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MIT DER HAND AM ABZUG: Philip Simon zeigt im Apollo furchtlos sein aktuelles Programm „Anarchophobie“.© Simon

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Kabarett

Hannover-Premiere: Philip Simons Programm „Anarchophobie“

Warum tut er sich das überhaupt an? Die Argumente sind doch alle draußen, „und Sie“, wendet sich Philip Simon ans Publikum in Desimos Spezial-Club im Apollo, „hätten das Geld, es zu ändern“. Stattdessen trägt man es ins Kabarett, ein moderner Ablasshandel - und „und ich sitze jeden Abend auf einer Bühne, weil mir zu Hause niemand mehr zuhört“. Und seine musikalische Begleitung Ava Maude singt dazu „Selbstmitleid“.

Hannover. Scharf ist Simon geworden. Der 39-jährige Kabarettist aus dem niederländischen Enschede wurde bekannt mit Haartolle, niedlichem Akzent und Zwangsjacke, die er immer dann anzog, wenn ihm die Welt zu verrückt wurde. Jetzt trägt er die Haare kurz und Vollbart, spricht Hochdeutsch und Klartext und hat eine Pistole dabei, ein Argumentverstärker made in Germany, exportiert in die Welt.

Erschießen will er sich nicht; in Deutschland erhängt man sich sowieso eher: „Das ist das deutsche Gemüt - die Seele baumeln lassen“. Mit verbalen Schreckschüssen will er den Kopf freiblasen.

Aber das ist nicht einfach zu verstehen in Zeiten, in denen der Glaube wieder Politik bestimmt „und wir eine Metapher nicht von einem Dogma unterscheiden können“. Und im Himmel sitzen 50 000 Märtyrer und streiten sich um 72 Jungfrauen. Es geht um alte und neue Religionen, den Burnout als „Glaubenskrise des Atheisten“. Statt in die Kirche rennt man in den Bioladen, und die spanische Biogurke sammelt mehr Miles-&- more-Punkte als der Außenminister.

Natürlich bekommt auch die neue Rechte ordentlich etwas ab, die besorgten Bürger („Bürger, denen es mal wieder besorgt werden sollte“) oder „Pegida“ („politischer Musikantenstadl“). Vor allem aber schießt Simon gegen die Selbstgerechten: „Die wahren Wirtschaftsflüchtlinge sind doch wir“, weil es uns in immer billigere Läden zieht, zu immer billigeren Waren, zu immer menschenunwürdigeren Produk-tionsbedingungen.

„Anarchophobie“ heißt Simons Programm, die „Angst vor Spinnern“, eine Hannover-Premiere. Dabei bräuchte es doch genau solche Spinner für neue Wege. Man muss einfach mal außerhalb der Box denken - und das zeigt Simon, dieser versponnene Wahrheitssucher, in einer zauberhaften Schlusswendung. Jubelnder Applaus.

Bewertung: 4/5


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