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Kneipenfreunde: Costa Cannabis (vorne) mit den Band-Kollegen von Sondaschule.

Kneipenfreunde: Costa Cannabis (vorne) mit den Band-Kollegen von Sondaschule.
© Bastian Harting

Interview

Erwachsen in der Sondaschule

Beharrlich mit Ska-Punk und schlauen Texten in oberste Charts-Regionen: Die Band Sondaschule veröffentlicht ihr sechstes Album „Schere, Stein, Papier“. Wir sprachen mit Sänger Costa Cannabis über nächtliche Inspiration, Musik gegen Rechts und die zweite Heimat Amsterdam.

Hannover. Endlich erwachsen: In ihrem 18. Jahr legt die Ska-Punk-Band Sondaschule mit „Schere, Stein, Papier“ ihr reifstes Album vor. Wir sprachen mit Sänger, Komponist und Texter Costa Cannabis.

„Schön kaputt“ war das erste Sondaschule-Album in den Top Ten. Ändert das die Art, Musik zu machen?

Nein. Der einzige Anlass, dass man das denken könnte, liegt daran, dass „Schere, Stein, Papier“ zum Ende hin ruhiger wird. Aber das mag auch der 15-jährigen Bandkarriere geschuldet sein.

Musiker altern doch nicht etwa?

Nein, das nicht. Aber man sitzt irgendwann viel entspannter im Studio. Wenn wir live spielen, könnten wir drei Stunden ohne einen einzigen ruhigen Song spielen. Aber diesmal haben wir uns ohne jegliche szenerelevanten Zwänge hingesetzt und einfach nur Musik gemacht. Stellenweise habe ich auch alleine Musik gemacht und Lieder geschrieben, die dann beinahe genau so geblieben sind. Das sind die Akustiksongs zum Ende hin. „Goldene Tapete“ zum Beispiel habe ich alleine, nachts um halb vier, nach einer durchzechten Nacht am Laptop gemacht, auch das Klavier, mit den Buchstaben des Laptops. Einfach ich, sternhagelvoll, zu Hause.

Entstehen so die besten Lieder?

Offenbar (lacht). Der Song ist jetzt so auf dem Album gelandet, wie ich ihn aufgenommen hatte, in dieser Nacht, in der ich Spaß hatte. Bei uns in Mülheim an der Ruhr haben die Kneipen halt nicht wie in Berlin bis 10 Uhr morgens auf. Die sind um 3 Uhr zu. Dann betteln wir noch, aber es hilft nichts. Darum auch „Komm, Shaun“, ein kleiner Insider, denn jeder versteht „Komm schon“. Damit ich beim nächsten Mal ein passendes Argument habe, dass er nicht sagt: „Bitte, geht.“

Und? Hat’s funktioniert?

Ich habe Shaun den Song das nächste Mal vorgespielt. das hat immerhin eine halbe Stunde gebracht, weil er so gerührt war.

Was ist das für eine Kneipe? Nach Szenekneipe klingt es nicht.

Es gibt gar keine Szenekneipe in Mülheim/Ruhr. Nee, die Rathsstuben, das ist eine Kneipe, da war mein Vater schon: Tresen, ein paar Stehtische, oben ein Billardtisch, hinten ein Raum zum Kickern und Dartsspielen, und im Hintergrund läuft leise Rockmusik. Man kennt sich.

Das neue Album beginnt sehr poppig, mit „Amsterdam“. Wollten Sie die Hörer erst einmal in Sicherheit wiegen?

Nee, gar nicht. „Amsterdam“ war das allererste Lied des Albums, das entstanden ist. Nicht mit der kompletten Band; darum habe ich darauf auch Synthi gespielt. Später arbeiten wir so etwas normalerweise live aus. Dann haben wir uns erst einmal an die anderen Songs gemacht. Und als wir dann wieder „Amsterdam“ in seiner Ursprungsform gehört haben, haben wir gedacht: Warum lassen wir das nicht so? Das sticht aus dem Gesamtsound des Albums so supergut heraus, dass wir ihn so gelassen haben.

