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Günter Wallraff.© dpa

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Interview

Günter Wallraff auf der Spur

Günter Wallraff (72) ist der Mann, der bei der „Bild“ Hannover Hans Esser war. Jetzt widmet das Staatsschauspiel dem Enthüllungsjournalisten das Stück „Wir sind Günter Wallraff“. Ein Gespräch über Rollenspiele und die Suche nach der Wahrheit.

Sie sind leidenschaftlicher Tischtennisspieler. Hier am Theater erzählt man sich, Sie hätten bei dem Projekt nur zugesagt, weil die Herrschaften sich dabei nicht zu schlecht angestellt hätten.

Das war ganz sicher nicht auf-, vielmehr ausschlaggebend . Wir haben mehrfach miteinander gesprochen, und ich fand ihr Konzept schon mutig und sehr zeitrelevant. Was in Hannover passiert, ist ja ein Experiment, eine eigene Interpretation, ein Werkstatt-Theater, und die haben die Freiheit, den Abend in ihrem Sinn zu gestalten.

Wie sah Ihre Mitwirkung aus?

Ich würde es gar nicht Mitwirkung nennen. Ich habe einige Texte nahegelegt, andere haben die selber ausgesucht. Die machen das schon. Es ist offenbar etwas sehr Eigenes geworden. Ich war bei den Proben nicht dabei. Denn sobald ich da wäre, würde ich Einfluss nehmen, und das will ich nicht.

Wissen Sie ungefähr, was passieren wird?

Die arbeiten sich an der Wallraff-Methode ab, die durchaus etwas Theatrales hat. Ich bin ja immer wieder auch Dramaturg und Schauspieler in einer Person. Obwohl: Auf der Bühne, mit einem vorgegebenen Text, wäre ich wohl ein schlechter Schauspieler: Ich würde immer wieder aus der Rolle fallen.

Werden Sie sich das Stück angucken?

Nicht bei der Premiere. Das würde mich und vielleicht auch das Publikum irritieren. Ich sitze eventuell irgendwann mal unerkannt im Publikum. Jetzt gerade bin ich wieder in einer neuen Rolle unterwegs – da wundere ich mich manchmal selber: Ich sitze den Leuten direkt gegenüber und werde nicht erkannt. Diese Rolle könnte ich dafür nutzen.

Woran liegt das, dass Sie nicht erkannt werden?

Es geht um Statussymbole. Dem Kuli schaut man nicht ins Gesicht, und ähnlich ist es, wenn man daherkommt, als gehöre man der Oberschicht an. Wir leben in einer Kastengesellschaft, in der die Menschen nicht nach ihrer Persönlichkeit beurteilt werden, sondern nach dem, was sie hermachen.

Genügen solche Äußerlichkeiten?

Hinzu kommt: Ich kann mich zurücknehmen, ein guter Zuhörer, manchmal auch Mediator. Ich kann die Menschen verstehen, mich in sie hineinversetzen, auch in den Gegner.

Das Stück heißt „Wir sind Günter Wallraff“. Aber wer ist das überhaupt? Gibt es nicht neben der Privatperson inzwischen auch eine öffentliche Person, die fast eine Kunstfigur ist?

Wissen Sie: Ich hatte ursprünglich kein sonderlich ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Diese Identitätsschwäche war meine Chance, mich in andere hineinversetzen zu können. Von jeder Rolle bleibt etwas hängen. Ich bin übrigens dadurch angstfreier geworden.

Was blieb vom Hans Esser?

Eine Methode, sich durch ein bestimmtes Auftreten Respekt zu verschaffen. Ich musste bei der „Bild“ diesen Überrumpelungsstil bringen. „Esser wie Messer“ – so habe ich mich damals vorgestellt. Aber die autoritäre Karte ziehe ich heute nur, wenn ich es mit Typen zu tun habe, denen mit Argumenten nicht beizukommen ist. Das liegt mir eigentlich nicht, es ist die größte Selbstverleugnung.

Haben Sie sich schon einmal in einer Rolle verloren?

Wenn ich in einer Rolle drin bin, dann konsequent. Alles andere wäre feige. Zu der Zeit zum Beispiel, als ich Ali war, der Gastarbeiter aus „Ganz unten“, habe ich wie die Kollegen ohne Staubmaske und Helm in diesen Giftstäuben arbeiten müssen. Ich war damals austrainierter Marathonläufer, lief die Strecke in zwei Stunden, 50 Minuten. Anschließend konnte ich froh sein, wenn ich 20 Minuten am Stück laufen konnte. Doch ich bin natürlich privilegiert; ich kann immer aus der Rolle raus. Aber wenn ich lang genug drinstecke, träume ich sogar in der neuen Identität.

Sie schlüpfen in eine Rolle, Sie spielen mit dem Leben, und am Ende dienen Sie der Wahrheit – das klingt nach einer großen Verwandtschaft zum Theater.

Dazu kann ich nichts sagen. Dafür kenne ich das Theater zu wenig. Aber es mag schon Schauspieler geben, bei denen das eine Rolle spielt – im doppelten Sinn.

Sie haben mal geschrieben: „Man muss sich verkleiden, um die Gesellschaft zu demaskieren, muss täuschen und sich verstellen, um die Wahrheit herauszufinden.“ Gilt das noch?

Ich würde heute einschränken: „um der Wahrheit näherzukommen“. Die eine Wahrheit gibt es nicht. Das Rollenspiel jedenfalls ist meine Möglichkeit, etwas sichtbar zu machen, um es zu verändern, und mich nützlich zu machen. Aber es gibt noch andere Methoden.

Ist es dieses Bedürfnis, sich nützlich zu machen, das Sie dazu bewegt, immer weiterzumachen, auch in einem Alter, in dem andere ihre Rente genießen?

Ursprünglich war es eine Obsession, Erkenntnisse zu gewinnen, sich einzubringen, Einfluss zu nehmen. Aber inzwischen sehe ich es auch als eine Verpflichtung an.


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