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Klassik trifft Elektro: Die Symphoniacs im Theater am Aegi.

Klassik trifft Elektro: Die Symphoniacs im Theater am Aegi.
© Nancy Heusel

Konzert

Elektro-Klassik mit Stolperfalle

Klassik-Virtuosen mit Elektro-Tick: Die Symphoniacs spielten im Theater am Aegi – ein Konzert mit Stolperfalle.

Hannover. Es ist nicht die neueste musikalische Entwicklung, wohl aber der letzte Schrei: Die Symphoniacs, acht Burschen, alles hübsche Kerle natürlich, bedienen sich der „Tenöre“-Masche und mischen für ein Mainstream-Publikum Klassik und Elektro. So etwas gab es schon mal vor 30 Jahren. Das Orchester Rondò Veneziano fällt einem ein, nur waren die noch analog unterwegs.

Die Scheinwerfer im Theater am Aegi blenden das Publikum, die Bühne selbst liegt noch im Dunkeln. Geistvolle Animationen blinkern über die Leinwand, und endlich, bei ihrem dritten Lied, sieht man sie richtig. „Wir begrüßen Sie zu unserem House-Konzert“, freut sich Andy Leomar, Kopf und Vordenker der Gruppe. Aus London und Moskau, aus Berlin, Wien, Kopenhagen und New York kommen die Musiker; es ist eine feine internationale Truppe. Und es ist der letzte Auftritt der laufenden Tour, der soll ordentlich „wild“ werden. Wie ungestüm allerdings, kann in diesem Moment noch keiner ahnen.

Ihre Konzeptmusik nennen sie „Fusion“, klanglich bedeutet das zwei Pianos, fünf Streicher und Oberguru Leomar an seinen Samplern und Laptops. Das noch sehr aussagelose Intro ist vorbei, ihr Auftritt wird besser. Die acht Musiker teilen sich auf, spielen als Quartett oder begeistern mit Soloeinlagen. Bis auf die Sequenzer und Drumcomputer ist alles live, da können die Geigen und Celli dann auch schon mal verstimmt klingen. Somit kommt das Streicher-Duell zur rechten Zeit. 850 Zuschauer feiern die Symphoniacs, die meisten der Besucher sind jung und weiblich. Und reichlich enthusiastisch. Ein Cello zu spielen und es dabei wegzutragen, sieht immer gut aus. Die Fans nicken anerkennend. Mit „Aerodynamic“ beginnt jetzt die Daft-Punk-Session. Ein zartes Piano-Solo bemüht sich um Dynamik, selbstverständlich ist es eine Ballade.

Bei der stürmischen Version von Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ passiert es: Plötzlich stürzt Geiger Tom Suha, der Budapester Musiker mit der Zopffrisur, und bleibt unter dem Piano liegen. Schrecksekunde auf und vor der Bühne. Und nach einigen Sekunden, nachdem sich seine Mitmusiker gesammelt haben, erklärt Andy: „Kurze Unterbrechung, es ist leider ein Unfall passiert!“ Wie ein Fußballer, rechts und links eingehakt, wird Tom vorsichtig von der Bühne geführt. Doch schon nach fünf Minuten ist er zurück. „Eine Sportskanone“, lobt ihn Leomar, sichtlich erleichtert. Dass er sich das Knie ausgekugelt hatte, bekommt niemand mit, aber mit viel Beifall wird er wieder empfangen.

Das Konzert ist auf einen Schlag viel stärker geworden. Es scheint, der Schock des Sturzes hat Kraft und Persönlichkeit freigesetzt. Das gibt viel Beifall zur Pause. „Hätte er sich die Schuhe zugebunden, ich hab’s gleich gesagt“, weiß ein Zuschauer beim Gang in die Halbzeit.

Teil zwei ihres Sets gerät tanzbar und modern. Mit Calvin Harris’ „Summer“ und „Don’t You Worry Child“ von der Swedish House Mafia sind die Symphoniacs in der Jetztzeit angekommen. Bachs „Prelude Nr. 1“, gemischt mit „Cry Me a River“ von Justin Timberlake, hat schon einen eigenen Zauber. Beim lustigen Pianosolo zwischen Evgeny Genchev und Oscar Micaelsson können beide glänzen. Es wird ein alberner, jedoch hochklassiger Kampf um die Tasten.

Ihre Aktion „Be Part of the Symphoniacs“, gibt jungen Amateur-Musikern die Möglichkeit mit den Symphoniacs zu musizieren. Diesmal kann Fernando, ein Grieche aus Köln, seine Qualität am Cello unter Beweis stellen. Die „Präludien“ von Schostakowitsch geraten überraschend gut. Zum Schluss wird noch einmal alles gegeben – Licht, Laser und gute Laune. Mit der „Carmina Burana“, Kraftwerk-Klängen und bunten Animationen – und dem Superhit „Insomnia“ – verabschieden sich die Symphoniacs. Viel begeisterter Beifall und stehende Ovationen für die Klassik-Virtuosen mit dem Elektro-Tick.

Von Kai Schiering


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