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SPASS MIT MUSIK: Für die Show von Hans Liberg braucht man keine klassische Vorbildung.© Thomas Mayer

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Interview

Hans Liberg: „Auch Mozart hat geklaut“

Der niederländische Musiker, Kabarettist und Entertainer Hans Liberg unterhält sein Publikum mit Ausflügen in die Klassik und ihre Bezüge zur musikalischen Gegenwart. Mit seinem aktuellen Programm „Attacca“ gastiert er am Dienstag, 22. Dezember (20 Uhr), im Aegi. Im NP-Interview spricht er über Musikdiebe, Alphörner und die Qualität seiner seine Kompositionen.

Herr Liberg, Ihr aktuelles Programm heißt „Attacca“, und tatsächlich sehen Sie auf den Tourplakaten sehr angriffslustig aus. Auf was müssen sich Ihre Besucher gefasst machen?

Auf etwas Lustiges. Ich mache Musik und Comedy, das ist mein Rezept. Damit kann man viele Sachen machen und erklären. ‚Attacca‘ beispielsweise bedeutet eigentlich ‚verbinden‘. Das ist ein Begriff aus der Musik: Man beendet ein Stück und macht dann ohne Pause mit einem anderen Stück weiter. Musik an sich ist nicht lustig, aber wenn man es mit etwas völlig anderem kombiniert, kann Musik lustig werden. Das ist das, was ich mache, das ist mein Geheimnis.

Unter anderem entlarven Sie, dass in der Musik unglaublich viel geklaut wird…

Ja, das ist auch interessant. Auch Mozart hat geklaut, zum Beispiel das Thema von der Zauberflöte (singt): tadadadamm - paadam - padadadamm - paadam - padadadamm. Das hat er von einem Kollegen geklaut, von Muzio Clementi (italienischer Komponist, d. Red.). Und das ist auch das Thema von einem anderen Lied (singt): ‚When I‘m feeling blue, all I have to do, is take a look at you‘ (‚A Groovy Kind of Love‘ von Phil Collins, d. Red.). Man kann sagen: Die meisten guten Melodien stammen irgendwo anders her. Sogar die deutsche Nationalhymne stammt von einer gregorianischen Melodie (singt): ‚Pater noster, qui es in caelis‘. Haydn hat zwar die Musik geschrieben, hat sie aber eigentlich auch nicht selbst ausgedacht. Es gibt nur ganz wenige Leute, die wirklich eigene Ideen haben, die sehr originell sind. Sogar E=mc hat Einstein von anderen, er hat die Formel nur variiert. Ich bin also immer auf der Suche, ob Mozart der Pharrell Williams von damals war - Pharrell Williams hat auch viel geklaut.

Geistiger Diebstahl ist also ein dankbares Thema für Musik-Comedy …

Aber es gibt auch andere Dinge, die sich mit Musik verbinden lassen. Wir haben in Holland einen Streit um St. Nikolaus, der immer seinen Knecht mitbringt, den Schwarzen Piet - der ist also schwarz. Und es gibt immer wieder Streit: Darf man das so sagen - Schwarzer? In Deutschland gibt es ja das Lied (singt): ‚Zehn kleine Negerlein, die gingen in einen Hain, der eine hat sich aufgehängt, da waren‘s nur noch neun‘ - das darf man nicht mehr singen, nicht? Man darf auch nicht mehr die schwarzen Tasten spielen, denn die sind in der Minderheit - und wenn man diese Geschichte weiterführt, dann wird sie sehr leicht, dann kann man die Aktualität mit Musik verbinden.

Brauchen Ihre Besucher viel Musikverstand?

Nein. Haben Sie bis jetzt alles verstanden? Ich glaube schon, oder?

Bisher ja.

Sehen Sie. Das ist das, was zählt. Wie gesagt, ich benutze Mozart und Pharrell Williams. Man muss also auch Pharrell Williams verstehen, sonst kann man Mozart nicht verstehen. Man muss wissen: Es gibt eigentlich keinen Unterschied zwischen Paul McCartney und Mozart. Die Melodien sind manchmal die gleichen, Paul McCartney hat auch brillante Ideen gehabt. Und Mozart war manchmal eine Drecksau. Er hat zum Beispiel einen Kanon geschrieben ‚Leck mich im Arsch‘ - das ist nicht wirklich sehr klassisch, oder? Die Klassik-Liebhaber wollen das nicht wahrhaben, aber er hat einen sehr perversen Humor gehabt. Also: Es ist angenehm, wenn man weiß, das ist die Fünfte von Beethoven. Aber es ist nicht wichtig.

