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Heinz Rudolf Kunze wird 60, Zeit für ein Album mit Cover-Versionen. Oder etwa nicht?© Achim Sielski

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NP-Interview

Heinz Rudolf Kunze verbeugt sich

Am 30. November wird Heinz Rudolf Kunze 60 Jahre alt. Bereits erscheint das Album „Meisterwerke: Verbeugungen“, mit der Deutschrocker aus der Wedemark Kollegen seinen Respekt zollt. Wir sprachen mit ihm über eine Biografie in Rock.

Wenn jemand zu seinem 60. Geburtstag ein Album mit Cover-Versionen veröffentlicht, darf man wohl davon ausgehen, dass diese Lieder etwas über dessen Leben sagen. Darum möchte ich mich in diesem Gespräch an dem Album entlanghangeln ...

Ich glaube schon, dass das alles etwas über mein Leben sagt. Aber dem liegt keine lange Entscheidungsarbeit zugrunde. Das war sehr spontan. Jetzt kann man sich natürlich fragen: Was sagt das über mich aus, wenn mir spontan Roy Black einfällt? (lacht)

Eben. Was sagt das denn aus? Vor allem ausgerechnet „Ganz in Weiß“? Und das ganz am Anfang?

Uns war klar: Roy Black ist sowieso der Stein des Anstoßes, und darum wollen wir ihn auch nicht verstecken. Aber als ich meine Liste machte, war er einer der ersten darauf.

Warum nur?

Das frage ich mich auch (lacht). Aber: ich wollte, dass die Spannweite möglichst groß ist: von den Einstürzenden Neubauten eben bis zu Roy Black und Freddy Quinn. Und: Man kann sich ja auch mal augenzwinkernd verbeugen. Die Platte heißt ja nicht: „Heinz Rudolfs Lieblingslieder“. Es hat Spaß gemacht, das zu singen. Und ich finde, mit dem Arrangement, mit diesem New-Orleans-Trauermarsch, ist das gar nicht so weit entfernt von einem Johnny Cash.

Machen wir weiter: „Blumen aus Eis“ von Karat.

Ich wollte auch, dass nicht nur westdeutsche Bands vertreten sind. Speziell das Lied war ein Wunsch meines Managers. Ich kenne die Jungs auch, wie ich die meisten großen Ostbands persönlich kenne. Ich bin ja auch in der DDR getourt. Die Staatsführung legte großen Wert darauf, dass man sich kennenlernt. Als junger Mensch hatte ich auch die Wessi-Arroganz gegenüber diesen Bands, ihrer Musik , ihrer Sprache - bis ich begriff: Die mussten sich so ausdrücken; ihre Sprache war genauso codiert wie heute HipHop. Es hilft, wie immer im Leben, wenn man sich kennenlernt.

Kommen wir zu „Junge, komm bald wieder“: Wie war Ihre Erstbegegnung mit Freddy Quinn?

Persönlich kennen gelernt habe ich ihn am Rande einer Fernsehsendung mit Dieter Thomas Heck. Ich habe mich gewundert über sein musikalisches Wissen: Er ist ein echter Country-Experte. Und: Man hat ja immer wieder das schockierende Erlebnis, dass gerade die Schlagerleute ganz reizende Menschen sind. So auch er. Und „Junge, komm bald wieder“ hat vielleicht etwas zu tun mit dem etwas komplizierten Verhältnis, das ich zu meiner Mutter hatte, dieses saugende Gefühl: „Komm zurück!“

Hat auch Caspers „Hinterland“ etwas mit Ihrer Kindheit zu tun?

Das habe ich mir tatsächlich empfehlen lassen. Ich bin nur 40 Kilometer vom ihm entfernt aufgewachsen, nicht in Paderborn, sondern in Osnabrück, und fühlte eine große Seelenverwandtschaft zu diesem Lied, weil wir beide Provinzkinder sind. Den Thees Uhlmann habe ich mir dann selber ausgesucht.

Warum?

Ich mag seine Methode, ich verwende sie auch gerne: dass man eine Geschichte erzählt, und dann kommt ein Refrain, der damit scheinbar nichts zu tun hat. „Zum Laichen und Sterben ziehen die Lachse den Fluss hinauf“. Ich mag diesen Verfremdungseffekt. Und ich dachte, der könnte fast ein Schüler von mir sein. Davon weiß er allerdings nichts (lacht). Wir haben das Lied noch ein bisschen tanzbarer gemacht, mit so einem Glamrock-Shuffle.

Bei DAFs „Mussolini“ haben Sie dafür ein bisschen Tempo rausgenommen, oder?

Ich glaube, das wirkt nur so. Wir haben es etwas üppiger instrumentiert. Ich war immer Fan von DAF, von ihrem Minimalismus, da war ich sehr fasziniert. Wer traute sich, sowohl Gitarren als auch Keyboards wegzulassen? Das war ja Wahnsinn!

