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Sascha Grammel.

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NP-Interview

Grammel: "Ich lebe täglich meinen Traum"

Der Comedy-Star Sascha Grammel spricht im NP-Interview über seinen Werdegang, Hannover und das Kleine Fest.

Sie können sich im Moment nicht über mangelnden Erfolg beklagen, oder?

Nein, ganz das Gegenteil. Es läuft einfach super! Und es ist weiterhin unglaublich, wie groß der Run auf „Keine Anhung“-Tickets ist. Ich habe die Tour ja schon bis Ende 2015 verlängert, aber wenn es nach den Ticketanfragen geht, könnte ich sicher locker noch ein weiteres Jahr dranhängen. Ich hatte ja schon etwas Sorge, dass, weil RTL ja schon mehrfach Teile des Programms im TV ausgestrahlt hat und auch die „Keine Anhung“-DVD schon über 50 000 Mal über den Ladentisch ging, das Ganze eventuell etwas ruhiger werden würde. Aber live dabei zu sein, ist doch immer noch etwas anderes. Viele Fans kommen inzwischen auch vier-, fünf- und sechsmal zu den Shows. Das ist schon verrückt.

... und Sie schrauben vermutlich noch weiter an den Nummern.

Ja. Wir haben ja selbst beim „Keine Anhung“-Vorgänger „Hetz mich nicht!“ noch im letzten Tourblock vor Tournee-Ende neue Ideen eingebaut, wo dann jeder sagte: „Ihr habt doch eine Macke!“ Aber das macht ja gerade den besonderen Reiz aus, dass die Show quasi nie ganz fertig ist und so immer wieder einige - geplante und ungeplante - Überraschungen warten. Manchmal entstehen da auch spontan lustige Ideen, die ich nur einmal live ausprobiere und dann schon für das neue Programm aufbewahre.

Kommen Sie überhaupt dazu, ein neues Programm zu schreiben?

Wir arbeiten bereits daran! Ich habe zwei Autoren, die mir helfen und mit denen ich inzwischen nicht nur an den reinen Texten, sondern auch am Gesamt-Konzept arbeite. Wir sind ein eingespieltes Team, es macht großen Spaß, und wir sind dieses Mal sicher auch schon weiter als zur vergleichbaren Zeit bei der „Kein Anhung“-Entwicklung. Gleichzeitig habe ich inzwischen aber noch mehr andere Verpflichtungen, die Zeit kosten, und ich will ja auch mal so etwas machen wie mit Freunden ins Kino gehen und privat etwas unternehmen, sodass es bei aller Planung auch dieses Mal sicherlich wieder nicht ohne den einen oder anderen stressigen Moment gehen wird. Aktuell ist die Zugabe schon fast fertig, und Professor Hacke hat sich sechs zusätzliche skurrile Minuten erkämpft. Da freue ich mich jetzt schon drauf, das bald mal live auszuprobieren. Die Arbeit an neuen Sachen ist generell immer eine zweischneidige Erfahrung: Auf der einen Seite ists spannend, weil man selbst zu Beginn nicht genau weiß, wo man am Ende landet. Auf der anderen Seite ist man aber genau deshalb auch immer ein wenig ängstlich, gerade weil man selbst nicht genau weiß, wo man am Ende landet.

Wie perfektionistisch sind Sie?

Ich sags mal so: „ Hetz micht nicht!“ war nicht nur ein Programmtitel, sondern spiegelte auch ganz bewusst einen Teil meines Charakters wieder: Ich lasse mir gerne Zeit, schaue lieber einmal öfter hin, bevor ich mich entscheide. Ich winke nicht so schnell irgendetwas durch. Schließlich steht am Ende ja überall mein Name drüber. Und ich teste gern neue Ideen - besonders neue Programminhalte - im etwas kleineren Rahmen aus, bevor ich sie sicher ins endgültige Live-Programm nehme. Was übrigens auch mit ein Grund ist, wieso ich mich so sehr aufs Kleine Fest im großen Garten freue.

Nötig haben Sie das wahrscheinlich nicht. Warum kommen Sie?

„Nötig oder nicht nötig“ - in solchen Kategorien habe ich noch nie gedacht. Ich glaube auch, wenn jemand erst einmal ernsthaft denkt, er hätte etwas „nicht nötig“, dann ist er höchstwahrscheinlich schon längst auf dem steilen Weg die Karriereleiter herunter. Warum ich nach Hannover komme? Das ist für mich eine echte Herzensangelegenheit. Wer meinen bisherigen Werdegang verfolgt hat, der weiß, dass die Initialzündung hier in Hannover war. Und soooo lange ist das alles nicht her: Ich sehe mich noch mit Flyern am Ausgang des Gartens in der Hoffnung, dass ein paar Zuschauer zu meinem Auftritt kommen. Meine erste große Show habe ich im Pavillon gegeben. Und später gings ins Aegi. Das war schon ein echter Meilenstein für mich. Ich weiß noch, wie ich da meinen eigenen Namen auf der Leuchtreklame fotografiert habe und meine ganze Familie gekommen ist. Auf dem Kleinen Fest habe ich sozusagen meine ersten größeren Sprünge machen dürfen. Und dafür bin ich sehr dankbar. Darum laufe ich ja auch überall herum und erzähle, wie toll das Kleine Fest ist. Zu Recht!

