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Interview

Haarmann als Musical - darf man das?

Am Mittwoch hatte im Schauspielhaus „Amerikanisches Detektivinstitut Lasso“ Uraufführung, der Versuch eines Musicals zum Serienmörder Fritz Haarmann. NP-Redakteur Stefan Gohlisch sprach mit Intendant Lars-Ole Walburg und Soziologe Harald Welzer über das Phänomen und die Proteste.

Warum stört man sich in Hannover so sehr an Fritz Haarmann?

Lars-Ole Walburg: Das wüsste ich auch gerne, weil man doch annehmen könnte, dass man aus ihm fast so etwas wie ein Aushängeschild macht.

Harald Welzer: Historisch interessant ist doch, dass die Störung neu ist. Eigentlich hatte Hannover zu Fritz Haarmann eher ein folkloristisches Verhältnis. Man lernte das Kinderlied, fand die Rote Reihe ein bisschen spooky, aber die Figur war nicht absolut negativ besetzt. Im Gegenteil: Ich fand es immer interessant, dass ein Massenmörder eine popkulturelle Ikone werden konnte.

Was ist passiert?

Welzer: Ich weiß es nicht. Ich verstehe auch nicht, Herr Walburg, warum Sie jetzt diese Erfahrung machen, da es darum geht, ein Musical zu machen. Ich war völlig überrascht, dass es diese Probleme gibt. Meine Hypothese ist, dass hier eine retroaktive Überschreibung des Stoffs stattgefunden hat. Wir hatten in den vergangenen Jahren eine intensive Debatte über Pädophilie und Kindesmissbrauch, was bei Haarmann natürlich eine ganz zentrale Rolle spielt.

Und so wurde aus dem folkloristischen, fast putzigen Mann mit dem Hackebeilchen, der Frikassee aus einem macht, ein historischer Marc Dutroux?

Welzer: Genau. Ich glaube, in den 60er Jahren hätte es bequem ein Musical dazu geben können.

Und das wäre auch moralisch vertretbar gewesen?

Welzer: Absolut. Es ist die berühmte alte Frage: Darf man über das Grauen lachen? Natürlich darf man das, solange keine Opfer verletzt werden.

Mit Jack the Ripper gibt es schon einen ikonenhaften Serienmörder – mit Musical, Comics, sogar einer gleichnamigen Kneipe in Hannover ...

Welzer: Eben. Solche Horrorgeschichten haben in der Moderne immer Faszination entfaltet. Eine Besonderheit von Haarmann ist sicherlich seine Funktion als Polizeispitzel. Es wäre die Aufgabe von Kulturwissenschaftlern herauszufinden, wie er so ikonisch werden konnte. Dass er es wurde, ist jedenfalls klar

Walburg: Eine Frage zieht sich durch die ganze Probenzeit: Woher kommt diese Faszination? Was bewegt Fans im Stadion dazu, eine Haarmann-Flagge zu hissen? Natürlich ein Stück weit, dass sie genau wissen, dass es Proteste der Bürgerschaft nach sich zieht. Die gab es auch bei uns prompt.

Es gab auch politische Proteste, oder?

Walburg: Wir hatten solche Proteste auch schon, als wir das Wendland-Dorf auf dem Ballhof aufgebaut hatten. Letztlich ist so eine Einmischung ein Angriff auf die Freiheit der Kunst. Unserem Stück jetzt unterstellt man automatisch, dass es pietätlos wird.

Liegt das daran, dass Musical heute pauschal als reine leichte Muse gilt?

Walburg: Es gibt auf jeden Fall den Reflex, das so zu sehen. Als könne man ein ernstes Thema mit dieser Kunstform nicht in Verbindung bringen. Ich frage mich, woher in Hannover diese vehemente Forderung nach einem korrekten Umgang kommt.

Welzer: Ich finde den Fall bizarr: dass Parteien versuchen, das politisch zu instrumentalisieren.

Es geht offenbar um moralische Integrität.