Sie wurden auch der Neuen Deutschen Welle zugeordnet ...

Ja, und das fand ich interessant. Und mir war es auch ganz lieb, dass man mich mehr bei Joachim Witt als bei Konstantin Wecker sah - beides übrigens gute Freunde von mir.

Und Ideal?

Vielleicht doch die beste NDW-Band. Ich habe meinen erste Fernsehauftritt überhaupt mit ihnen zusammen gehabt. Sie haben „Blaue Augen“ gespielt und uns alle einfach weggepustet. Das war nicht nur wild und Attitüde; die konnten richtig was.

Warum „Ich steh auf Berlin“?

Weil ich auf Berlin stehe. Meine Frau ist auch Berlinerin. Das lag nahe.

Und dann kommt Udo Jürgens, mit „Was ich dir sagen will“. Noch mehr als bei Ideal die Frage: Warum dieser Song?

Weil das einer der tiefsinnigsten von Udo ist. Wenn jemand sagt, er möchte einem etwas mitteilen, das könne er aber nicht mit Worten, sondern nur mit seinem Instrument - da sind wir eigentlich schon bei Schopenhauer und Nietzsche, die gesagt haben, die höchste Form der Kunst sei die Musik. Udo hat es geschafft, eine Schublade zu schaffen, wo nur sein Name draufsteht.

Kam es bei „Deine Schuld“ von den Ärzten auch auf den Tiefsinn an? Es ist schließlich eines der wenigen wirklich ernsten Lieder der Band.

Im Grunde ja. Ich war ganz gerührt, als ich den Song das erste Mal hörte. Ich dachte, der Song, der Refrain hätten eigentlich von mir sein müssen, als ich 24, 25 war, ein zorniger junger Mann. Wenn Ärzte, dann das. Aber wir haben es musikalisch komplett umgekrempelt.

Daran schließt sich mit „So lang man Träume noch leben kann“ die Münchner Freiheit an, keine so gut beleumundete Band ...

... aber eine heimliche Schwäche von vielen. Es ist deutsche Popmusik - wenn Popmusik, dann so. Ich fand es immer toll. Das sind die deutschen Beach Boys.

Was sind dann die Toten Hosen?

Ein bisschen die deutschen Clash. Oder was meinen Sie?

Die deutschen The Damned?

Oh, das ist aber unfair (lacht). Sie haben auch ein bisschen Inhalt, die Hosen.

Aber gerade da ist doch „Alles aus Liebe“ mit seiner makabren Wendung etwas seltsam, oder?

Das ist eine Portion Gift in dem Lied, das ich sehr gerne mag. Aber die Ärzte und die Hosen sind jetzt vor allem dabei, weil meine Kinder die alle lieben und weil das sowieso durchs Haus plärrt, wenn die zuhause sind.

Dann folgt „Für mich soll‘s rote Rosen regnen“. Es gibt Lieder, die seltener gecovert wurden ...

Das stimmt. Dann hat das wohl etwas mit der Qualität des Liedes zu tun. Hilde Knef ist alles Andere als die Quotenfrau auf diesem Album. Ich habe mit ihr noch arbeiten dürfen, habe einen Text für ihr letztes Album geschrieben, einen anderen übersetzt. Ich habe sie immer bewundert für ihre Art zu singen, die ohne Stimme auskam, aber so viel Charisma hatte, dass sie gar keine Stimme brauchte. Sie ist für mich die mich am meisten erreichende deutsche Sängerin aller Zeiten.

„Wenn ein Mensch lebt“ ...

Da habe ich auch ein bisschen mit meinen Leipziger Freunden beratschlagt, welches Lied von den Puhdys ich nehme. Dieses Lied kennt östlich von Helmstedt jeder - und westlich davon kaum jemand. Es ist ein wirklich hübsches Lied. Und es ist eine Revanche für meinen Freund Maschine Birr, der einige Texte von mir genommen hat.

Wofür gab es die Revanche bei Blixa Bargeld und den Neubauten für „Haus der Lüge“?

Das ist einfach nur Faszination. Das ist kein Song, sondern ein Klangereignis. Wie er textlich arbeitet, ist mir sehr nahe, Wortspiele zum Beispiel wie „Vom Firmament bis zur Firma“. Ich fand diese Musik immer aufregend, diese ganze Blase an Musikern, die da noch dranhängen. Ich glaube, der heutige wichtigste Sänger von Liedern ist Nick Cave.

Welches Lied ist als letztes von der Liste für das Album geflogen?

Gar keines. Wir hatten noch nachgedacht über Nina Hagen und Blumfeld. Aber dann merkten wir: Das ist voll. Übrigens: Ganz viel Lob gebührt meinem Produzenten Swen Meyer, der die ganze Arbeit hatte. Ich war diesmal nur der Sänger. Eine Sinatra-Situation sozusagen (lacht).


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