Inwiefern ist es das?

Ganz ehrlich: Ich komme viel herum, aber ich habe Vergleichbares noch nicht gesehen. Hier treten unglaublich viele unterschiedliche Künstler auf, manche total durchgeknallt, andere ganz poetisch. Andere wiederum reden mit einem Professor, der aussieht wie ein Hamburger ... (lacht) Und dazu das ganz besondere Flair. Einfach einmalig! Und diese Zuckerwaffeln, von denen ich täglich mindestens eine esse. Hmm. Ich finde das alles super. Meinen allergrößten Respekt auch vor Harald (Böhlmann, der Organisator, d. Red.) der hier jedes Jahr etwas Neues, wirklich Wunderbares auf die Beine stellt. Ich bin hier einfach gern, und das Kleine Fest hat für mich auch den großen Vorteil, dass ich hier jeden Tag etwas Neues ausprobieren kann. Und man mir nicht gleich den Kopf abreißt, wenn noch nicht alles so perfekt ist, wie es die Zuschauer - zu Recht - in meinen großen Live-Shows erwarten dürfen.

Welche Figuren haben Sie dabei?

Ich bringe natürlich die ganze Puppenfamilie mit! Alle außer Außer Rüdiger. Damit ich vor Ort frei wählen kann. Sicherlich werde ich mich an Professor Hackes neuer Nummer ausprobieren. Wahrscheinlich auch mit Frederic Freiherr von Furchensumpf in einen neuen verbalen Schlagabtausch gehen. Ob ich aber auch schon eine der neuen Puppen ausprobieren werde, weiß ich, ehrlich gesagt, noch nicht. Denn leider sind da vor Ort immer schnell die Handys und Kameras gezückt, und es wäre nicht so toll, wenn so ein wackeliger Probeauftritt mit einer unfertigen, neuen Figur dann nachher bei Youtube die Runde macht. Schließlich wird die „Keine Anhung“-Nachfolge-Show erst im Frühjahr 2016 ihre live-Premiere feiern, und da wollen wir doch nicht schon jetzt allzu viel verraten ...

Was für neue Figuren sind das?

Hähä (lacht). Das ist natürlich streng geheim. Was ich verraten kann: Alle Puppen aus „Keine Anhung“ werden auch in der neuen Show mit dabei sein. Alle, sogar Außer Rüdiger. Aber teilweise anders, als man sie bisher kannte. Das wird lustig! Und: Es wird mindestens noch eine ganz neue Figur geben.

Haben Sie beim Kleinen Fest zwischen den Auftritten Zeit, sich andere Künstler anzuschauen?

Viel lässt die wenige freie Zeit nicht zu. Zumal ich ja in den Pausen an meinen Texten arbeiten möchte. Aber den einen oder anderen Comedy- oder Zauber-Kollegen werde ich mir - inkognito - bestimmt schon mal anschauen. Früher bin ich noch in jeder freien Minute herumgeflitzt. Hab‘ Besorgungen fürs Bühnenprogramm gemacht, mich mit Technikern, Puppenbauern, Freunden und Kollegen in Cafés getroffen und auch mal ganz private Einkäufe gemacht. Das wird jedoch immer schwieriger. Einfach mal an einem Samstagnachmittag in der Innenstadt, einen Staubsauger kaufen, funktioniert nicht mehr, weil man doch überall erkannt und um ein Autogrammel oder ein gemeinsames Foto gefragt wird und da ganz schnell an der Kasse vom Elektrogroßhandel ein Menschenauflauf entsteht, den nicht jeder Kunde so toll findet wie diejenigen, die sich freuen, mich zu sehen.

Sie waren mit „Hetz micht nicht!“ länger in den DVD-Comedy-Charts als Mario Barth ...

