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5.2.2016 , Interview Heinz Rudolf Kunze : FOTO : Florian Petrow :

5.2.2016 , Interview Heinz Rudolf Kunze :
FOTO : Florian Petrow :© Florian Petrow

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NP-Interview

Heinz Rudolf Kunze über "Deutschland"

Heinz Rudolf Kunze ist einer der streitbarsten Musiker des Landes. Nun erschien sein neues Album „Deutschland“, sein 35. in 35 Jahren. NP-Redakteur Stefan Gohlisch traf ihn in seinem Haus in der Wedemark zum Interview

Hannover. „Deutschland“ haben Sie Ihr Album genannt. Ziemlich plakativ ...

Wenn ein Titel namens „Deutschland“ so ziemlich als letztes Lied eines Album entsteht, ist es relativ naheliegend, dass man es auch so nennt. Zumal das Album um Deutschland kreist: wie ich es als Kind wahrgenommen habe, wie ich es jetzt wahrnehme. Es ist auch ein Hingucker. Jeder hat seine Geschichte mit diesem Begriff - viele haben auch eine Allergie vor diesem Wort. Es geht nicht spurlos an einem vorüber.

Man muss sich positionieren - auch als Musiker?

Ich habe es zumindest immer getan. Neulich hat mir ein Kollege von Ihnen gesagt, ich sei der deutscheste aller Sänger; Deutschland gucke direkt aus mir heraus. Was, bitte, guckt denn aus Herbert heraus? Und worüber soll ich denn sonst singen?

Das Cover zeigt eine typische Vorstadtidylle, eine Nebenstraße mit Baustelle ...

Aus Hannover! Das wurde in Mittelfeld aufgenommen.

Und das ist für Sie der Inbegriff Deutschlands?

Irgendwie schon. Auch weil es mich total an die Ameldungstraße in Osnabrück erinnert, in der ich aufgewachsen bin. Ganz viele Straßen in Deutschland sehen so aus: bisschen Idylle, bisschen miefig, bisschen heimelig, bisschen gruselig, aber normal, die Lebensmitte.

„Ich will dieses Land verstehen“, singt Bernd Begemann in seiner „Deutschen Hymne ohne Refrain“ - ist das auch Ihr Motor?

Ja, sicherlich. Dieses Land beschäftigt mich auf jedem Album, auch weil ich mich besser verstehe, wenn ich dieses Land besser verstehe. Ich könnte auch nicht wie der Kollege Michy Reincke nach Spanien ziehen und nur zum Arbeiten zurückkommen. Das ist sicherlich schön, aber ich brauche dieses Land und diese Sprache um mich herum.

In Ihrem „Deutschland“-Lied heißt es: „Jeder gute Deutsche hat sich an dir gerieben.“ Sie haben offenbar ein anderes Verständnis vom guten Deutschen als die AfD.

Die Reihe der Künstler, die sich an unserem Land gerieben haben, ist Legion, viele hat es ja auch vertrieben, von Heinrich Heine bis Thomas Mann, von Feuchtwanger bis Brecht, die es hier aus guten Gründen nicht ausgehalten haben. Das ist aber nicht typisch deutsch. Das ist typisch Künstler. Ein Michel Houellebecq reibt sich auch tierisch an seinem Frankreich. Offenbar eine Berufskrankheit.

Hinzu kommt, dass wir in Frankreich ein noch extremeres Abgleiten in den Nationalismus beobachten ...

Warten wir es ab! Das kann hier noch dicke werden. Vor den nächsten Landtagswahlen gruselt es mich. Aber ich bleibe auch hartnäckig dabei, dass man 90 Prozent der verstörten Leute, die jetzt rechts außen ihr Kreuzchen machen werden, wieder zurückholen kann - und auch muss. Aber dazu muss die herrschende Politik auch mal liefern und den Menschen die Ängste nehmen.

Mit „Wir schaffen das“ ist es nicht getan?

Ich hätte es besser gefunden, wenn Angela Merkel gesagt hätte: „Schauen wir mal, wie viel wir denn schaffen.“ Das wäre vernünftiger gewesen. Alleine schaffen wir es jedenfalls nicht.

Sie sind selber Flüchtlingskind, in einem Aufnahmelager geboren, und Sie engagieren sich für Flüchtlinge, indem Sie Instrumente für sie sammeln. Warum - und wie funktioniert das?

