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MEISTERPIANIST: Igor Levit

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Musik

Igor Levits dreifacher Gipfelsturm

Es gibt sie auch in der Klavierliteratur, die Achttausender, die nur wenige erklimmen können. Igor Levit, der Tastenstar aus Hannover, gehört dazu. Aber es ist schon etwas Besonderes, wenn sich einer an den Kraftakt wagt, gleich drei hintereinanderweg zu erobern – die von Bach, Beethoven und Rzewski. Auf drei CDs, die den Ausnahmerang dieses Pianisten erneut unterstreichen: Das CD-Paket dürfte jedenfalls einer der Klassikbestseller des Herbstes werden.

Hannover. Er hat sich drei der berühmtesten Variationen vorgenommen. Und Variationen haben immer etwas Beruhigendes, da man am Ende des Gipfelsturmes wieder unten ankommt, weil sich der Anfang wiederholt. Igor Levit beschreibt das genau, klassische Musik ist doch nicht so schwierig: „Der Bass sagt da zum Thema: Du bist so lange nicht bei mir gewesen, komm zurück. Und das Thema antwortet: Hättest du nicht Kraut und Rüben dazwischengeschoben, wäre ich nie weggegangen.“

 Erster Gipfel: Bachs „Goldberg-Variationen“: ein Maximum an Ausdruck bei gleichzeitig strenger Beachtung des barocken Charakters. Der Anschlag teilweise athletisch, die Tempi bisweilen rasant, meist aber in perfektem Maß – wie bei Levits Premiere beim Heidelberger Frühling. Sicher ein Gegenentwurf zu Glenn Goulds Großtat – auch von den äußeren Zeitmaßen (77 Minuten) her. Hier löst sich der Werbeslogan vom „Jahrhundertpianisten“ ein.

Zweiter Gipfel: Beethovens „Diabelli-Variationen“: Der musikalische Puls schlägt stark und vergleichsweise rasant, die Dynamik wird angemessen ausgespielt – der Humor, der in diesen Variationen steckt, wird bei Levit hintergründig. Eine Interpretation aus einem Guss, die sich mit den Referenzeinspielungen von Friedrich Gulda und Alfred Brendel messen kann,

 Dritter Gipfel: Rzewskis „People-United-Variationen“: Damit erreicht Levit einen Zenit der Gegenwart. Die einstündigen Variationen des US-Avantgardisten Frederic Rzewski (77) über das chilenische Revolutionslied „The People United Will Never Be Defeated!“ gehören zu den spieltechnisch anspruchsvollsten Klavierwerken, das ist dann so etwas wie ein Mount Everest der Tasten.

Igor Levit hatte das Opus bei den Kunstfestspielen in Herrenhausen schon live präsentiert. Hier auf der CD wirkt er selbstverständlicher, man merkt auch den Spaß, wenn er die artistischen Anforderungen voll ausreizt. Mal klingt der Flügel wie eine durchdrehende Turbine, dann werden die Tasten im wilden Stakkato heruntergetrümmert – maximale Lautstärke –, manchmal werden die Töne an der Grenze der Hörbarkeit hingetupft. Als Zuhörer kann man da nur noch staunen. Eine Kult-CD.

Die drei Stücke wurden zwischen Januar und August aufgenommen, der Klang ist superb, von großer dynamischer Bandbreite. Das Klavier ist sehr direkt aufgenommen, was der transparenten Spielweise Igor Levits entgegenkommt.

Bewertung: 5/5

 Igor Levit, Bach, Beethoven, Rzewski, Sony, drei CDs.

 Igor Levit mit Beethovens zweitem Klavierkonzert (plus NDR-Sinfoniker) am 28. Februar 2016 im Kuppelsaal (Tickets im NP-Ticket-Shop 12,10 bis 93,50 Euro).


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