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Debütalbum erschienen

Hemden: "Da kommt noch Hoffnung durch"

Sie haben 2006 und 2010 zwei EPs rausgebraucht, die teilweise euphorisch in der Fachpresse besprochen wurden. Trotzdem hat es für die Indie-Rocker von Hemden nie für ein Album gereicht. Bis jetzt. Inzwischen ist ihr Debüt „Quitt“ erschienen. Sänger Birger Reese und Schlagzeuger Micha Fromm sprechen im Interview über traurige Songs und große Vorbilder.

Hannover. Herr Reese, Herr Fromm, wie ist das Befinden?
Fromm: Großartig, sehr gut!

Reese: Uns gehts gut!

Wenn man Ihr Debüt-Album könnt, könnte man anderes denken. Gute-Laune-Musik ist das nicht.
Reese: Das Traurige liegt uns ein bisschen mehr. Aber das heißt nicht, dass wir als Typen so sind.

Fromm: Es ist nicht destruktiv gemeint und es ist auch nicht nölig gemeint. Es ist einfach eine Auseinandersetzung mit gewissen aktuelle und universellen Themen.

Wie kommt es, dass Ihnen das Traurige nahe liegt?
Reese: Wenn wir die Songs machen, geht es uns leichter von der Hand, als wenn wir Feel-Good-Stücke machen. Das ist auch musikalisch interessanter, hat mehr Tiefe und Kraft.

Fromm: Ein wesentlicher Teil sind auch Birgers Texte, die sind meistens zuerst da.

Ist es denn schwieriger, traurige Lieder zu machen?
Reese: Für uns ist es einfacher, die find ich auch schöner. Ich habe auch schon immer eher nachdenkliche, fordernde Musik gehört, ohne dass ich so ein depressiver Typ bin.

Fromm: Ich nehme das gar nicht so wahr. Unter dem Strich würde ich es auch gar nicht als traurig bezeichnen, eher als melancholisch.

Bei Liedern wie „Fliehendes Pferd“ klingt es auch nach Eskapismus. Sehen Sie das auch so?
Reese (lacht): Also, es ist kein Konzeptalbum, aber wir haben geguckt, dass es rund ist und nicht zu introspektiv. Krisen, Umbrüche, Neuanfänge – das ist ein bisschen das Bindeglied der Songs. Deswegen auch der Albumtitel. Das mag melancholisch klingen, auch eskapistisch hier und da. Aber eigentlich soll es ein Porträt der Zeit sein. Das ist jetzt vielleicht ein bisschen dick (lacht).

Welche Bedeutung hat das Motiv scheitern für Sie, das auch auf dem Album anklingt, im Kontext der Bandgeschichte? Sie hatten die zwei EPs, die gut besprochen wurden, und dann...
Reese: ... dann hat es nicht geklappt.

Genau.
Reese: Ich glaube, dass wir altersmäßig als Band das auch Spiegeln, die Idee der Musik und der Kunst, sich festzuhalten. Es ist ein Gefühl, dass wir Leute erreichen in unserer Generation, wenn es um Lebenspläne geht, um Vorstellungen, die man hatte und hat. Und wie man damit umgeht, wenn es nicht ganz nach Plan läuft. Das spiegeln wir wieder, wenn wir weiter Musik machen und das auch gerne machen.

Fromm: Das zeigt auch, wie wenig deprimierend oder destruktiv das für uns ist.

Reese: Wenn ich die ersten Lieder auf der Platte nehme, ist es auch immer so, dass da noch Hoffnung durchkommt. In fast jedem Song. Scheitern ja, aber vielleicht eher in der Fremdwahrnehmung oder in der konventionellen Vorstellung, wie Leute zu leben haben.

Was ist denn passiert nach den beiden EPs?
Reese: Wir haben ganz schön viel rumgedoktert, ein paar Jahre lang. Am Sound und um eine Linie hinzukriegen. Nach der zweiten EP gab es ein paar Kontakte, auch nach Berlin, ich dachte: jetzt machen wir eine Platte! Hat nicht geklappt, dann ist der Schlagzeuger ausgestiegen und Ron, Daniel und ich hatten keinen Bock mehr.

Stattdessen haben Sie als „The General Electrics“ Cover gespielt.
Reese: Das war ein Befreiungsschlag. Das hat ein paar Jahre lang gut getan, das haben wir ein paar Jahre intensiv gemacht. Dafür haben wir Geld gekriegt und die Leute haben getanzt. Das war sehr unkompliziert, aber nicht vollends erfüllend.

Sie sind ja auch als Hemden zurückgekommen.
Fromm: Wobei das andere jetzt auch nicht tot ist, wir haben nur viel an dem Album gearbeitet.

Wie ist es zur Veröffentlichung auf Magic Mile Music gekommen?
Fromm: Das kam über Ron, den Bassisten, der hat dort gearbeitet; ich kenne den Manager, so hat sich das ergeben.

Reese: Das ist ein bisschen eine Märchengeschichte – eine ältere Band, einer, der da ist und sagt: Jungs, ich hab‘ die Kohle, ich mache die Platte mit euch. Das war schon toll.

Sie haben zur Plattenladenwoche im Ohrwurm im Linden gespielt. Sind weitere Konzerte geplant?
Reese: Unser Wunsch wäre, dass wir im Frühjahr als Support irgendwo reinrutschen, bei einer coolen Band.

Wie würden Sie sich denn musikalisch beschreiben?
Reese: Die Leute haben immer von Hamburger Schule geschrieben. Unser Anspruch war immer, dass wir ein bisschen cleverer sein wollten, uns amerikanische Vorbilder gesucht haben und sie verbunden haben mit deutschen Texten. Neil Young, Springsteen, Dylan, das sind so die Referenzen, auch wenn man es vielleicht nicht immer direkt hört.

Fromm: Das kann durchaus mit dem Alter zusammenhängen. Wenn man das mit jungen Bands vergleicht, die haben vielleicht gar nicht den Bezug dazu und klingen deswegen anders.

Für wen machen Sie Ihre Musik?
Reese: Es gibt eine Menge Leute, die ab einem gewissen Alter aufhört, Musik zu hören. Aber es gibt auch eine Menge, die dabei bleibt. Ich weiß nicht, ob diese Leute die Musik kriegen, die sie wollen. Wenn es gut läuft, freuen die sich, dass sie etwas von uns kriegen, bei dem sie denken: Okay, die singen nicht über Themen von Leuten, die 20 sind, sondern über Dinge, die uns betreffen.


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