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Kraftvoll: Daniel Nerlich

Kraftvoll: Daniel Nerlich

Theater

„Hool“ haut rein im Schauspielhaus

Da passte alles: Philipp Winklers wuchtiger Roman „Hool“ wurde von Hannovers Schauspiel-Intendant Lars-Ole-Walburg für die Bühne adaptiert.

Hannover. „Ich wärme meinen neuen Zahnschutz in der Hand an“, ertönt es: „Wende ihn mit den Fingern und presse ihn etwas zusammen. So mache ich es vor jedem Kampf ...“ Der Vorhang ist noch geschlossen, der Chor noch nicht synchron. Aber die Worte von Philipp Winkler entfalten schon so ihre Kraft – und sie werden es die gut zwei Stunden, die Lars-Ole Walburgs Inszenierung von Winklers Roman „Hool“ dauert, mit unaufhörlicher Wucht tun, wie ein wütender Schlag in die Magengrube.

Es ist ein Heimspiel: Hannovers Schauspielintendant inszeniert den Roman eines Wunstorfers, der in der Region spielt und sich um einen Hannover-96-Hooligan, Heiko Kolbe, dreht. In der Eingangsszene hat der sein ganz eigenes „Match“, eine Prügelei gegen Fans vom 1. FC Köln. Und die Hannover-Premiere? Ist einen Tag vor dem Bundesligaspiel Hannover-Köln.

Es passt, in jeder Hinsicht, schon bevor sich der Vorhang hebt – und den Blick freigibt auf ein Tonstudio. Und die Schauspieler sprechen noch einmal die Eingangssequenz, bis der Toningenieur (Bühnenmusiker Matthias Meyer) zufrieden ist. Hier wird kein Roman in ein klassisches Theater-Korsett gezwängt. Walburg ist so klug, der Sprache dieser hochgelobten Geschichte eines prekären Lebens zu trauen. Worte treffen viel schmerzhafter als Schläge.

Die Bühne ist von raffinierter Schlichtheit: ein drehbares Baugerüst, zwei Räume darin und viel Raum, es auszufüllen. Darin, darauf, darunter und drumherum agieren die Schauspieler, wechseln zwischen Figuren, übernehmen abwechselnd und immer wieder als Kollektiv die Rolle des Heiko. Ein sich drehendes Prisma als Schauplatz – Walburg und sein Bühnenbildner Robert Schweer setzen so, auch augenscheinlich, an die Stelle der Ich-Erzählung des Romans das Multiperspektivische des Theaters.

Nichts ist sicher, nichts festgeschrieben. Doch alles in dieser Inszenierung um einen völlig Haltlosen ist mit klaren Strichen gezeichnet. Da genügt auch mal ein Schülerstuhl, um einen Rückblick in die Vergangenheit klar zu kennzeichnen.

„Hool“ braucht dieses Präzise, diese selbstgewisse Kraft bei der Verwendung der Mittel. Viel, fast zu viel, steckt darin: eine Familiengeschichte mit abgehauener Mutter und Alkoholiker-Vater, mit Skinheads und Hells Angels, Drogendeals und illegalen Tierkämpfen. Das gibt Raum für Doppelbödigkeiten, wenn sich zum Beispiel Yvonne, die von Heiko als perfekte Frau angehimmelte Ex-Freundin als kaugummikauendes Ordinärchen entpuppt.

Eine Frau (Carolin Haupt) und vier Männer (Nicola Fritzen, Philippe Goos, Daniel Nerlich und Sebastian Weiss) spielen, als ginge es um das Match ihres Lebens. Es ist das Leben Heiko Kolbes, der so verzweifelt und vergeblich an das trügerische Versprechen des Fan-Daseins glaubt: „Niemals allein, wir gehen Hand in Hand, zusammen sind wir groß und stark wie eine Wand!“ Er hat ja nichts Anderes als die Gewalt. Und da greift „Hool“ und diese kongeniale Umsetzung weit über die Hooligan-Szene hinaus.

Ein Interview mit Philipp Winkler finden Sie hier.

Mehr Informationen zum Stück gibt es hier.

Von Stefan Gohlisch


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