Ja. Wahnsinn, oder? Ich bin auch sehr stolz! Und dankbar. Neulich habe ich in Kiel in der Ostseehalle gespielt. Da war ich vor acht Jahren schon mal, mit den „Zauderern“ in einer Mixed-Show mit Boney M. und Peter Kraus. Vorher gab es ein Meet-and-Greet - und natürlich wollte uns keiner sehen. Uns kannte ja niemand. Und jetzt habe ich da vor 4800 Leuten gespielt. Und am Ende sind alle Leute aufgestanden und haben applaudiert. Puh. An vieles habe ich mich ja schon gewöhnt. Da jedoch war ich echt tief bewegt ... Ich wollte mich am Ende der Show noch mit ein paar Worten verabschieden, aber ich konnte nicht, hatte Tränen in den Augen, und mir blieb die Stimme erst weg, weil ich da wieder einmal realisiert hatte, was für ein Riesenglück ich habe. Ich meine, ich lebe täglich meinen Traum, hab‘ aus meiner größten Leidenschaft meinen Beruf machen dürfen. Ich bin Bauchredner, komme aus der Kleinkunstszene, kleine, nette Bühnen mit vielleicht mal 100, 200 Zuschauern, und jetzt stehe ich in so einer Mega-Halle, in der sonst nur die großen Konzerte stattfinden. Und die Menschen kommen alle wegen mir. Und lachen den ganzen Abend. Und am Ende auch noch Standing Ovations. Wahnsinn, das ist schon verrückt. Und dann fallen mir all die Leute ein, die mich früher belächelt haben. Und jetzt habe ich mit „Hetz mich nicht!“ Mario Barth überholt, einfach irre.

Ins Olympiastadion wollen Sie vorerst aber nicht?

Nee, bitte nicht. Ich muss auch nicht ins Guiness-Buch der Weltrekorde. Ich persönlich finde ja die Aegi-Größe perfekt und habe anfangs die größeren Hallen auch gar nicht gemocht. Da bin manchmal geradezu sauer von der Bühne gekommen und habe gedacht: „Das will ich nicht, das ist mir zu groß, da gehöre ich nicht hin!“ Auch weil meine ganze Show, überhaupt das Bauchreden an sich, die vielen kleinen Bewegungen auch in der Mimik der Figuren, auf ein kleineres Publikum, einen kleineren Saal ausgerichtet ist. Jetzt, gebe ich zu, habe ich mich daran gewöhnt und genieße das auch. Weil die Größe auch neue Show-Elemente ermöglicht und man anders spielen muss als in vergleichsweise kleineren Locations. Aber ich denke, so etwas wie die Ostseehalle muss die oberste Grenze bleiben.

Sie haben vor kurzem eine Gehörlosen-DVD aufgenommen und planen auch einen Auftritt für Gehörlose. Wie funktioniert das - Bauchreden für Menschen, die nicht hören können?

Das funktioniert super! Ich bekomme auch nur rundum positive Rückmeldungen von Gehörlosen und ihren Freunden und Angehörigen. Es gibt bestimmt kleinere Abstriche, aber die machen meist nur wir Hörenden. Außerdem ist die Gehörlosensprache ja so unglaublich komplex, dass damit wirklich wahnsinnig detaillierte Informationen, auch Stimmwechsel dargestellt und weitergegeben werden können. Das ist absolut faszinierend und beeindruckend. Ich würde sehr gern auch selbst Gebärdensprache lernen, habe auch schon allererste zaghafte Anfänge gemacht, leider fehlt mir aber im Moment die Zeit, da noch ambitionierter am Ball zu bleiben. Ich plane aber in Zukunft, zumindest alle zwei, drei Monate auf Facebook einen Sketch in Gebärdensprache zu posten.

Auf der Bühne, mit einer Hand in der Puppe, wird das schwierig ...

Es war noch weit vor „Hetz mich nicht!“, als ich bei einer Veranstaltung auftrat und neben mir erstmals ein Gebärden-Dolmetscher stand und eifrig übersetzte. Schräg vor der Bühne stand ein großer Tisch mit Gästen, die haben mir immerzu gewinkt. Gelacht und gewinkt. Ich habe erst später kapiert, dass Winken das Gebärdensprache-Symbol für Klatschen ist. Die haben sich amüsiert wie Bolle! Seitdem schwirrte der Gedanke einer kompletten Show auch für Gehörlose schon in meinem Kopf herum.

Wann geht es los?

Am 1. Dezember 2015 ist es dann soweit. Da werde ich „Keine Anhung“ im Berliner Tempodrom für Gehörlose und ihre Freunde und Angehörigen spielen. Sicher eine ehrgeizige Idee, und ich habe auch sehr großen Respekt davor. Perfekt wirds vielleicht auch nicht werden, aber wir arbeiten schon fieberhaft an einer gelungenen Umsetzung. Ich werde dabei live wieder unterstützt von Savina Tilmann, einer erfahrenen Gebärdensprache-Dolmetscherin, die auch schon auf der „Keine Anhung-DVD/-Bluray die gesamte Show für Gehörlose übersetzt hat. Auch für mich und mein Team ist das Ganze ein Sprung ins kalte Wasser. Aber wenns klappt und alle am Ende ihren Spaß haben, würde ich mir wünschen, dass meine Idee auch Nachahmer findet.


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Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

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