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Igor Levit

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Kunstfestspiele

Hannover: Igor Levit mit Sturm, Drang und Klassenkampf

Das ist schon ungewöhnlich, ein Klavierkonzert so zu beginnen – mit einem Zitat von Picasso, „dass sich ein Künstler nicht gleichgültig verhalten kann, wenn die höchsten Werte der Humanität und Zivilisation auf dem Spiel stehen“. Aber bei Igor Levit ist nichts gewöhnlich.

Hannover. Weder seine Spielweise noch sein Programm. Bei den Kunstfestspielen präsentierte der Ausnahmepianist den Abend „It Makes a Long Time Man Feel Bad“ zwischen Beethoven und Moderne.

Der lange Titel bezeichnet eine Ballade des jung gebliebenen US-Altmeisters Frederic Rzewski, der einen bluesgeprägten Worksong-Klassiker schwarzer Gefangener (auch mal von Bob Dylan gesungen) verarbeitet hat – grifftechnisch hochanspruchsvoll. Bisweilen muss der Pianist auch mit Wucht gegen den Flügel schlagen und den Korpus zum Dröhnen bringen. Und damit jeder begreift, worum es geht, liegt auf dem Klaviersitz eine stählerne Kette, die taktgenau schwer gerasselt werden muss.

Überhaupt ist das Konzert auch ein wenig Klassenkampf am Klavier. Der Abend beginnt mit den erstaunlich sanften und selten gespielten „Thälmann Variations“ vom Brit-Avantgardisten Cornelius Cardew, der mal Maoist war, was aber nicht ausschließt, gut und wirkungssicher zu komponieren – hier eine Variation über den von den Nazis ermordeten deutschen KPD-Chef der Weimarer Zeit.

Weltklasse an den Tasten, da wird dann die Orangerie (bis unters Dach ausverkauft) zur Carnegie Hall, wenn es nach der Pause mit einem sozial bewegten Stück tatsächlich von Franz Liszt weitergeht. In „Lyon“ (über die Seidenweber-Aufstände von 1834) regiert die Virtuosen-Pranke, Levit kann einfach mal zeigen, dass er die pure Freude am Akkordgedonner und es auch grifftechnisch draufhat.

Der Höhepunkt des Abends kommt zum Schluss. Erst das kurze Stück „Guernica“ von Paul Dessau – deshalb auch das einleitende Picasso-Zitat von 1937 zu seinem berühmtesten Bild. Keine Pause, Levit lässt die Hände zwei-, dreimal über den Tasten hinschweben und startet dann übergangslos mit Beethovens legendärer „Appassionata“ – was für ein Kunstgriff.

Was dann folgt, ist einfach nur noch großartig. Sturm und Drang: Da holt einer alles an kompositorischer Energie, an revolutionärem Pathos aus dieser Klaviersonate, die Beethoven darin verarbeitet hat. Die ersten Takte haben schon Zug und Kraft, dann rast Levit rekordverdächtig (und deutlich schneller als Friedrich Gulda) durch das Allegro. Auch das Andante ist keine nur wohlklingende Wohlfühlinsel (wie bei Daniel Barenboim), es ist von unaufhaltsamem Vorwärtsdrang geprägt – hin zum abschließenden Allegro: Da wird dann am Ende des Mittelsatzes nur noch mal kurz das Gas weggenommen für die Schlusskurve. Manuell ist alles trotz des atemberaubenden Tempos unanfechtbar, die Konturen bleiben immer klar, die motorischen Elemente unter voller Kontrolle. Nirgendwo leidet der Ausdruck unter der Geschwindigkeit. Mit solchen durchtrainierten Kraftakten wird Beethoven wieder richtig aufregend, wird zum jungen Wilden, der er mit der Komposition der „Appassionata“ sein wollte. Super.

Riesenjubel, Fußgetrampel. Und so ungewöhnlich, wie der ganze Abend war, hört er auch auf – mit einen ulkigen und entspannenden Rausschmeißer von Rodion Schtschedrin – auch das kann Levit.


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