Sie jedenfalls sind musikalisch ziemlich vielseitig. Wie viele Instrumente könnten Sie spielen, wenn Sie wollten?

Ich glaube, wenn man alles zusammenzählt, kommt man auf 100. Aber es kommt natürlich drauf an, was man spielt. Wenn man Gitarre spielt, kann man auch Balalaika, Mandoline, Banjo, E-Bass so spielen, dass viele Zuhörer denken: Hey, das spielt er also auch. Wenn man Trompete spielt, kann man auch Tuba, wenn man Klavier spielt, kann man auch Cembalo und Orgel. Es gibt nur ein paar Instrumente, die anderen Instrumente sind alles nur Varianten. Ich habe eine Euro-Gitarre, die sieht aus wie ein Euro-zeichen, aber da sind Saiten drübergespannt. Darauf spiele ich den Euro-Blues, weil die Währung so instabil ist. Wer Gitarre spielen kann, kann die auch spielen.

Und wie viele Instrumente setzen Sie in „Attacca“ ein?

Wir haben Schlagzeug, Bass, Klavier, Orgel, wir haben eine Jazzgittarre, wir haben ein Alphorn…

Aha…

…ja, das ist so ein vier Meter langes Ding. Das Angenehme daran ist: Ich kann es umdrehen und das Publikum darauf spielen lassen.

Dann müssen Sie sich nicht selber damit abquälen…

… (lacht) ja, und kann mal gucken, was es so für Blastechniken gibt.

Sie sind nicht nur an musikalischer Kunst interessiert, sondern auch sonst ein großer Kunstsammler. Sind Sie da auf eine bestimmte Richtung festgelegt?

Das ist zeitgenössische Kunst, also Kunst der letzten 30 Jahre, und das meiste ist Malerei. Wir besuchen auch Kunstmessen, meine Frau und ich machen das gerne, denn gute Ideen kommen meist aus der bildenden Kunst. Es gibt viele Maler, die tolle Ideen haben. Und es ist auch angenehm, das zu machen: Nach Basel zu fahren, vielleicht etwas zu kaufen, wenn es nicht zu teuer ist - vieles ist sehr teuer. Das finde ich sehr interessant, das ganze Haus hängt voll mit Bildern, ich glaube, wir haben 100 Stück oder so.

Haben Sie sich auf bestimmte Künstler spezialisiert?

Ja, beispielsweise Marlene Dumas, George Condo, Jan Knap - ich weiß nicht, ob Sie die Namen kennen…

…bisher noch nicht…

Jan Knap, das ist ein Tscheche, einige Deutsche sind dabei, Anton Henning aus Berlin und Armin Böhm. Wir haben Eerke von etwa 70 Künstlern, denke ich. 2017 machen wir auch eine Ausstellung in der Kunsthalle Lübeck, dort wird die ganze Sammlung gezeigt - und auch die Arbeiten meiner Frau, Marliz Hencken, sie ist auch Künstlerin. Das ist etwas, was mit meinem Beruf nichts zu tun, aber das ist der andere Teil meines Lebens.

Dieser Teil taucht in Ihrer Show aber auch auf: Einerseits singen Sie Campingplatzlieder, andererseits kündigen Sie aber auch einen elitären Gesang über George Condo an…

Ich weiß nicht, ob das in jeder Show dabei ist. Ich habe eine Nummer über Kunst, in der ich auch auch einige Gemälde aus der Sammlung vorstelle. Bei uns in den Niederlanden gab es einen Riesenskandal um ein Bild von Gustave Courbet, das eine Riesenvagina zeigt („Der Ursprung der Welt“, d. Red.). In Holland zeige ich das Bild, aber ich weiß nicht, ob die Nummer in Deutschland dabei ist. Und dann habe ich ein Lied von George Condo, das ist ein so genanntes elitäres Lied, das niemand versteht, es gibt ja nur ganz wenig Leute, die den Namen überhaupt kennen. Kunst ist sehr elitär, höchstens 0,5 Prozent der Bevölkerung beschäftigt sich damit. Aber das finde ich toll: Ein Lied, das niemand kapiert (lacht).