Welzer: Ja. Da kann man billig punkten – so zumindest die Spekulation. Dabei ist es grotesk. In „M – eine Stadt sucht einen Mörder“, einer Ikone der Filmgeschichte, geht es um den Serienmörder Peter Kürten. Wir haben Serienmörder im Fernsehen, in der Literatur. Die Leute rennen wie bescheuert in Quentin Tarantinos Filme, obwohl die auf ihre Weise gewaltverherrlichend sind. An bestimmten anderen Stellen aber hakt dann eine Empörungsmaschinerie ein.

Man beruft sich auf das Andenken der Opfer.

Welzer: Ja, aber um Haarmanns Opfer hätte man sich, wenn sie überlebt hätten, in der damaligen Gesellschaft kaum Gedanken gemacht, weil sie nämlich Außenseiter waren. Da muss man als Theater auch mal mit unserem Altkanzler sagen: Kinder, lasst doch mal die Kirche im Dorf. Ich halte es für ein massives politisches Problem, dass alles, was skandalisiert werden kann – sicher auch dieses Gespräch –, auch skandalisiert wird. Auf genau solche Fragen einzugehen, ist doch Aufgabe der Kultur. Wessen Aufgabe denn sonst? Die der Deutschen Bank sicherlich nicht.

Was für ein Menschenbild spricht aus solchen Protesten?

Welzer: Es gibt die permanente Unterstellung, dass die Menschen doof sind und dass man sie vor irgendetwas schützen muss. Das passt aber nicht in eine Demokratie. Die setzt ja voraus, dass die Leute denken können, sich eine Meinung bilden und diese auch vertreten können.

Den Autor des Stücks, Nis-Momme Stockmann, haben offenbar gerade all diese Widerstände gereizt, oder?

Walburg: Im Stück wird es so dargestellt, als hätte ich ihn geradezu gedrängt, ein Stück über Hannover zu machen. Nein, er wollte gerne etwas über Haarmann machen, und ich ahnte, dass die rote Karte hochgehen würde. Das hat ihn noch mehr angestachelt. Aber irgendwann fand ich wiederum sein Interesse interessant.

Nun hat sich das ursprünglich angedachte Musical massiv verändert. Offenbar geht es inzwischen mehr um die Unmöglichkeit, ein solches Musical zu schaffen ...

Walburg: Es geht vor allem um Denkschranken, denen wir unterliegen, die Unfähigkeit, über uns selbst hinauszudenken. Stockmann geht natürlich von Haarmann aus, aber er endet ganz woanders, nämlich bei den Grenzen unseres Kulturbetriebs, der eingebettet ist in ein erzkapitalistisches System, aber eben doch versucht, die gesetzten Schranken zu durchbrechen.

Und wie sehen in Zeiten wie diesen die Antworten aus?

Walburg: Ich mache das Stück doch genau aus dem Grund, dass ich zwar nicht unbedingt die Antwort weiß, aber die Frage wichtig finde. Weil ich nämlich denke, dass Kunst und Kultur in unserem System zwingend einen Platz haben und eine Menge bewirken können. Der Abend ist erst einmal so klug, dass er nicht versucht, eine definitive Antwort zu geben.

Und das Theater ist der Ort, diese Fragen aufzuwerfen?

Walburg: Auf jeden Fall. Die Zeiten sind extrem schwierig geworden – warum sollte es für das Theater einfacher sein?

Welzer: Man weiß bei „Zeiten wie diesen“ doch nie, was für Zeiten das sind. Wir wissen doch selber gar nicht, was gerade passiert. Wir wissen zum Beispiel nicht, was Silvester in Köln passiert ist. Aber wir haben dazu schon eine Million Meinungen gehört. Man kann mit ästhetischen Formen Themen anfassen wie die Ambivalenz von Grauen und Faszination. Mit solchen Ambivalenzen können Wissenschaft und Politik nicht gut umgehen, Kunst kann es. Darum gehört das zwingend auf die Bühne.


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