Navigation:

© Frank Wilde

|
NP-Interview

Hacker Karl Koch als Bühnenstück

Das Schicksal des hannoverschen Hackers Karl Koch, der 1989 unter mysteriösen Umständen starb, gehört zu den größten Kriminetten der jüngeren Geschichte. Nun kommt sein Schicksal auf die Bühne. Die NP sprach mit dem Regisseur, dem gebürtigen Hannoveraner Christopher Rüping.

Hannover. Sie kommen aus Hannover, und Sie kehren mit einem hannoverschen Stoff zurück. Fühlt sich das anders an als ihre letzte Regie-Arbeit hier, „Hiob“?

Ja, auf jeden Fall. Tatsächlich war die „23“-Produktion sogar früher verabredet als „Hiob“. Florian Fiedler und ich sind schon vor 5 Jahren zum ersten Mal auf diesen Stoff zu sprechen gekommen - wir fanden beide sofort, dass das gut passt, nicht zuletzt, weil sich Teile von Karl Kochs Biografie durchaus mit meiner eigenen Erfahrung als junger Mensch in Hannover vergleichen lassen, wenn auch zeitlich versetzt.

Sie wurden geboren, als Kochs Geschichte als Hacker gerade begann ...

Ja, 1985, als für ihn die richtig schlimme Phase losging. Und genau wie er hatte ich als Jugendlicher das Bedürfnis, mit etwas anderem in Kontakt zu kommen - mit etwas, das sich möglichst deutlich vom Hannoveraner Alltag unterschied. Bei mir war es das Theater, Karl Koch entdeckte den Cyberspace. Er verlor sich sehr schnell darin. Bei mir wäre das dann wohl, wenn überhaupt, ein schleichenderer Prozess. Vom Theater wird man vielleicht Stück für Stück aufgefressen, während der Cyberspace einem mit einem Mal verschluckt...

Welche Geschichte wollen Sie erzählen? Es gibt etliche: die biografische, die des Computerpioniers, die des Verschwörungstheoretikers, die hannoversche, die Mediengeschichte.

Alle! Theater ist stark darin, mit Widersprüchen umzugehen, und muss nicht eine Geschichte von A nach Z durcherzählen. Das tun wir auch nicht. Zum Beispiel beginnt der Abend mit der Frage, wie sich eine Geschichte über Karl Koch überhaupt beginnen ließe: Wo soll man anfangen? Das war tatsächlich eine unserer Ausgangsfragen. Wir sind dann dazu gekommen, dass man zunächst einmal mit Karls Helden beginnen muss - also über die Menschen Geschichten erzählen muss, über die er selbst Geschichten erzählt hat: Mathias Rust, der Kreml-Flieger, der Hacker Captain Crunch und auch Hagbard Celine aus der „Illuminatus“-Trilogie.

Und dann?

Dann beginnt eine Suchbewegung, ein Oszillieren zwischen den verschiedenen Geschichten, die sich über Karl Koch erzählen ließen. Es gibt Momente großer Nähe, in denen wir in einer 80er-Kulisse mit einer 80er-Kamera ein 80er-Video nachdrehen: den sagenumwobenen „Jülich-Hack“. Es gibt auch Momente, in denen die Schauspieler aus großer Distanz auf Karl Koch blicken und Akten wälzen. Und immer wieder bricht der phantastische Wahnsinn aus „Illuminatus“ aus. Im Laufe des Abends verwirren und verwickeln sich diese Ebenen ineinander, bis irgendwann schwer zu unterscheiden ist, was nun Realität und was Fiktion ist - was ja in den letzten Jahren seines Lebens ein Hauptproblem für Karl Koch war.

Welche Rolle spielt die Stadt?

Naja, wenn man aus Hannover kommt, ist man ja die Standardphrasen zu der Stadt gewöhnt...

Damals war es noch schlimmer ...

Stimmt, der ganze Stoff atmet diesen bundesdeutschen 80er-Mief, es fällt zum Beispiel der Satz: „Wir fahren in die Hauptstadt - nach Bonn.“ Und natürlich spielt das eine Rolle. Karl liegt auf dem Seelhorster Friedhof begraben, seine Wohnung war in der Comeniusstraße, und seine große Liebe hat er bei Mövenpick am Kröpcke getroffen. Wir zeigen dieses Stück über Hannover in Hannover. Alle Menschen, die auf der Bühne stehen und die meisten, die an dem Stück arbeiten, leben in Hannover - Philippe Goos, der den Karl Koch spielt, seit bald 15 Jahren. Das ganze Stück atmet Hannover, und ich könnte mir nicht vorstellen, den Stoff anderswo zu inszenieren. Wahrscheinlich würde ich es auch nicht tun, wenn ich nicht selber aus Hannover käme.

