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MIT SCHABE UND HASE: Vincent (Vincent Basse) steckt hinter dem Tierrechtsmusical.© Isabel Machado Rios

Musical

Gruppe „Operation Wolf Haul“ zeigt „Kalb“ in der Uhlhornkirche

Die Frau tritt mit ernstem Gesicht an die Kanzel, hinter ihr ein nur provisorisch zugehängter Jesus: „Die heutige Lesung“, sagt Stephanie Theiss, bierernst, „stammt aus dem 39. Film Disney, ,Spirit’.“ Der Zeichentrickfilm soll zu Gehör gebracht werden, als Tierrechtsmusical. Wie das zugleich scheitert und gelingt, zeigt die freie Theaterproduktion „Kalb“ in der entwidmeten Lindener Uhlhornkirche.

Hannover. Ein gewisser Vincent, radikaler Tierschützer, hat sich das ausgedacht. Er möchte ein Nutztier sein, am alten Altar, nennt sich selbst nur noch Kalb, hat vier echte Königspudel, ein Kaninchen und eine Fauchschabe mitgebracht, dazu ein paar Jünger. Und wenn es etwas gibt, was noch verwirrter ist als durchgeknallte Sektenführer, dann sind das bekanntlich ihre Anhänger. Bei ihnen fällt es dann auch auf offene Ohren, wenn ausgerechnet der Disney’sche Pferde-Schmachtfetzen den angeblich wahren Blick aus der tierischen Perspektive garantiert. Auf dass man auch das ständig ins Spiel einbezogene Publikum bekehre.

Und so hebt denn, inszeniert vom freien Regisseur Volker Bürger, ein doppel- und dreifachbödiges Spiel an. Erneut zeigt sich, dass es ganz hilfreich sein kann, eine ironische Metaebene einzuziehen, um ernsthaft Anliegen vorzubringen. Im Kabarett funktioniert das immer wieder; man denke etwa an Timo Wopp, den Hohepriester der „asozialen Kompetenz“. Und am Schauspielhaus hat das zuletzt mustergültig Babett Grube an Ferdinand Bruckners „Früchte des Nichts“ durchexerziert.

Auch hier sind die Figuren trotz Klarnamen unecht, das Anliegen ist real. Der Performer Vincent Basse gibt den Vincent, die Mitglieder des hannoverschen „Oscar Weildas Ensemble“ geben in Plüschkostümen mit viel Spielfreude und mühsam gebändigtem Irrsinn den hingerissenen Chor. Theiss ist Musical-Profi. Die Musik kommt vom einschlägig bekannten Burkhard Niggemeier. Elton Johns „Sorry seems to be the hardest Word“, singen sie und den „Earth Song“ von Michael Jackson - herrje!

Ob das genügt? Ausgerechnet den fanatischsten Anhänger Vincents, Nicolaas (Nicolaas van Diepen, ein Gewächs der Balljugend-Clubs), überkommen Zweifel. Im ersten Teil hat er noch begeistert Besucher herumgeführt, im zweiten beim bizarr missglückenden Musical mitgemischt. Doch dann gehts ihm nicht weit genug: „Jetzt gerade werden 1200 Tiere getötet“, sagt er. „Jetzt wieder.“ Und wieder. Und wieder.

Und 50 Millionen männliche Küken werden jedes Jahr geschreddert - „warum machen wir das nicht sichtbar?“ Mit einem Opfer zum Beispiel? Weil das laut Tierschutzgesetz kein „vernünftiger Grund“ ist - das Schreddern schon. Das Bild brennt sich schmerzlich ein: Solcher Logik kann man nur unlogisch begegnen. Der gebändigte Irrsinn von „Kalb“ zeigt das.

Bewertung: 4/5

Wieder morgen bis Sonnabend, je ab 20 in der Uhlhornkirche (Salzmannstr. 4). Eintritt: 14, ermäßigt acht Euro.

www.wolfhaul.de


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