Navigation:
Manches geht gestärkt aus Großveranstaltungen hervor, anderes kommt bereits gestärkt - wie die Leningrad Cowboys beim Expo-Besuch.

Manches geht gestärkt aus Großveranstaltungen hervor, anderes kommt bereits gestärkt - wie die Leningrad Cowboys beim Expo-Besuch.© dpa

Stadtforscher im Interview

In einer Stadt darf es nicht zu viele Feste geben

Soziologe Walter Siebel im NP-Interview über Großereignisse, die Handlungsfähigkeit von Städten und den Nutzen der Expo.

Beim Kongress „Menschen, Wissen, Metropolen“ werden Sie über „Groß­veranstaltungen als Motoren urbaner Innovation“ sprechen. Das ist ein Thema, das uns in Hannover sehr beschäftigt. Wie sehen Sie das: Überwiegen zehn Jahre nach der Expo die Innovationen oder eher die Probleme?

Man muss die unterschiedlichen Perspektiven beachten: Aus der Sicht Hannovers hat sich die Expo sicherlich gelohnt. Die Stadt hat ihre Verkehrsinfrastruktur verbessern können. Sie hat ein beispielhaftes Wohnquartier entwickeln können, und vor allem hat sie die Messe modernisieren können. Das sind aus Sicht der Stadt ganz hervorragende Ergebnisse. Und die 2,3 Milliarden Euro Minus, die die Veranstaltung – wie üblich entgegen aller Voraussagen – erbracht hat, hat die Stadt nur zum allergeringsten Teil bezahlen müssen. Weltausstellungen sind Umlenkungsmaschinen für Subventionen. Hannover ist es mit der Expo jedenfalls gelungen, eine ganze Menge Gelder in die eigene Infrastruktur zu ziehen.

Wer sind denn die Verlierer?

Diejenigen, die die Gelder, die nach Hannover geflossen sind, nicht bekommen haben. Wenn die gesamten Wohnungsbaumittel des Landes Niedersachsen auf den Kronsberg konzentriert werden, findet woanders für eine gewisse Zeit eben kein sozialer Wohnungsbau mehr statt. Das ist übrigens ein Grundproblem der Bewertung einer Expo. Man kann überhaupt nicht angeben, ob die für eine solche Großveranstaltung ausgegebenen Gelder an anderen Orten vielleicht bessere volkswirtschaftliche Effekte hätten erzielen können.

Es gibt ja auch Effekte, die sich nicht in Euros beziffern lassen. Großveranstaltungen können doch auch das Image einer Stadt verbessern. Ist das im Fall von Hannover gelungen?

In der globalen Konkurrenz der Städte hat Hannover eigentlich keine Rolle gespielt. Eine Expo ist ein Mittel, sich wenigstens für eine kurze Zeit weltweit sichtbar zu machen. Aber ich habe große Zweifel, ob das nun Investitionsentscheidungen internationaler Firmen umlenken kann. Auch den Effekt für den Tourismus würde ich für Hannover nicht zu hoch einschätzen.

Kulturelle Großveranstaltungen wie Weltausstellungen oder Olympische Spiele werden immer größer, die europäischen Städte allerdings schrumpfen. Das kann einem wie ein merkwürdiges Missverhältnis vorkommen.

Man kann durchaus den etwas missmutigen Verdacht haben, dass solche Großveranstaltungen auch dazu dienen, den Eindruck von Handlungsfähigkeit zu vermitteln, wo die Handlungsmöglichkeit von Kommunen immer weiter schrumpft. Großveranstaltungen sind kein Mittel, um Schrumpfungsprozesse zu stoppen, sie können nur dazu beitragen, solche Prozesse für eine Weile vergessen zu machen. Man muss hier auch darauf achten, wie groß der Einfluss der Stadt auf die Durchführung solch eines Events ist.

Wahrscheinlich eher begrenzt.

Ja. Besonders bei Olympischen Spielen wird den Städten genau vorgeschrieben, was sie zu leisten haben, und dann werden ihnen Sportstadien gebaut, die sie gar nicht brauchen. Das konnte man in Athen und in Peking gut beobachten. Beim Wettbewerb zur europäischen Kulturhauptstadt ist das anders, da geht es auch um die eigene Identität der betreffenden Stadt.

Gibt es eine Inflation von kulturellen Großveranstaltungen?

Ja. Man kann durchaus von einer Festivalisierung der Stadtpolitik sprechen. Ein Beispiel sind die internationalen Bauausstellungen. In den fünfzig Jahren von 1950 bis 2000 gab es nur drei internationale Bauausstellungen in der Bundesrepublik. Und nun gibt es in einem Jahr drei Bauausstellungen auf einmal. Wie jedes große Fest bieten solche Großveranstaltungen die Möglichkeit, mal über die Stränge zu schlagen, die Routinen außer Acht zu lassen. Außerdem bieten sie eine große internationale Bühne, was wiederum viele Akteure motiviert, zu zeigen, was sie können. All das sind Bedingungen, die zu besonderen Leistungen anspornen können. Aber: Man kann nicht jeden Tag Weihnachten feiern. Denn dann nutzt sich der Effekt der Ausnahmesituation ab. Es darf nicht zu viele Feste geben. Je seltener solche Feste sind, desto wirksamer sind sie. Großveranstaltungen laufen in Gefahr, inflationär zu werden und die Misere mancher Städte vorübergehend zuzudecken.

Die Krise der Stadt kann also nicht durch Großveranstaltungen gelöst werden.

Nein. Man kann sogar befürchten, dass sie die Krisen noch verschärfen. Weil im Licht solcher Veranstaltungen die eigentlichen Probleme der Städte in den Hintergrund rücken. Schauen Sie sich die europäische Kulturhauptstadt Essen mit dem Ruhrgebiet an: Es wird groß gefeiert, und gleichzeitig herrscht in der Hälfte der Ruhrgebietsstädte ein Zwangshaushalt. Hinter der großartigen Bühne des europäischen Kulturhauptstadtjahres bahnt sich eine einschneidende Verschlechterung der kulturellen Infrastruktur an.

Aber was kann man tun?

Man muss Kommunen auch unter den Bedingungen rückläufiger Bevölkerung finanziell handlungsfähig halten. Wir haben momentan ein Gemeindefinanzsystem, das immer noch Wachstumsprozesse unterstellt. Wenn eine Kommune einen einzigen Einwohner verliert, verliert sie im Durchschnitt 1500 Euro an Zuweisungen und Steuereinnahmen pro Jahr. Wir brauchen dringend ein Gemeindefinanzsystem, das die kommunalen Einnahmen von der Entwicklung der Einwohnerzahlen abkoppelt. Nur so können Gemeinden die Chancen des Schrumpfens ergreifen, die es ja durchaus auch gibt.

Interview: Ronald Meyer-Arlt

Walter Siebel spricht bei der Veranstaltung "Menschen, Wissen, Metropolen - Urbane Zukunft im Zeitalter der Wissensökonomie" am 22. April im Nord/LB-Forum auf der Hannover Messe. Weitere Infos:www.metropolregion.de


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was ist Ihre Wunschkoalition für Niedersachsen?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie