Navigation:
Nihilismus im Neonschein: Iwan Karamasow (Sebastian Grünewald) besteigt den Kruzifix.

Nihilismus im Neonschein: Iwan Karamasow (Sebastian Grünewald) besteigt den Kruzifix.

© Foto: Ribbe

Theater

Eine Nacht voll Karamasow

Weltliteratur als Event: Das Schauspielhaus zeigte am Karsamstag Fjodor Dostojewskis „Die Brüder Karamasow“ in seiner Fünfeinhalb-Stunden-Version – mit russischem Büffet, Osterfeuer und Russendisco. Ein Selbstversuch.

Hannover. Irgendwann hängt er kopfüber, der Jesus an seinem Kreuz. „Endlich im Lot!“, frohlockt Dmitri Karamasow (Henning Hartmann), der Lebemann und Leichtfuß, zum Entsetzen seines gottesfürchtigen Bruders Aljoscha (Günther Harder). Ob das Motto des Abends, „Schöner kreuzigen“, wohl so gemeint war? Das Publikum im gut gefüllten Schauspielhaus jedenfalls gackert vergnügt. Es hat es sich verdient.

„Die lange Karamasow-Osternacht“ steht an diesem Karsamstag an, Martin Laberenz’ Inszenierung des Dostijewski-Romans über Glauben und Moral, 1200 Seiten verdichtet auf immer noch fünfeinhalb Stunden Dauer, pünktlich zu Ostern. Ziemlich exakt ein Jahr nach der Premiere wird das Mammutstück zum Event hochgejazzt, mit Osterfeuer und Russendisco im Anschluss. Weil in Hannover an sich die Theaterregel gilt, dass doch bitte kein Stück länger als zweieinhalb, drei Stunden dauern möge. Und weil manche Inszenierungen es eben doch verdienen, dass man mehr Zeit für sie aufbringt,

Und so schiebt sich denn gegen 18 Uhr das erstaunlich zahlreich erschienene Publikum in den Saal – der ist nicht ausverkauft, aber sehr gut gefüllt. Ein Paar versucht, Getränke mitzunehmen, und darf es nicht. Kein Proviant für den Marathon. Der geht gleich in die Vollen; Laberenz und sein Ensemble stürzen sich mit Furor in den intellektuellen Diskurs, den die „Brüder Karamasow“ in ihrer erzählerischen Fülle bieten.

„Es gibt keine Tugend, wenn es keine Unsterblichkeit gibt“, stellt der Zweifler Iwan Kasamarow (Sebastian Grünewald) in den Raum. Darum geht es: westlicher Nihilismus gegen östliche Orthodoxie. Und es geht um Versuchung und Vergebung, Liebe und Hass, die ganz großen Themen- Und auf der Bühne dreht sich wie ein Sinnbild der Verdichtung ein gigantischer Trichter.

„Ich möchte mich als Regisseur auch dem Überwältigungsfuror dieses Romans ausliefern“, hatte Laberenz vergangenes Jahr im NP-Interview gesagt: „Und ich wünsche mir, dass sich auch die Zuschauer fragen müssen, welcher Verführung sie sich jetzt hingeben.“ Bald möchte man nur noch bequem sitzen. Die Backen schmerzen, der Magen knurrt. Als der gehasste Patriarch Fjodor (Andreas Schlager) das erste Mal ein „Cognäcchen“ fordert, denkt man schon mit Sehnsucht an das versprochene Wodka-Tasting in der Pause.

Doch bis dahin dauert es noch eine Stunde. Es ist ja erst 19.30 Uhr. Dann aber durchzieht der Geruch russischer Spezialitäten, von Borschtsch, Pelmeny und Bliny, das Foyer. Das Publikum: vorwiegend heiter. Andere gehen. Es gibt Wodka, dazu Bier und Wein. Das macht das Sitzen danach nicht eben leichter; so mit verkniffenen Beinen.

Drinnen geht es weiter mit philosphischer Druckbetankung – aber auch mit Lust und Leidenschaft, teils grandiosem Spiel, brillanten Monologen, unter anderem von Grünewald, Susana Fernandes Genebra und Vanessa Loibl. Dazu Schlager und Jakob Benkhofer als charismatische Bühnentiere; das Ensemble spielt sich und das Publikum in einen Rausch lustvoller Überforderung. Als um 23.32 das Stück endet, applaudiert man sich gegenseitig: für das Durchhaltevermögen, aber ebenso für den wohl intensivsten Theaterabend des Jahres.

Danach: aufstehen, recken, den Körper endlich wieder in Lot bringen. Das Kreuz, es schmerzt.

Von Stefan Gohlisch


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Finden Sie, dass es im Stadion Bereiche geben soll, in denen Pyro erlaubt ist?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie