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Die Oberkanone: Axl Rose hat einen etwas größeren Resonanzkörper. Ansonsten tigert er immer noch fit über die Bühne und hat „Appetite for Destruction“.

Die Oberkanone: Axl Rose hat einen etwas größeren Resonanzkörper. Ansonsten tigert er immer noch fit über die Bühne und hat „Appetite for Destruction“.
© Fotos: Imago

Rocker starten Europatournee und freuen sich auf Hannover

Guns N’Roses in Madrid

Sie sind noch gut: In Madrid haben Guns N’Roses ihre Klasse unter Beweis gestellt. Mit „Not in this Lifetime“ sind sie auf Europatournee und kommen am 22. Juni auf das Messegelände.

Madrid. Guns N’Roses sind zurück. Mit Axl Rose und Slash. Sie sind, so scheint es, nicht mehr die Problemtypen, als die man sie in Erinnerung hat. Sie sind jetzt Entertainer. Und das ist großartig.

Wer hätte gedacht, dass der Sänger und der Gitarrist überhaupt wieder gemeinsam Konzerte geben? Nie im Leben, hieß es, werden sie sich versöhnen. Es spricht für den Humor der Band, dass sie ihre Comeback-Tour, bei der von der Originalbesetzung auch Bassist Duff McKagan mit dabei ist, selbstironisch „Not in this Lifetime“ nennt.

Der Sänger, inzwischen 55 Jahre alt, stratzt wie gewohnt über die Bühne im Stadion Vicente Calderón in Madrid, einem der ersten Stopps in Europa. Eine Stimme wie eine Alarmanlage. Er trägt zerrissene Jeans. Vielleicht hat er sie von H&M. Dort können Eltern ihren Kindern Guns-N’Roses-T-Shirts kaufen, wie von anderen früher als „gefährlich“ eingestuften Bands auch.

Dass Guns N’Roses wie ein Rudel junger, wilder Hunde wirkten, immer auf Katzenjagd, das ist lange her. Heute lassen sie es Konfetti regnen wie Coldplay, und sie spielen, Las-Vegas-reif und lässig, ihre Greatest Hits; neue Stücke haben sie ja auch gar nicht. Allein acht Songs sind von „Appetite for Destruction“, ihrem Debüt von 1987, das mit 30 Millionen Exemplaren zu den meistverkauften Alben aller Zeiten zählt.

Die Nostalgie-Magie wirkt. Viele im Publikum erinnern sich offenbar gern an die provokative Leck-mich-Haltung der Musiker, die sie damals von den Stones und den Sex Pistols kopiert hatten. Sich selbst so hemmungslos zu benehmen wie die Sex-und-Suff-WG aus Los Angeles, das trauten sich nur wenige.

Unter den 50 000 sind jede Menge junge Leute. Auch die Sitzplatzkartenfans stehen vom ersten Song „It’s so easy“ an. Das ist etwas Besonderes. Rose muss grinsen, wenn er in den Ozean aus schwarzen Shirts und Euphorie vor sich blickt.

„Sweet Child 0’Mine“ singen er und sein Publikum gemeinsam. Der Titel richtete sich an seine Langzeitliebe Erin Everly, mit der er 1990 auch kurz verheiratet war. Es soll eine komplizierte Beziehung gewesen sein. Auch die Band siechte mehr oder weniger dahin, seit Slash sie Mitte der Neunzigerjahre verlassen hatte. Rose testete andere Gitarristen.

Doch es gibt nur einen Slash, und der trägt Zylinder. Nur ihm scheint es zu gelingen, den als labil und launisch geltenden Rose in eine stabile Seitenlage zu drehen. Rose veröffentlichte mit Guns N’Roses ohne Slash nur ein Album, „Chinese Democracy“. Dem Gitarristen gelangen ohne den schwierigen Sänger mit verschiedenen Projekten dagegen sieben. 70 Shows hat die wiedervereinte Band nun bereits gespielt. Slash ist 51. Mit 35 setzten ihm Ärzte einen Herzschrittmacher ein. Seit mehr als zehn Jahren sei er kein Junkie mehr, erzählte er in einem Interview. Er verzichte auch auf Alkohol und Zigaretten; wenn das Keith Richards wüsste, das Vorbild aller Bühnen-Raucher.

Guns N’Roses wurden damals nicht von allen bewundert. Man konnte sie wegen ihrer Rowdy-Show, der Rockstar-Maskerade, dem Sexismus und zahlreicher Konzertabsagen auch lächerlich finden. Dieses Image hallt bis heute nach, wie Rose erfahren musste, als er im vorigen Jahr für den kranken Brian Johnson bei AC/DC einsprang. Manche gaben deshalb ihre Konzertkarten zurück.

In „Coma“ singt er über eine Angst, gegen die nur Beruhigungsmittel helfen. Nicht nur in diesem beklemmenden Lied geht es um schwere Leere und das Gefühl, in der Falle zu sitzen, um die Sehnsucht nach einem Leben ohne Schwierigkeiten und einem Ort, „where the Gras is green and the Girls are pretty“, wie es in „Paradise City“ heißt.

Vielleicht kann Rose heute besser akzeptieren, dass es so einen Ort vollkommener Liebe und Leichtigkeit nicht gibt. Vielleicht konnte er sich dadurch retten, anders als zwei Weggefährten, die Stimmen seiner Generation sind: Nirvana-Sänger Kurt Cobain erschoss sich 1994. Chris Cornell von Soundgarden nahm sich vor Kurzem das Leben. Mit 52. Guns N’Roses covern sein „Black Hole Sun“, während der Mond genau über dem Stadion steht.

Dann „November Rain“, die epische Trennungsballade. Rose am Piano. Er trägt jetzt einen roten Hut, als wolle er Elton John, seinem Idol, gefallen. Nichts halte ewig, singt er und meint damit auch die Liebe. Und den Kummer, denn selbst der fieseste, kalte Regen höre irgendwann auf. Das ist kitschig und wahr, gleichsam traurig und tröstlich.

Und am Ende? Natürlich Feuerwerk. Als sich der Rauch der Raketen verzogen hat, kehrt die Band noch einmal zurück, verbeugt sich, und Slash macht seinen typischen Handstand. Die wunderbare Zirkusvorstellung ist vorbei. Im richtigen Leben, außerhalb des Stadions, herrscht dagegen unser neuer, von Terrorgefahr geprägter Alltag. Schwer bewaffnete Polizisten sichern den Heimweg der Fans, während der Madrider Wind Reste von Konfetti herbeiweht.

Donnerstag, 22. Juni, ab 19 Uhr auf dem Messegelände (Einlass: ab 15.30 Uhr. Tickets (95,65 bis 164,65 Euro) in den NP-Ticketshops.

Von Matthias Begalke


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