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Taskforce-Chefin Ingeborg Berggreen-Merkel 2014 in Berlin.

Taskforce-Chefin Ingeborg Berggreen-Merkel 2014 in Berlin. © Britta Pedersen

Kunst

Gurlitt-Taskforce vor dem Aus

Wie geht Deutschland mit dem dunkelsten Kapitel seiner Vergangenheit um? Der spektakuläre Münchner Kunstfund ist ein Gradmesser dafür. Die Expertengruppe zu seiner Erforschung macht zum Jahresende dicht.

Berlin. "Eine Rückgabe ohne Wenn und Aber" - dazu hat sich Deutschland verpflichtet, sobald sich Werke des Münchner Kunstsammlers Cornelius Gurlitt als NS-Raubkunst herausstellen. Seit mehr als eineinhalb Jahren versucht eine international besetzte Taskforce, die Geschichte des wertvollen Kunstschatzes zu klären. Genau 1497 Werke müssen dafür Stück für Stück unter die Lupe genommen werden. Ende das Jahres läuft das Projekt aus.

"Wir sind auf einem guten Weg und arbeiten bis zum letzten Tag mit Hochdruck", sagt Taskforce-Chefin Ingeborg Berggreen-Merkel in einem Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur. Das Gremium habe aus dem Münchner Fund inzwischen 510 Werke geklärt. Bei 507 davon könne ein NS-verfolgungsbedingter Entzug, wie es im Amtsdeutsch heißt, ausgeschlossen werden. Dennoch werde es eine ganze Reihe von Werken geben, deren Schicksal sich nicht klären lasse

Zur Erinnerung: Der im Mai 2014 gestorbene Eigenbrötler Gurlitt hatte in seiner Münchner Wohnung jahrzehntelang mehr als 1250 teils hochkarätige Kunstwerke gehortet. Später wurden in seinem verwahrlosten Haus in Salzburg nochmals fast 250 Arbeiten gefunden, darunter Gemälde von Picasso, Renoir und Monet. Die Sammlung stammte von seinem Vater Hildebrand Gurlitt, der trotz seiner teils jüdischen Abstammung einer der wichtigsten Kunsthändler der Nazis war - und nebenher eine private Sammlung aufbaute.

Nur in vier Fällen hat die Taskforce inzwischen eindeutig nachweisen können, dass die Nationalsozialisten die Werke einst den jüdischen Eigentümern geraubt oder abgepresst haben. Der bayerische Grünen-Fraktionschef Sepp Dürr kritisierte das Gremium mit Blick auf diese Zahlen als "reine Alibi-Veranstaltung": "Größer könnte die Blamage nicht sein."

Berggreen-Merkel macht eine andere Rechnung auf. Zu jedem der 499 zweifelhaften Objekte aus dem Schwabinger Fund werde bis Ende Oktober ein Basisforschungsbericht vorliegen. "Wir haben alles zusammengetragen, was wir in Archiven, Datenbanken, Katalogen und anderen Dokumenten weltweit gefunden haben", sagt sie. "Nur: Wo wir nicht weiterkommen oder wo es keine historischen Quellen gibt, da gibt es auch kein Ergebnis."

Immer wieder stieß die 15-köpfige Taskforce mit Experten etwa aus Frankreich, Israel und den USA auf unerwartete Probleme. So fanden sich zu zahlreichen Werken bisher überhaupt keine Spuren. In anderen Fällen erhoben mehrere Menschen Anspruch auf ein und dasselbe Bild. Und wieder andere hatten keine genaueren Angaben zu dem Erbstück, das sie in ihrer Familie vermissen - viele Unterlagen gingen durch Flucht oder Deportation verloren.

Hinzu kommt, dass ein Großteil der Werke keine Gemälde sind, sondern serielle Arbeiten auf Papier. "Gerade bei konkurrierenden Ansprüchen muss unser Urteil hieb- und stichfest sein", sagt Berggreen-Merkel. "Wenn wir hier einen Fehler machen würden, käme das einem neuen Entzug gleich."

Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) hat angekündigt, ein Folgeprojekt zur Taskforce beim neu gegründeten Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg zu initiieren. Einzelheiten sind noch nicht bekannt. Zudem will sie die unter Raubkunstverdacht stehenden Bilder Ende 2016 in der Bundeskunsthalle in Bonn ausstellen.

Das weitere Schicksal der Sammlung hängt aber vor allem davon ab, wie der laufende Erbstreit ausgeht. Bekommt das Kunstmuseum Bern - wie von Gurlitt verfügt - das heikle Erbe? Oder setzt sich Gurlitts Cousine Uta Werner mit ihrem Anspruch für die Familie durch?

Das Oberlandesgericht München lässt derzeit in einem psychiatrischen Gutachten Gurlitts Testierfähigkeit klären. Gut möglich, dass ein Urteil erst nächstes Jahr fällt. Beide Seiten haben zugesagt, NS-Raubkunst weiter an die Erben der Opfer zurückzuerstatten. Voraussetzung dafür ist aber, dass die Forschung wirklich weitergeht.

dpa


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