bin für klare Ansagen, aber gar zu oft bedeutet „Wir müssen mal miteinander reden“, reden immer nur die Eltern. Und wenn die Kinder etwas dazu sagen wollen, werden sie unterbrochen. Deshalb plädiere ich dafür, dass die Eltern die Kinder reden und zu ihren eigenen Schlüssen kommen lassen. Und: Man sollte sich nicht zu viele Sorgen machen. Wenn das Verhältnis von Eltern zu Kindern einigermaßen stimmt, werden sie die Wertvorstellungen der Eltern sowieso übernehmen.

3 Jan Weiler: „Im Reich der Pubertiere“. Kindler, 176 Seiten, zwölf Euro. Am 22. Februar liest Weiler im Pavillon aus seinem Buch. Karten (17,50 Euro) gibt es in den NP-Ticketshops.


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