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KOMPROMISSLOS: David Bowie wird morgen 69 – und liefert mit „Blackstar“ ein überragendes Album ab.    © dpa

Pop

Fünf Sterne für Bowies neues Album "Blackstar"

Der Meister schweigt, und das seit Jahren. Also lässt David Bowie andere erzählen, wie seine neue Platte zustande kam (recht spontan) und was davon zu halten sei (sehr viel). Im Falle von „Blackstar“ sind wieder Bowies langjähriger Produzent Tony Visconti und erstmals Donny McCaslin als neuer Bandleader für den PR- und Erklärjob zuständig.

BERLIN. Sie wissen, wen wunderts, nur Gutes über das scheue Pop-Genie und sein 25. Studioalbum seit 1967 zu berichten. Visconti lieferte dem „Rolling Stone“ ein Schlüsselzitat: „Das Ziel war, Rock ’n’ Roll unbedingt zu vermeiden.“ Und McCaslin sagte dem Magazin „Uncut“, dass man im Studio „für jeden Track nur ein bis drei Anläufe gebraucht“ habe und dass Bowie „so liebenswürdig und großzügig“ gewesen sei.

Man muss die Insider-Botschaften nicht kennen, um zu erfassen, dass einer der herausragenden Künstler unserer Zeit zu einem neuen kreativen Höhenflug ansetzt. Die Musik spricht für sich. Wer befürchtet hatte, das grundsolide, aber auch etwas genügsame Comeback „The Next Day“ (2013) markiere Bowies Eintritt in die Rocklegendenrente, dürfte überrascht sein: von McCaslins ekstatischen Saxofon-Soli und mutigen Improvisationen der Band, von wenig Gitarren- und dafür umso mehr Schlagzeug-Wucht, Elektronik-Experimenten und Bowies anfangs irritierender Abkehr vom klassischen Strophe/Refrain-Songformat. Die Mission Rock-Verweigerung wurde fast schon übererfüllt.

Der Grenzüberschreiter Bowie hat auf seine alten Tage - morgen, am „Blackstar“-Veröffentlichungstag, feiert er seinen 69. Geburtstag - modernen Jazz entdeckt. Und eine zuvor selbst ihm noch verschlossene Avantgarde: Sein radikal neuer Sound knüpft bei Radiohead und Massive Attack, bei Dub und Hip-Hop ebenso an wie bei den Artrock-Veteranen King Crimson oder dem anstrengenden Schön- bis Schrägtöner Scott Walker, einem Altersgenossen Bowies. „Blackstar“ besteht aus nur sieben meist langen Songs mit insgesamt gut 40 Minuten Spieldauer.

Weit weg sind eingängige Hits wie „Space Oddity“ („Ground Control to Major Tom ...“), „Life on Mars“, „Heroes“ oder „Let’s Dance“. Stattdessen lässt Bowie seiner im New Yorker Club „55 Bar“ rekrutierten Truppe fabelhafter Jazzmusiker lange Leine und zwingt seine durchaus hörbar gealterte Stimme nochmals zu einer großen Vorstellung.

Schon der fast zehnminütige Titeltrack ist eine (gleichwohl spektakuläre) Zumutung: Bowie im gekünstelten Falsett, ein verschachtelter Rhythmus, wildes Sax-Gebläse, düstere Textzeilen - wenn man sich daran gewöhnt hat, ist noch nicht einmal die Hälfte des Songs herum und es entsteht ein ruhigerer, aber nicht weniger spannender Groove.

Ein besonderer Höhepunkt ist „Lazarus“ - Bowie schrieb den Song für sein gleichnamiges New Yorker Musical, das im Dezember Premiere hatte. Bei dieser Gelegenheit trat der seit seinem Herzinfarkt vor fast zwölf Jahren kaum noch präsente Bowie wieder einmal öffentlich auf - eine elegante, extravagante Erscheinung.

Mit der versöhnlichen Ballade „Dollar Days“ und dem komplexen „I Can’t Give Everything Away“ endet ein Album, das von Kritikern schon jetzt zu den herausragenden Werken des neuen Jahres gezählt wird. „Blackstar“ ist kompromisslos in seiner Klangästhetik. Bowie verzichtet auf die üblichen Interview-Marathon ebenso wie auf verkaufsfördernde Großkonzerte - weil er es sich bei mehr als 140 Millionen verkauften Tonträgern leisten kann. „Ich glaube, er wird nie wieder live spielen“, sagt Visconti: „Und wenn doch, dann wird es eine totale Überraschung sein.“

Bewertung 5/5

David Bowie: „Blackstar“ (Sony) - ab Freitag

VON WERNER HERPELL


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