Navigation:
Gar nicht rüde: Rüdiger Linhof beim Interview mit der NP.

Gar nicht rüde: Rüdiger Linhof beim Interview mit der NP.
© Nancy Heusel

NP-Interview

„Es ist schön, ein Sportfreund zu sein“

Seit 20 Jahren zwischen „Sturm & Stille“ – mit dem gleichnamigen Album sind die Sportfreunde Stiller auf Tour. Wir sprachen vorab mit Bassist Rüdiger „Rüde“ Linhof über Fußball-Götter und die Welt.

Hannover. Sportfreund aus Überzeugung, dabei gar nicht still: Bassist Rüdiger „Rüde“ Linhof (44) spricht im NP-Interview über das aktuelle Sportfreunde-Stiller-Album „Sturm & Stille“ und ein Leben zwischen den Stühlen.

Die Sportfreunde pflegen weiter einen sehr optimistischen Blick auf die Welt. Ist der angebracht?

Optimismus heißt ja nicht, dass man alles gut findet auf der Welt. Für mich heißt es, immer den Wert der eigenen Idee zu sehen und daraus Energie zu schöpfen. Wir bemerken doch gerade eine Mobilisierung der demokratische Gedanken, eine neue Wertschätzung für die Freiheit. Das sind Begriffe, die lange diskreditiert wurden

Allmählich kommt die Gegenbewegung zu jenen, die Freiheit nur für sich selbst beanspruchen, oder?

Ich habe die Hoffnung und das Gefühl, dass all die tollen interessierten Menschen, die ich in all den Jahren kennengelernt habe, mit Energie und Idealismus, wieder bereit sind, sich zu engagieren.

Ist das heute mehr denn je die Aufgabe des Künstlers?

Ich glaube, das war immer seine Aufgabe. Aber wir konnten uns eine Zeitlang den Luxus leisten, uns dem nicht zu stellen. Kunst hat immer mit Kommunikation und Gesellschaft zu tun.

Die Sportfreunde waren immer eine politische Band, zum Beispiel immer klar gegen Nazis positioniert. Gleichwohl klingt das aktuelle Album nahezu unpolitisch ...

Das sehen Sie so (lacht).

Verbessern Sie mich.

Jede Zeit hat ihre eigene Sprache. Ich sehe die Themen total auf der Platte, und wenn man es nicht sieht, passt es auch. Ich möchte den Menschen doch nicht eine Sichtweise auf unsere Musik aufdrücken.

Aber Sie können vielleicht Ihre Sichtweise formulieren.

Ein Lied wie „Viel zu schön“, das total positiv klingt, erinnert daran, dass es wichtig ist, nach vorne zu blicken und nicht zu resignieren. In diesem Akt steckt eine große Macht. Trump hat gewonnen, weil er den Menschen den Wert ihrer Stimme genommen hat, indem er sie desillusionierte.

Wie war die Zeile aus „Zwischen den Welten“? „Die Freiheit endet dann, wenn man sich die Hoffnung raubt“?

Genau das. Der Begriff des politischen Songs verfolgt uns einfach. Welche Bedeutung hat heute noch der klassische Protestsong? Das ist nicht unsere Welt. Aber „Zwischen den Welten“ ist für mich ein politisches Lied. Es ist der Versuch, sich eine Haltung zu suchen zwischen den Gefühlswelten traurig und glücklich – die Welt ist immer beides.

Ging es bei dem Album um eine Neupositionierung: im Leben zwischen den Welten, zwischen den Stühlen, zwischen den Lebensaltern, zwischen dem Dasein daheim und dem als Popstar?

Persönlich merke ich total, wie ich aus einem Zustand der Panik herauskommen musste. Ich lebe viele verschiedene Leben, vielleicht zu viele. Darin kann ich aber auch meine Kraft finden und den Rest der Welt ertragen. Empathie bedeutet natürlich, dass es mir wehtut, was ich da so sehe. Aber man darf auch nicht vergessen, dass man in einem Land lebt, in dem man das Privileg hat, Dinge zu bewegen – und wenn ich nur mit meinem Kollegen am Fließband respektvoll umgehe. Dies ist ein besonderes Land, ein besonderer Kontinent. Daraus folgt hoffentlich Wertschätzung.

Auch eine Verpflichtung?

„Pflicht“ ist mir zu autoritär. Aber Verantwortung. Eine Verantwortung, diese Welt zu schützen. Zum Beispiel fangen diese Pro-Europa-Demonstration an. Darüber freue ich mich wahnsinnig. Wir schauen nicht mehr Pegida beim Demonstrieren zu. Wir demonstrieren selber, und wir sind die Mehrheit.

Gibt es auch ein „Zwischen den Welten“ von Rüde zuhause und Rüde auf Tour?

Ja, natürlich. Ich führe zuhause ein ganz normales Leben, habe Familie, bin Papa und liebe dieses Leben.

Die Kinder sind meist so herrlich unbeeindruckt von dem, was man so macht, oder?

