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Mit dem Rücken zur Wand: Irie Révoltés sind auf ihrem neuen Album so politisch wie eh und je.© Julia Hoppen

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NPInterview

Irie Révoltés: "Schweigen muss gebrochen werden"

Die Brüder Pablo und Carlos Charlemoine alias Mal Élevé und Carlito sind der Kern der Heidelberger Band Irie Révoltés. Die NP sprach mit ihnen über ihr neues Album, politische Texte und Pegida.

Selbstbetitelte Alben gelten gerne mal als ultimatives Statement einer Band. Ist das hier so?

Carlito: So war das eigentlich gar nicht gedacht. Wir wollten das Logo mit den beiden Anfangsbuchstaben auf dem Cover haben. Dann haben wir einige Titel diskutiert, bis wir festgestellt haben, dass dieses Cover genau das aussagt, was wir sind. Nur das Logo soll für sich sprechen.

Was sind die Irie Révoltés denn?

Mal Élevé: Die Band ist positiv und kritisch, energisch und energiegeladen. Das alles findet sich auf dem Album.

Täuscht der Eindruck, dass ihr elektrischer geworden seid?

Mal Élevé: Im Vergleich zu „Allez“ auf jeden Fall. Aber wenn man weiter zurückgeht, war „Mouvement mondial“ noch ein bisschen clubbiger.

Es gab in den vergangenen Monaten einiges, worüber man sich als politische Band auslassen konnte ...

Carlito: Leider ja ...

Ist das mitunter auch frustrierend, zu sehen, wie Gruppierungen wie Pegida auf die Straße gehen?

Carlito: Klar, frustrierende Momente gibt es immer. Aber dass wir mit der Band die ganze Welt nicht komplett verändern können, ist auch klar. Wir versuchen das Positive zu sehen, was wir bewegt haben, die coolen Sachen, wenn zum Beispiel Leute nach dem Konzert zu uns kommen und sagen, durch uns machen sie mit und bewegen selber etwas. Das motiviert uns, auch nach 15 Jahren noch weiterzumachen, auch wenn der Berg natürlich riesig ist. Mit einem kleinen Stein fängt es an.

Wie hoch ist denn der Anteil derer, die eher wegen der Inhalte kommen als wegen der Musik?

Mal Élevé: Ich würde sagen, bei jedem Konzert kommt etwas an. Wir machen viele entsprechende Ansagen, bringen Infostände mit, bieten also konkret die Möglichkeit, sich zu informieren und auch mitzumachen. Obwohl es eine gute Stimmung ist.

Aus „Jetzt ist Schluss“ spricht eine große Wut über die Entwicklung ...

Mal Élevé: Der Song ist genau zu den Pegida-Zeiten entstanden. Damals waren wir im Studio, konnten also nicht so viel bei den Gegendemonstrationen teilnehmen, wie wir gewollt hätten. Wir waren geschockt darüber, was in der heutigen Zeit in Deutschland passiert, und es war klar, der Song muss entstehen. Das Wegschauen und das Schweigen müssen gebrochen werden.

Zwischendurch gibt es ja auch immer unpolitische Pop-Songs, zum Beispiel „Jetzt“ vom neuen Album.

Carlito: Wir sind primär schon eine sozialkritische, politische Band. Aber die eher privaten Songs sind auch wichtig, denn das Leben besteht nicht nur aus einer Sache.

Wie viele inhaltliche Diskussionen gibt es in der Band?

Mal Élevé: Wir sind acht verschiedene Leute mit acht verschiedenen Meinungen, und wir diskutieren viel, zum Teil sogar über Skype. Aber wir kommen immer zu einem Ergebnis. Die Band ist der gemeinsame Nenner.

In „Fäuste hoch“ gibt es Zeilen, die sich wie ein Band-Manifest lesen, zum Beispiel „Für uns bedeutet das hier mehr als nur Musik. Wir leben, was wir singen, unsere Lyrics sitzen tief“.

Carlito: Jeder, der uns kennt, weiß, dass es uns nicht darum geht, mit erhobenem Zeigefinger durch die Gegend zu laufen, sondern darum, die Sachen selbst anzupacken. Die Sachen, die wir wichtig finden, versuchen wir auch umzusetzen, sei es, dass unser ganzes Merchandising aus fairem Handel stammt. Wir sehen uns auch nicht als Band, sondern als Projekt, als Kollektiv. Darum ist Musik mehr als nur Sound, sondern es bedeutet, Inhalte zu schaffen und zu vertreten.

Womit wir bei der Zeile sind: „Um News zu kreieren, musst du vor die Tür“. Wie oft schaffen Sie es noch auf die Straße?

Mal Élevè: Wenn wir können, sind wir da, und dann gerne auch mit Band und Soundsystem.

Letztes Zitat: „Wir erreichen mehr Leute mit jedem Release“. Die Band ist inzwischen beim Plattenmajor Warner gelandet. Wie oft kommt der bei Linken so beliebte Ausverkauf-Vorwurf?

Carlito: Bislang noch nie, weil jeder, der uns kennt, weiß, warum wir welche Schritte gegangen sind. Wenn wir Hits wollten, würden wir andere Songs schreiben. Uns geht es um Präsenz, weil es leider - und die Betonung liegt auf leider - außer uns fast keine Band gibt, die sozialkritische Texte hat und eine breitere Masse erreicht.

Wann ist die Arbeit getan?

Mal Élevé: Wahrscheinlich nie (lacht). Nein: Wenn es normaler ist, eine Band wie wir zu sein, und wir keine krasse Ausnahme mehr sind.

Das Album

Und wenn die Welt mal wieder vor die Hunde geht, wenn Engstirnigkeit und Rassismus regieren und man gar nicht mehr weiß, wohin mit der Wut – dann hilft vielleicht nur Tanzen. Und den Soundtrack dazu liefern die deutsch-französischen Heidelberger Reggae-Punks von Irie Révoltés auf ihrem jüngsten, selbstbetitelten Album. „Das ist die Ruhe“, hebt dieses Album fast zärtlich an: „Die Ruhe vor dem Sturm“. Denn: „Jetzt ist Schluss“ rufen die Brüder Pablo und Carlos Charlemoine alias Mal Élevé und Carlitos dem Pegida-Pack entgegen. Es hat sich etwas angestaut bei den politisch schwer bewegten Musikern. Doch das kanalisiert sich einmal mehr in ungluablich tanzbaren musikalischen Bastarden aus Reggae, Dancehall, Hip-Hop und Punkrock. Die elektronischen Einflüsse sind nach dem gitarrenlastigeren Vorgänger „Allez“ wieder etwas größer, die Durchschlagskraft der Texte aber ist geblieben. „Freiheit und zwar jetzt – ich werde nicht mehr sein, was ich soll, sondern werden was ich bin“, singen sie in dem erstaunlichen chartstauglichen Selbstfindungslied „Jetzt“. Ja, einer muss noch kämpfen für das Gute, Wahre, Schöne. Aber man kann es ja tanzend tun.

Irie Révoltés: „Irie Révoltés“ (Ferryhouse Productions/Warner) – bereits erschienen.


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