War es notwendig, nach der Standortbestimmung „Mülheim/Ruhr“ vom letzten Album ein Lied zu einer anderen Stadt zu machen?

Das überhaupt nicht. Ich war neulich nur mit ein paar Kumpels beim NOFX-Konzert in Amsterdam für drei Tage. Amsterdam ist sowieso die nächstgelegene Metropole im Ruhrgebiet; da war ich auch in der Jugend sehr oft. das war immer eine zweite Heimat von mir.

Nicht ganz so beliebt – das deutet zumindest der Song an – scheint „Ost-Berlin“ zu sein.

Ich hatte eine Eingebung, als wir ziemlich spontan ein kostenloses Konzert bei uns in der Stadt gegeben habe: Eine rechte Partei hatte sich angekündigt, auf dem Marktplatz eine Kundgebung abzuhalten. Und wir haben uns gedacht: Gegen-Kundgebung gut und schön, aber warum stellen wir uns da nicht hin mit unseren Verstärkern und machen so laut Musik, dass keine Sau versteht, was die da machen? So haben wir das gemacht, vor über 1000 Leuten, richtig schön laut. Und wir waren von den Anderen durch Polizei und zwei Zäune getrennt: 1000 Leute in bunter Kleidung, die feiern, und auf der anderen Seite 30 Bekloppte. Da kam mir noch auf der Bühne der Gedanke, einen Song zu machen über die Leute auf der anderen Seite des Zauns. Zuhause habe ich mir noch auf Youtube abgehört, was die von sich gegeben haben, und zehn Minuten später hatte ich diesen Song.

Widerstand zieht sich wie ein roter Faden durchs Album – zum Beispiel auch in „Du und ich“. Da geht es gegen den Rest der Welt. Wofür lohnt es sich zu kämpfen?

Gegen den Rest der Welt, aber – ganz wichtige Zeile: „Wir retten das Land.“ Es gibt leider im Moment so viel auf der Welt, was mich dazu veranlasst, solche Texte zu schreiben. Ich setzte mich nicht hin und weiß, was ich schreibe. Ich lasse mich bewegen. Als wir angefangen haben, mit „Amsterdam“, war Trump noch nicht Präsident. Als wir fertig waren, sah es anders aus, auch mit der AfD. Darum habe ich auch einmal aufgeschrieben, was ich so denke.

Nämlich zum Beispiel auch, dass ein „Arschlochmensch“, so ein anderer Songtitel, sich gefälligst zu verziehen habe.

Genau. Der kommt deswegen auch extra nach „Ost-Berlin“: für alle Leute, die den Song nicht verstanden haben.

Demnächst kommen Sie mal wieder nach Hannover, aufs Fährmannsfest, wo Sie 2013 schon einmal gespielt haben ...

Ja, das Festival mit dem schönsten Backstagebereich Deutschlands. Wir sitzen da gerne ab mittags einfach herum und gucken, großartig.

Sondaschule spielt nach den Abstürzenden Brieftauben und den Sternen. Ist das gute Gesellschaft?

Auf jeden Fall. Die Brieftauben haben uns auch das letzte Mal, als wir in Hannover waren, im Musikzentrum, supportet. Und ich bin halt Fan. Als ich 14 war, habe ich die rauf- und runtergehört. Ich kann die Texte in und auswendig.

Was für ein Programm gibt es?

Bei Festivals beschränken wir uns auf die Songs, die die Leute wirklich hören wollen und live am meisten Spaß machen. Wenn wir dann aber zum Clubkonzert kommen – nämlich am 22. November in die Faust –, dann kommt zum Tragen, was wir vom neuen Album live am besten finden. Plus ganz alte Klassiker.

Lieblingslied der Band soll „Zu kurz, um lang zu denken“ sein. Ist das so?

Ja. das ist unser Lied. ich habe das den Anderen vorgespielt, und jeder hat Gänsehaut bekommen, weil jeder weiß, worüber ich da rede, nämlich über uns.

Sondaschule live: am 5. August beim Fährmannsfest, am 22. November in der Faust-60er-Jahre-Halle. Karten gibt es
hier
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Von Stefan Gohlisch


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