Ja, das erdet einen. Natürlich kriegen sie mit, was ich tue, sind auch stolz drauf. Es liegt eine Schönheit darin, sich ganz einem Menschen zu widmen, der unvorbelastet durch die Welt geht. Gleichzeitig bemerke ich meine Verantwortung, diese Welt zu bewahren. Und auf Tour weiß ich nie, was mich erwartet. Ich weiß nie, was passiert, wenn sich diese Nightliner-Tür schließt. Es ist jedes Mal wahnsinnig lustig, und jeder Mensch in diesem Bus ist ein ganz besonderer Typ.

Was hat sich verändert, insbesondere nach der kleinen Pause, die sich die Band nach 2014 verordnet hat?

Es hat sich wahnsinnig viel verändert. Es ist immer eine große Kunst zusammenzufinden. Über die Jahre gibt es die Erfahrung, dass man sich Zeit geben muss, um sich aneinander zu gewöhnen.

Helfen dabei die ganzen Nebenprojekte der Bandmitglieder?

Ja, es hilft, in diese anderen Leben einzusteigen, und es ist eine große Inspiration. Man darf nicht auf die Band bauen, dass sie einem alles gibt, was man im Leben braucht. Es ist total schön, ein Sportfreund zu sein, aber es ist nicht alles in meinem Leben.

2014 haben Sie auf der Expo-Plaza gespielt, unter anderem mit Andreas Bourani, der am Aufsteigen war mit „Auf uns“, die nächste große Fußball-Hymne nach „’54, ’74, ’90, 2006“. Es wirkte wie eine Zäsur. War es das auch für Sie?

Es ist sicher nicht alles mein Geschmack, was gekommen ist, aber zum Teil schon. Marteria zum Beispiel ist wahnsinnig gut. Es tut sich so vieles. Ich freu mich darüber, dass es inzwischen diese Vielfalt gibt. Ich meine, damals – und es klingt komisch, das so zu sagen – als wir angefangen habe, also noch ohne Handy auf Tour gegangen sind (lacht), mussten sich die deutschen Bands ganz weit hinten anstellen. Die deutsche Sprache ist inzwischen in der Musik angekommen.

Sind Sie froh, nicht mehr die Fußballband schlechthin zu sein?

Nein. Das war bizarr, verrückt, verdrehte Welt. Truman-Show. Ich habe mir nie erträumen können, so etwas mal zu erleben. Und 2006 bin ich in diesem entscheidenden Monat auch Papa geworden, und kurz später stand ich bei „Rock am Ring“ auf der Bühne. Wir fühlten uns eigentlich auf dem absteigenden Ast, und dann kamen wir auf die Bühne und wurden so bejubelt – es war der Wahnsinn.

Was zum Beispiel?

Diese ganzen Situationen. Dass man einen Pelé trifft, der einem freudestrahlend und stolz eine CD von sich gibt. Dass Flo und ich im Backstage-Raum – ich glaube, bei Beckmann – aus Schabernack mit heruntergelassener Hose herumgelaufen sind, und eine halbe Sekunde später steckt Franz Beckenbauer seinen Kopf durch die Tür. Oder 50 Polizisten kommen auf der Fanmeile auf einen zu, man denkt „O-oh“, und die geben einem High-Five und wollen Fotos machen. Das Gefühl, Teil von so einem positiven Ding zu sein, zu helfen, dass sich die Stimmung in diesem Land dreht, das möchte ich nicht missen.

Jetzt geht es ins Capitol. Was ist Ihnen lieber; so ein mittelgroßer Club oder ein Festival?

Wir hatten den ganzen Dezember über Konzerte, vor 1000 bis 1500 Leuten, und ich habe es total genossen. Lieber mehr Konzerte als wenige große. Aber Festivals kann man gar nicht vergleichen.

Eine Fußballfrage muss ich noch stellen. Das Motto, das Sie Ihrem Album voranstellen – „Optimismus, Wagemut und Verbundenheit“ –, das klingt wie ein Satz, den der Trainer einer Abstiegsmannschaft sagt...

...Sie meinen Hannover 96?

Nein, ist das der alte Fußballgeist?

Mir sind diese Worte im Moment ein bisschen hoch gegriffen. Aber in der Zeit, in der wir diese Platte geschrieben haben, hat sich in uns alles zusammengekrampft gegen dieser Verfall unserer Werte und eines jeglichen positiven Gefühls. Es sind große Worte, und man braucht große Worte, um sie den großen Worten der Anderen entgegenzustellen, die uns die Freiheit des Denkens und des Andersseins nehmen wollen. Um ihnen den Raum zu nehmen. Man muss wieder die Ellenbogen ausfahren für ein Denken, das die Zukunft positiv gestalten will.

Sportfreunde Stiller live: am 23. Mai im Capitol. Karten gibt es hier.

Von Stefan Gohlisch


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Finden Sie, dass es im Stadion Bereiche geben soll, in denen Pyro erlaubt ist?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie