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KONZENTRATION: Igor Levitüberwältigt mit Beethoven, Bachund Frederic Rzewski im GroßenSendesaal.    Foto: Schaarschmidt

KONZENTRATION: Igor Levit überwältigt mit Beethoven, Bach und Frederic Rzewski im Großen Sendesaal.© Tim Schaarschmidt

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Konzert

Igor Levits Gipfelsturm live

Im Großen Sendesaal spielt der Ausnahmepianist an zwei Tagen die drei größten Variationswerke.

Hannover. Das kostet Kraft. An einem Wochenende drei Achttausender der Klavierliteratur zu erklimmen, wagen wenige. Wie Igor Levit, der gestern seinen dreifachen Gipfelsturm mit einer überlegenen Bach-Besteigung vollendete: die „Goldberg-Variationen“ im Großen Sendesaal als ein 80 Minuten dauerndes echtes Hörabenteuer voller überraschender Wendungen und einem Maximum an Ausdruck.

Den man nur erzeugen kann, wenn man sich auch Zeit nimmt. Die Rasanz, mit der beispielsweise Glenn Gould das Bach-Bild geprägt hat, mag Levit nicht. Sein Bach ist sinnlich, voller Kraft und Empfindung. Das ist schon wunderbar, wie er erst ein bisschen Maß nimmt, dann die Hände sanft auf die Tastatur sinken lässt und die Schönheit der beginnenden Aria voll auskostet.

Die manuelle Bewältigung ist überwältigend, der Anschlag zarter und kontrollierter als noch von der CD-Einspielung her gewohnt, die Interpretation reifer: Bachs „Goldberg-Variationen“ mit einer Tiefe und Innigkeit, als wenn hier ein ganzes Leben nacherzählt wird.

Das macht eins der Erfolgsgeheimnisse von Levit aus: Er setzt auf Kontraste, auf Konturen und absolute Transparenz. Was sich besonders schön an den „Diabelli-Variationen“ von Beethoven zeigt. Natürlich kann man sie verbindlicher spielen, mit einem Touch Romantik, wie es heute Grigory Sokolov macht. Aber kaum klarer und wahrer erleben als im ersten Konzert im Großen Sendesaal. Und dabei geht Levit sogar noch über seine CD-Einspielung hinaus. Wenn er ganz langsam die 29. Variationen spielt und dann aus dem Stand beschleunigt ins Allegro con brio geht oder die Fuge mit klarer Kante spielt, das ist dann schon Weltklasse.

Mit dieser imposanten Selbstverständlichkeit erreicht Levit dann auch die Gegenwart mit den Variationen von Frederic Rzweskis „The People United“, das Levit als eines der pianistischen Meisterwerke des 20. Jahrhunderts durchgesetzt hat. Das ist höchste Kunst, wie hier das Instrument beherrscht wird, wie raffiniert Diskant-Bltze in den verklingenden Nachhall geschleudert, wie Vortragsbezeichnungen wie „With Energy“ in Klang umgesetzt werden - wunderbar die Leichtigkeit, mit der das immer wiederkehrende Revolutionslied-Thema geradezu geswingt wird.

Zwei Konzerte mit drei Varia-tionswerken, die Levit mit Hannover verbinden, alle drei hat er hier kennengelernt und gelernt. Und noch eins: In jeder Hinsicht bewegend ist der Schluss des ersten Abends. Trotz der beiden Mammutwerke (jedes gut eine Stunde) bleibt noch Zeit für eine kleine Ansprache und die Erinnerung an den jüngst verstorbenen Künstler Hannes Malte Mahler, der so wichtig für Levit war und ist. Statt des Notenbuches wird ein kleines Tablet aufs Notenpult gestellt, und es gibt, von einem sichtlich gerührten Pianisten gespielt, „Der Mensch“ von Rzewski. Beifall, Bravos und stehende Ovationen. Die auch das gestrige Bach-Konzert (das auch Ministerpräsident Stephan Weil heftig beklatscht) und diese weitere Sternstunde beenden.

Bewertung: 5/5

Heute, 24.10., ist Igor Levit ab 20 Uhr im Literarischen Salon zu Gast (im Foyer des Conti-Hochhauses). Thema: „Mit Beethoven reden“.


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