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Oliver Dierssen.© Decker

Literatur

"Fausto" - das neue Jugendbuch von Oliver Dierssen

Nach Vampiren, Ogern & Co. holt Oliver Dierssen in seinem Jugendbuch „Fausto“ einen echten Bücherdämon nach Hannover. Ein Interview mit dem Arzt und Autor.

VON MATTHIAS HALBIG

Sie kommen gerade von Ihrer „anderen Arbeit“?

Ich komme aus dem Krankenhaus, ja, ich muss noch richtig arbeiten (lacht). Wir haben Familienzuwachs bekommen, der will ernährt werden. Da geht das nicht so mit dem Bohème-mäßigen Schriftstellerdasein.

Dem gerade ein Fehler fressender Bücherdämon namens Fausto entsprang. Wie kam der zu Ihnen?

Er ist mir einfach eingefallen. Noch vor der Veröffentlichung von „Fledermausland“ hatte mich eine befreundete Autorin gefragt, ob ich nicht für den Schroedel-Verlag eine Geschichte um Rechtschreibung und Lernschwäche schreiben wollte. Dachte ich: Guter Verlag, mach ich mal. War aber ein richtig trockenes Thema, da musste was Magisches rein. Ich hatte am Ende ein halbes Buch und machte jetzt ein richtiges draus.

Ein Jugendbuch.

Das passte in die Startreihe des Jugendbuchverlags „Heyne fliegt“. Den Programmchef dort hat mein Fausto an Pumuckl erinnert, und er ist ein riesiger Pumuckl-Fan.

Ein wenig erinnert er auch an Harry Potters Hauself Dobby.

Vielleicht in der Selbstbestrafungstendenz. Sonst hoffe ich, dass sich mein Buchdämon von Dobby, den ich sehr mag, doch unterscheidet.

Woher kommt der Name Fausto?

In Fausto sehen manche tatsächlich eine Neuauflage von Faust, „die Geister, die ich rief“ – was aber überhaupt nicht gemeint ist und auch nicht zur Geschichte passt. Ich habe ihm all seine Namen nach klangvollen spanischen Weinsorten gegeben. Das schreiben Sie vielleicht besser nicht, denn sowas geht im Sektor Jugendbuch eigentlich gar nicht.

Fausto macht den Helden Joschel nicht wirklich schlauer, was besser wäre. Er bessert nur aus.

Och, das stört Jugendliche nicht so sehr. Die Note zählt, wie sie zustande kommt, eher nicht. Das ist auch in den Prüfungen des Medizinstudiums so. Viel wird stumpf auswendig gelernt, hinterher vergisst mans sofort wieder.

Steckt was vom Helden Joschel in Ihnen?

Ich hatte keine Rechtschreibprobleme. Aber ich hatte Lehrer wie den Kattmann. Das Vorbild wird mein Buch sogar lesen, wird sich aber mit Sicherheit nicht wiedererkennen. Ja, ich hatte solche ... Arschlöcher. Ich war vor kurzem auch an meiner alten Schule und habe aus den Druckfahnen vorgelesen. Da kamen alte Lehrer auf mich zu und sagten: Na, das war doch der Herr sowieso. Und ich: Ja, das war er dann wohl, der Herr sowieso.

Hannover kommt diesmal zu kurz. Nur ein paar Straßen- und Stadtteilnamen – austauschbar.

Stimmt. Aber „Fausto“ ist auch nicht so eine szenige Geschichte. Anfangs war mehr Hannover drin, aber es las sich wie hineinmontiert. Joschel ist ja erst ein Jahr in der Stadt. Gewisse alternative Kreise in der Nordstadt, zu denen ich Kontakt habe könnten sich aber schon wiedererkennen.

Die Mutter Hanne liest sich wie eine Horrorfigur aus dem Märchenprinztod-Roman von Svende Merian.

Ich habe keine solche Mutter. Ich komme aus einem strukturkonservativen Elternhaus, wo Eltern, die sich von ihren Kindern beim Vornamen rufen ließen, ein Feindbild waren. Ebenso Kinder mit Fernseher auf dem Zimmer. Ich habe irgendwie mein eigenes Elternhaus umgedreht.

Und haben beim Schreiben die eigene Tochter auf dem Schoß gehabt?