Ganz im Gegensatz zu den Campingplatzliedern…

Das ist auch so ein Genre…Ich kenne das nicht, ich bin nie auf Campingplätzen. Aber anscheinend gibt es ein Repertoire für Leute, die campen. Die haben dann Lieder, die die singen. Aber das ist in jedem Land anders, das funktioniert in Deutschland anders als in Holland.

In Deutschland wird ja sehr das Vorurteil gepflegt, dass sich der Holländer an sich gerne auf Campingplätzen aufhält. Das trifft auf Sie also nicht zu?

(lacht) Auf mich nicht, nein. Aber auf viele Holländer. Allerdings sitzen in den meisten Campingwagen, die ich sehe, Deutsche und keine Holländer. Die sind hier sehr teuer, wir haben auf Campingwagen 25 Prozent Luxussteuer.

Sie beschäftigen sich in Ihrem Programm auch mit Popmusik, beispielsweise mit Wuthering Heights von Kate Bush…

Najaaa…ich spiele nur das Vorspiel, und dann singt das Publikum ein bisschen so, wie Kate Bush klingt (summt in hoher Tonlage). Das ist das, woran die Leute sich bei Kate Bush erinnern. Die ist jetzt übrigens wieder auf Tournee. Ich schätze sie sehr, ich finde sie super. Mit ihr kann man aber auch gut ein bisschen Klamauk machen. Ich kombiniere das aber mit Bach, und dann ist das wieder in Ordnung (lacht).

Komponieren Sie auch selber?

Nein, eigentlich nicht. Alles, was ich komponiert und geschrieben habe, klingt, als ob es schon vorher dagewesen wäre. Ich habe Lieder geschrieben, die ich auch singe, aber wenn Sie sie hören, denken Sie: Oh, das ist ein Lied aus den 50er Jahren.

Sie kommen aus der Jazz-Ecke, oder?

In Holland habe ich ein Programm Jazz und Comedy. Das ist eine Musik, die ich als Student sehr viel gespielt habe. Jazz ist auch immer noch eine lebendige Sprache, klassische Musik hat eigentlich keine lebendige Sprache mehr. Beim Jazz wird immer noch improvisiert, das heißt, da wird noch gesprochen. Und das finde ich interessant. Viele Jazz-Muiker spielen klassische Musik auch besser als klassische Musiker, finde ich. Die haben mehr Gefühl dafür, wie Mozart das damals gemeint hat. Mozart hat auch selbst viel improvisiert, klassische Musik gab es damals gar nicht, das haben wir erfunden.

Jazzer haben eine Sprache, die machen Witze, zitieren andere Künstler - ja, das ist eine Gebrauchsmusik. Ich liebe das sehr.

Können Sie sich vorstellen, als Pianist oder als Dirigent ein klassisches Konzert komplett durchzuspielen? Sie beziehen sich ja auf Victor Borge, den amerikanischen Musikkomödianten, der hat das ja gelegentlich auch gemacht.

Ja, er hat ein Stück schon fünf Minuten gespielt, von Tschaikowski, glaube ich. Aber auch er hat sonst immer nach 28 Sekunden mit einem Lied aufgehört, danach ist es für einen Comedian nicht mehr interessant. Für einen Konzertpianisten natürlich schon, aber ich bin mittlerweile kein Konzertpianist mehr, dafür braucht man eine andere Konzentration. Ich denke immer sofort an andere Dinge. Ich habe neulich eine Symphonie von Bruckner gehört, die dauert eine Stunde, aber ich habe die ganze Zeit nur eine Melosie gehört (summt): Taa-pamm-pamm-pa-paaa-pamm. Und das ist Seven Nation Army von White Stripes (summt): Taa-pamm-pamm-pamm-paaamm-pamm - und dann bist du beim Fußball. So kann man doch nicht ernsthaft ein klassisches Konzert machen.

 Hans Liberg, „Attacca“, 22. Dezember, 20 Uhr, Theater im Aegi


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