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EDLES INSTRUMENT: Heinz Rudolf Kunze an derGitarre und im Gespräch mit den RedakteurenHenning Queren (re.) und Matthias Halbig inKunzes Haus in Bissendorf. Fotos: Dröse

EDLES INSTRUMENT: Heinz Rudolf Kunze an der Gitarre.© Dröse

Interview

Heinz Rudolf Kunze: Gitarren für Flüchtlinge

Heinz Rudolf Kunze über seine Aktion "Musik hilft!", über Vertriebene und den Shitstorm im Netz.

„Musik hilft“ - so hat Heinz Rudolf Kunze seine Aktion ge-nannt, um Flüchtlinge zu unterstützen. Indem er dazu aufruft, Musikinstrumente zu spenden. Der Deutsch-Rocker macht gleich selbst den Anfang und stiftet drei außergewöhnliche Gitarren. Heinz Rudolf Kunze im NP-Interview über seine Aktion, das Shitstorm-Wesen, die aktuelle Situation und sein eigenes Schicksal als Flüchtling.

Herr Kunze, Sie wollen mit Musikinstrumenten Flüchtlingen helfen ...
Meine Frau und ich haben im Fernsehen ausgiebig die Berichterstattung über die Flüchtlinge verfolgt. Wir überlegten uns dann, dass diese gebeutelten Menschen ja nicht nur Essen und Kleider brauchen, sondern auch etwas zu tun haben müssen in ihrer schrecklichen Situation, eingepfercht so lange, bis sich ihr weiteres Schicksal entscheidet. Und die beiden Dinge, mit denen Menschen ihr Leben einigermaßen freundlicher gestalten können, sind eben Sport und Musik.

Und dabei kam Ihnen die Idee, einige Ihrer Gitarren zu verschenken?
Jeder Musikant hat irgendwelche Ge-räte, die er nicht mehr wirklich dringend braucht. Vorlieben ändern sich, entsprechend wechselt man zu einer anderen Gitarre. Die Instrumente stehen herum, jetzt können sie andere nutzen. Deswegen wende ich mich mit dem Aufruf „Musik hilft!“ in erster Linie an Musiker. Die in der Region Hannover, im Land Niedersachsen, aber auch an jeden Musikerkollegen anderswo, der davon Wind bekommt, und überhaupt auch an jeden Hobbymusiker und Privatmann, der ein Instrument übrig hat. Es wird gebraucht.

Was erhoffen Sie sich von der Aktion?
Dass möglichst viel zusammenkommt an Instrumenten, dass diese Instrumente den Flüchtlingen Spaß bereiten, sie ein wenig ablenken, erfreuen, dass das Beispiel Schule macht und dass am Ende in vielen Flüchtlingsquartieren musiziert wird.

Wie wäre es, wenn Sie Flüchtlingen bei der Übergabe auch noch ein paar Gitarrenkniffe beibrächten?
Ein paar Akkorde? Gern. Ich bin nun aber nicht der begabteste Gitarrenlehrer (lacht). An mir ist gewiss kein Eric Clapton verloren gegangen.

Trouble wird es für die gute Tat gewiss in den sozialen Netzwerken geben. Til Schweiger hat es mit seinem Flüchtlingsheim-Plan in Osterode gerade erfahren.
Es ist klar in diesem Land: Wer sich bewegt, hat Schuld, wer etwas macht, wird angegriffen, am besten macht man nix. Diese modernen Medien sind doch eine sehr janusköpfige Sache. Auf der einen Seite ist es gut, wenn über so schnell Helfer gewonnen werden, wenn beispielsweise ein Deich bricht. Und auf der anderen Seite gibt es eben dieses elende Shitstorm-Wesen. Das weiß man aber vorher, damit muss man leben. Nun ist sein Vorhaben auch sehr ehrgeizig. Ich bin sehr gespannt, ob das klappt. Wenn ich mir vorstelle, was sein Manager da an Behördengängen auf sich nehmen muss. Aber man sollte auch nicht mit Häme kommen, wenn es nicht funktioniert. Ich nehme Til Schweiger ab, dass er das ehrlich meint.

Wie kommt Ihnen die aktuelle Flüchtlingssituation überhaupt vor? Fast scheint es, als solle alles so provisorisch bleiben als Teil einer Abschreckungspolitik.
Ja, das könnte man fast vermuten. Es ist schon seltsam, dass die Behörden so überrascht tun. Eigentlich hätte man darauf vorbereitet sein müssen. Es ist nicht gerade eine Willkommensgeste, was da passiert. Wobei ich auch ein gewisses Verständnis für Lokalpolitiker habe, die an ihre Grenzen stoßen und vom Bund im Regen stehen gelassen werden.

Unterscheiden Sie zwischen Leuten, die hierherkommen, um ihr Leben zu retten, und Leuten, die hierherkommen, um ihr Leben zu verbessern?
Sicher ist auch die Verfolgung durch Elend eine schlimme. Aber erst mal müssen wir uns um die Leute kümmern, deren Leben auf dem Spiel steht. Ich bin der Ansicht, dass der Balkanraum nicht mehr so lebensgefährlich ist wie andere Räume. Da muss man Prioritäten setzen.

Ein deutsches Problem?
Eine Europafrage. Es kann nicht angehen, dass einige Länder gar keinen Flüchtling annehmen. Nur dass wir mehr können als andere, ist auch klar.

Hat das mit unserer eigenen Historie zu tun? Viele unserer Vorfahren waren selbst Flüchtlinge.
Aus Schlesien, Ostpreußen und Hinterpommern kamen Millionen, die im westlicheren Deutschland eingegliedert werden mussten. Lange her, aber anders als die Franzosen kennen die Deutschen Flucht und Vertreibung, müssten es zumindest von ihren Eltern oder Großeltern erzählt bekommen haben. Insofern ist es zwingend, dass ich da - wenn auch nur eine Kleinigkeit - einen kleinen Stups gebe. Weil ich eben selber aus einer Familie komme, die vertrieben worden ist. Deswegen finde ich, die Deutschen müssen sich da schon besonders kümmern.

In „Vertriebener“ singen Sie auch von sich selbst als Vertriebenem. Sie sind 1956 geboren, damals waren die Aversionen gegen die Flüchtlige schon vorbei, oder?
Klar, ich habe das nicht in der ersten Welle miterlebt. Aber meine Eltern haben mir eigentlich immer das Gefühl gegeben, dass wir im Exil leben. Diese Ostheimat haben sie nie aus dem Kopf gekriegt. Wir sind noch oft umgezogen, als ich ein kleiner Junge war, aber wo wir auch wohnten, die Wände hingen immer voll mit Bildern des östlichen Guben, des heutigen polnischen Gubin.

Hatten Sie selbst Guben als eigentliche Heimat spät übernommen, oder sind Sie Vertriebener von nirgendwo?
Eine Heimat habe ich nicht, ich habe Wohnsitze. Ich lebe hier in der Wedemark schon sehr lange - aber eine Heimat ist das nicht. Ich bin hier auch nicht unzufrieden, aber der ostdeutsche Raum ist doch mehr meine Herkunft im Sinn von Botho Strauß.

Heimat ist ja auch eine emotionale Sache.
Richtig. Insofern ist das bei mir wohl der deutsche Sprachraum.

Hatten Sie in den 60er Jahren noch Aversionen gegen die Vertriebenen erfahren?
Nur im Harz. Da nannte man uns „die Polacken“.

Hätte es Ihnen damals im Harz gefallen, eine Gitarre geschenkt zu bekommen?
Ja. Das glaube ich schon.


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