In einem Bauchtuch. Das Baby schlief gern morgens – statt nachts. So lag es an mir, und ich habe geschrieben.

Das geht?

Man braucht lange Arme, aber es war sehr schön, hatte etwas Meditatives. Diese Monate haben viel Nähe geschaffen.

Lust auf mehr?

Ein wahnsinnig motivierendes Gefühl. Im Sommer möchte ich ein halbes Jahr Elternzeit nehmen, dann wird der Lebensunterhalt aus den Einnahmen der Bücher bestritten.

Würden Sie die Medizin gern ganz aufgeben?

Mein Beruf macht mir Spaß. Weil man sich mit Menschen beschäftigt, was toll fürs Schreiben ist. Außerden muss ich nicht nach dem schielen, was sich gut verkauft. Ich kanns mir leisten, aus Lust und Spaß zu schreiben. Was freilich passiert, wenn die nächsten fünf Bücher alle Bestseller werden, weiß ich nicht.

Was kommt als Nächstes?

Ich habe ein halbfertiges Buch liegen, vielleicht schreibe ich vorher noch ein Jugendbuch. Dann aber gehts zurück in die Fledermauswelt.

Eine Fortsetzung von „Fledermausland“?

Nein, aber es geht ins magische Hannover, ins Clementinenstift in der List. Da gibt es eine Geschichte, die von jungen Assistenzärzten erlebt werden will.

Was spukt da?

Da spukt auch was richtig Spukiges. Aber in erster Linie spukt das Ungeheuer Medizin – ein sehr gefährliches Tier.

Fausto - ein Tintenkillelr mit Lizenz zum Verbessern

HANNOVER. Pst. Wenns bei Ihnen mal in einer alten Bücherkiste raschelt – das könnte ein Bücherdämon sein. Schnell rausholen, das Vieh ist wahrscheinlich am Verhungern, es lebt von Schreibfehlern, und so viele gibts davon nicht in Druckerzeugnissen. Nicht erschrecken: Es hat ein Horn, vier rote Äuglein, ist pelzig, spricht ein antiquiertes Deutsch, ist aber prinzipiell gutmütig. Schenken Sie den Wicht einem Rechtschreibschwächler in ihrem Umfeld, er wird Ihnen ewig dankbar sein dafür.

Oliver Dierssen („Fledermausland“) hat „Fausto“ ersonnen, einen Bücherdämon, der so lieb und dienstbar ist wie Hauself Dobby bei Harry Potter. Fausto befördert seinen neuen Meister, den pickligen Joseph Fittich, vom Deutsch-Loser zum Klassenprimus. Ein Fehlerteufel der positiven Art, ein Tintenkiller mit der Lizenz zum Verbessern.

Ein Jugendbuch, ein flottes, vollgepackt mit dem typisch schrägen, bildreichen und großkotzigen Teenagerwitz, der sich aus Misstrauen und Widerstand gegen alles Erwachsene speist. Dierssen drückt auf die Tube, die Story flitzt als Memorandom Fittichs voran, viele viele Dialoge steigern das Tempo, dabei werden die zu erwartenden Wendungen genommen.

Erfolg macht Liebe. Der schönen Canan mag Joseph seinen Gehilfen nicht enthüllen. Tja und Lügen haben dann kurze Beine, Canan zweifelt, Joseph verzweifelt, ein Klassenkamerad wird rabiat, ein anderer panisch. Letzterer war der bisherige Primus und verdankte seinen Erfolg einem ... na wem wohl? In Dierssens Hannover, der neuen Metropole magischer Wesenheiten, gibts offenbar nur Pisa-Verlierer und Dämonenbesitzer. Und: Action!

Es ist weniger, was Dierssen da alles erzählt, als vielmehr wie er‘s tut. Dynamisch, taktisch, gut. Und einige der Figuren sind höchst erquickliche Karikaturen, Joschels Mutter etwa ist eine ihren Sohn auf Hirsebasis bekochende Ökotante, wie sie Mann Anfang der 80er nach der Lektüre von Svende Merians „Tod des Märchenprinzen“ in den Alpträumen heimsuchten. big

Bewertung: 4/5

Oliver Dierssen: „Fausto“, 446 S., Heyne, 14,99 Euro.

Das Buch ist bereits erhältlich, offizielle Premiere ist am 10. März, 20.15 Uhr, bei Schmorl & von Seefeld.


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