Meine Eltern waren Vertriebene, aber - in Anführungsstrichen - „nur“ deutsche Vertriebene, aus dem heutigen Polen. Das war für sie nicht einfach, weil Vertriebene auch nicht in allen Teilen Deutschlands wohlgelitten waren. Das war schon schwer genug. Darum kann ich mir das vielleicht besser vorstellen, wie man sich fühlt in der Fremde. Die Aktion hat bisher 650 Instrumente eingebracht, und die konnten wir nach großen Anlaufschwierigkeiten verteilen. Und es haben sich Musiklehrer gemeldet, die Unterricht geben. Es gibt also auch die guten Deutschen (lacht).

Würden Sie sich von den Kollegen mehr Engagement wünschen?

Ich weiß nicht genau, was die machen. Nach meiner Wahrnehmung halten sich viele bedeckt. Ich hoffe, dass ich mich irre.

Ein weiteres Schlüsselstück auf dem Album ist „Jeder bete für sich alleine“, in dem Sie Religion zur reinen Privatsache erklären.

Es gibt den wunderschönen Satz von Blaise Pascal „Das ganze Unglück der Menschen kommt daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können“. Natürlich bleibt das ein frommer Wunsch - im wahrsten Sinne des Wortes -, weil keine Religionsgemeinschaft auf ihre Schäfchen verzichten möchte. Aber schön wärs schon, wenn man Religion privatisieren könnte. Es gäbe keine Möglichkeit für Fanatismus.

Wie fühlen Sie sich in der deutschen Poplandschaft? Es ist 20 Jahre her, dass Sie sich für Mindestquoten deutscher Musik im Radio ausgesprochen haben und dafür schwer angefeindet wurden, als deutschnational.

Das hat sich fundamental geändert. Aber ganz ehrlich: Ich höre gar nicht so viel deutsche Musik. Nur die Tatsache, dass es mehr wird, macht es ja nicht gut. Und ich meinte auch damals schon eher die Vermehrung von Blumfeld und nicht die des deutschen Schlagers. Da bin ich damals böse missverstanden worden, auch bösartig. Wer meine Arbeit auch nur ein bisschen kennt und mir unterstellt, ich propagiere deutschen Schlager, der hat sie doch nicht alle.

Also immer noch: lieber mehr Jochen Distelmeyer als Helene Fischer?

Helene ist ein wunderbares Mädchen, eine patente Frau, die auch etwas kann. Macht nicht meine Musik, ist aber eine nette Person.

Obwohl: Ihr Lied „Mund-Zu-Mund-Beatmung“ klingt fast wie eine Antwort auf sie. Da geht es textlich wie musikalisch ganz schön atemlos zu.

Auch wenn Sie es mir nicht glauben: Ich habe dabei nicht an Helene Fischer gedacht, sondern an Gossip. Die Band finde ich nämlich ziemlich scharf.

Na ja, eine Mund-zu-Mund-Beatmung braucht, wer atemlos ist.

Ach, so meinen Sie das? Was weiß ich, was sich da unterbewusst bei mir abgespielt hat (lacht).

Wie entstand das neue Album?

Sehr kompakt: Innerhalb von zehn Tagen haben wir 14 reguläre Titel plus zwei Bonus-Tracks aufgenommen. Das war ein sportliches Programm.

Aber die Stücke waren schon fertig komponiert und arrangiert, oder?

Ja. Ich lese immer voller Neid, dass englischsprachige Kollegen sich ein Studio für drei Monate buchen und dann erst anfangen. Aber ich weiß gar nicht, wie das gehen soll. Das könnte ich mir gar nicht leisten. Und ich könnte es nicht ertragen, mit nichts außer einem leeren Blatt ins Studio zu gehen. Ich brauche einen Plan.

Es heißt, Sie hätten immer etliche fertige Lieder in der Schublade. Wann entstanden diese 14 Stück?

Die meisten sind von 2015, die Musik sowieso.

Was die Frage erübrigt, was zuerst kommt: Text oder Musik?

Der Text ist immer zuerst da, sogar wenn ich dem Jens Carstens einen Text gebe wie jetzt „Das Paradies ist hier“ und ihm sage: „Mach mal eine schöne Single daraus!“ Der älteste Text ist, glaube ich, „Zu früh für den Regen“ von 2013. Der hatte sich schon die beiden Alben zuvor gemeldet und ist nie zum Zug gekommen. Diesmal war es endlich so weit. Vieles verschwindet für immer im Archiv. Aber Texte schreibe ich nun mal immer; es ist ein steter Fluss. Das ist auch keine Arbeit. Musik schreibe ich nicht immer.

Sie singen ja auch: „Immer noch besser als arbeiten“ ...

Dieser Spruch kommt von meinem alten Trompeter Dick Hanson. Der sagte immer: „Es ist schon ganz schön mühsam mit der Musik - but it beats work, doesn’t it?“

Sind Sie ein rastloser Geist?

Ich würde mich bezeichnen als jemanden, der das Glück hat, wie ein Medium zu funktionieren. Ich habe gute Antennen und fange nur ein, was sowieso in der Luft liegt. Das Beunruhigende ist: Ich könnte nie eine Methode daraus ableiten.

Wissen Sie vorher, was daraus wird? Ihr Spektrum reicht nun mal inzwischen vom Kinderlied bis zum Roman.

Das passiert beim Schreiben. Ich habe keine Absichten. Wenn ich mir vornehme, ich will jetzt ein Flüchtlingslied schreiben, dann funktioniert das nicht.

Wie sieht es mit Musical aus?

Leider nicht mehr. Die große Zeit der Musicals ist leider vorbei. Wir mussten ja auch mit dem Shakespeare in Hannover pausieren. Nächstes Jahr soll es offenbar weitergehen, wahrscheinlich mit „Kleider machen Liebe“ und wieder dem „Sommernachtstraum“.

Nichts Neues?

Nein, die Leute wollen offenbar immer wieder die Klassiker hören. Heiner Lürig und ich sind auch ganz traurig über das Schicksal von „Der Sturm“, der in schlechtem Wetter untergegangen ist.

Am Schauspielhaus hat am Mittwoch ein Musical über Fritz Haarmann Premiere. Prompt gab es Proteste. Darf man über Haarmann in Hannover ein Musical machen?

Natürlich. Warum denn nicht? Und wo denn sonst? Musical ist ein ziemlich offener Begriff, in den man alles packen kann. In Hamburg wird zwar gerade in alles die Micky Maus gepackt, aber mein erstes Musical zum Beispiel war „Les Misérables“, und das war überhaupt nicht Disney, sondern meine beste Arbeit. Musical ist wie ein Rocksong: Es gibt nichts, über das man nicht schreiben kann.

Das neue Album wird gerahmt von zwei Liedern, die wirken wie Anfang- und Endpunkt einer Künstlerkarriere: „Es ist in ihm drin“ und „Ein fauler Trick“. Eine Standortbestimmung?

Zum Teil: Bei mir war es genauso wie bei dem kleinen Jungen aus „Es ist in ihm drin“. Vater war total angetan davon, dass ich schon als Kind Künstler werden wollte. Mutter war wie alle Mütter etwas besorgt, aber auch nicht wirklich dagegen. Meine Eltern waren klassische Kleinbürger mit dem Sinn für etwas Höheres. Der Junge sollte es besser haben.

Sind Sie auch der alte Zauberer aus „Ein fauler Trick“, der deprimiert auf sein Leben zurückblickt?

Nein, das ist eine Horrorvision, in der ich das mal durchspiele, wenn es so wäre. Ich gehe noch gerne auf die Bühne, der ich mein Leben gab. Aber ich kenne diese Angst, die Fähigkeit zu verlieren, die Menschen zu begeistern. Die kennt jeder Kollege.

Hatten Sie solche Phasen schon mal?

Nein, zum Glück nicht. Der Umgang mit dem Publikum hat mich immer geheilt. Ich hatte in den 90er Jahren ganz schlimme Panikattacken und war deswegen auch jahrelang in Behandlung. Aber die Panikattacken hatte ich nur privat - nie auf der Bühne.

Worauf bezieht sich „Die Letzten unserer Art“?

Das ist natürlich eine Generationsbilanz. Ich bin die Generation Herbert Grönemeyer, Dietrich Diedrichsen. Wir sind für Punk zu alt und für Hippies zu jung, hatten aber auch unsere Wünsche und Träume und Vorstellungen von einer anderen Gesellschaft. Und man wird älter und stellt fest: Man hat es auch nicht geschafft. Aber dies ist eines der Lieder aus der Rubrik „Möchte ich gerne Unrecht mit behalten“.

„Ich möchte anders sein“ wiederum klingt wie der Blick auf einen Jungen wie aus dem ersten Lied, nur dass er heute groß werden muss.

Ich habe ein Bild gesehen: eine Straßenbahn, in der ein Junge saß und weinte. Ich stellte mir vor, er hält sein Zeugnis in der Hand, muss jetzt nach Hause und kriegt Haue.

Es geht um einen Jungen, der nicht sein darf, was er möchte.

Ja, insofern handelt es schon von mir: weil ich Kind eben auch in so einer Kleinstadtstraße aufgewachsen bin und dachte: „Ich muss hier raus, unbedingt. Ich möchte nicht so enden.“


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