Sie bringen das alte Hannover auf die Bühne?

Trotz allem wird unser Abend jetzt kein virtueller Durchgang durch das Hannover der 80er Jahre. Wobei wir tatsächlich versucht haben, das 80er-Feeling des Kochschen Kosmos auch ästhetisch auf die Bühne zu holen. Wir brauchten zum Beispiel VHS-Player. Genau genommen brauchen immer noch VHS-Player, weil die Dinger ja enorm anfällig sind. Ich bin sicher, dass bei der Premiere Fernseher und Mikrofone ausfallen werden, weil die eben tatsächlich aus den 80ern stammen. Also, wer noch einen funktionierenden VHS-Player zu Hause hat: Bitte beim Pförtner abgeben....

Wie sieht es mit der Lichttechnik aus?

Wenn man mal ganz ehrlich ist: Die stammt hier im Ballhof sowieso größtenteils von damals. Nein, im Ernst: Auf LED-Lichter oder Moving Lights haben wir zum Beispiel bewusst verzichtet. Der Versuch auf der narrativen und ästhetischen Ebene war und ist, einen Abend zu entwickeln, der so verzweifelt wahnsinnig, so improvisiert und sperrig-analog ist, wie Karl Koch die Welt gesehen haben muss.

Ist es auch eine aktuelle Geschichte?

Ja, unbedingt. Und dafür muss man nicht einmal die Verschwörungstheorien um die zwei Türme bemühen. Wenn man genau hinschaut, ging es bei den Verschwörungstheorien, mit denen Karl sich beschäftigt hat, auch nicht wirklich um Geheimdienste oder Tagespolitik. Es ging schlicht um die Sehnsucht, eine Welt verständlich zu machen, die nicht verständlich ist. Das ist eine Sehnsucht, die finde ich menschlich und zeitlos. Und es ist die immer aktuelle Geschichte von einem jungen Menschen, der mit großen Augen auf die Welt schaut, versucht, sie neu zu erfinden, und sich in dieser Erfindung verliert.

Eine romantische Vorstellung von Karl Koch.

Ja, das ist er für mich auch: ein Mensch, der die Schleusen offen hat. Er ist für mich nicht so sehr der kühle Verschwörungstheoretiker wie im Film. Zum Beispiel zeigt der Film den langsamen Verfall Karl Kochs konsequent bis zum bitteren Ende. Aber: Gerade in seinem letzten Lebensjahr lernte er seine erste große Liebe kennen: Maja, Waldorfschülerin. Mit der war er glücklich zusammen. Dieser Bruch im Verfall passte nicht in das Konzept des Films; also hat man Maja herausgeschnitten. Aber er passt in unsere Inszenierung: Da ist einer zugedröhnt bis obenhin, wird vernommen vom Verfassungsschutz und den Medien, und trotzdem lernt er ein Mädchen kennen ... Weil das Leben so ist. Und ich hoffe, dass diese Themen einfach menschlich sind, über Hannover und über die Zeitgeschichte hinaus. Wobei es einen aktuellen Bezug gibt, den ich nutze.

Nämlich?

Für die meisten Hacker damals war das frühe Internet nur eine nette Spielerei. Für Karl Koch nicht. Er hat gesehen, was es bedeuten wird, eine virtuelle Identität zu haben. Es gibt einen wirklich schönen Text von ihm, in dem er schreibt: „Im Cyberspace wirst du real. Du wirst zu dem, der du eigentlich bist, aber im realen Leben nicht sein darfst.“ Das finde ich geradezu prophetisch. Er hatte diese Sehnsucht, sich selbst neu erfinden zu dürfen.

Und das ist ein originärer Theaterstoff.

Absolut. Auch darum geht es: Wie nah komme ich an die Person heran, die ich mir zu sein vorgenommen habe? Vielleicht ist es im Theater auch ein bisschen so: Erst wenn ich spiele, werde ich der, der ich wirklich bin.

3Die „23“-Uraufführung am 23. Februar im Ballhof ist ausverkauft. Wieder am 28. und 29. Februar sowie am 5,., 13. und 20. März.

www.staatstheater-hannover.de/schauspiel


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Was halten Sie von einem Rauchverbot im Auto?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie