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Kühle Atmosphäre:

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Münchner Residenztheater als Gast

„Geächtet“ am Staatsschauspiel Hannover

Nur ein Schwank mit schönen Menschen: Im Schauspielhaus gab es Ayad Akhtars Debüt „Geächtet“.

Hannover. „Geächtet“ ist das Stück der Stunde. Ayad Akhtars Debüt wurde 2013 mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet, 2016 von der Zeitschrift „Theater heute“ zum „Ausländischen Stück des Jahres“ gewählt. Bundesweit ist es an etlichen Bühne zu sehen.

In Hannover inszeniert es ab Dezember Sascha Hawemann. Am Wochenende war der Stoff schon im Schauspielhaus zu sehen, in zwei Gastspielen des Münchner Residenztheaters, die die Güte des Stücks nur erahnen ließen.

Vier Menschen treffen hier in einem New Yorker Loft direkto aufeinander: Da ist Amir (Bijan Zamani), gebürtiger Pakistani, vom Islam abgekehrt und erfolgreicher Anwalt in einer jüdischen Kanzlei. Seine blonde Frau Emily (Nora Buzalka), Künstlerin mit leichtem Hang zur muslimischen Tradition, die in selbstgerechter Toleranz von „Freiheit durch Unterwerfung“ faselt. Isaac (Götz Schulte), ihr angehender jüdischer Galerist, und seine afroamerikanische Frau Jory, zugleich Amirs Kollegin und Konkurrentin – ihre Rolle übernahm nun, wegen eines Krankheitsfalls im eigentlichen Ensemble, Thelma Buabeng, die das Stück ansonsten am Schauspiel Köln spielt.

Vier Menschen, vier gesellschaftliche Hintergründe – in der Zeit nach 9/11 sind das auch verschiedenen Welten. Viel Zündstoff für das Ringen um Identitäten – deutlich macht das Amirs Neffe Abe (Jeff Wilbusch), der in Prolog und Epilog auftaucht, erst als übereifrig Assimilierter, dann als fanatischer Moslem. Dazu amouröse und berufliche Verwicklungen: Alle Zutaten für ein galliges Kammerspiel sind da. Doch Regisseur Antoine Uitdehaag und sein Team machen fast nichts daraus.

Emily könnte eine grandiose Zicke hergeben, ist bei Buzalka aber nur ein verhuschtes Luxusweibchen, Zamanis Amir kommt als schwächlicher Schnösel kaum aus der Defensive, ein Jammerlappen und nicht einmal ein Stadtneurotiker. Buabeng hat zwar in den Dialogen ein großes komödiantischen Timing, steht aber sonst oft nur herum in dem ihr sichtlich fremden Spiel. Einzig Schulte als kraftmeiernder Isaac verströmt durchgehend Charisma; subtil ist er nicht.

Einmal schwärmt dieser Isaac von einer „Ernsthaftigkeit ohne jede Spur von Ironie“, worauf Emily kontert: „Ironie wird überbewertet“. Eigentlich geht es um ihre Kunst; es gilt leider auch für dieses Gastspiel. Jede Doppelbödigkeit fehlt, jede intellektuelle Metaebene, die Anlass böte für Distanz und Auseinandersetzung. Es ist weniger eine Inszenierung als eine Aufführung ohne erkennbaren gestalterischen Willen.

Akhtar böse Demontage bildungsbürgerliche Lebenslügen im Angesicht der Jahrhundertkatastrophe des Terrors wird zu einem nicht einmal sonderlich lustigen Schwank.

Schöne Menschen in schöner Kleidung sitzen in einem Ambiente aus Neoklassizismus und Designermobiliar und sagen theatralisch lachend Sätze wie „Ich mach’ doch nur Spaß“, ohne selber welchen zu bereiten. Kein Mensch redet so, außer im Fernsehen. Statt einem politisch aufgeladenen „Gott des Gemetzels“ gibt es die „Lindenstraße“ in Manhattan. Fast jede Pointe wird versenkt, fast jedes Bonmot verschenkt.

Man darf gespannt sein, was Hawemann mit seinem theatralen Furor und antibürgerlichem Ansatz in Hannover aus diesem Stoff macht. Manchmal dient so ein Gastspiel auch nur dazu zu zeigen, was man am heimischen Theater hat.

Von Stefan Gohlisch


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