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Nur ein Augenblick: Myriam Lefkowitz zeigt zu Demonstrationszwecken Jonah Feßel ihre Sicht auf den Ballhof.

Nur ein Augenblick: Myriam Lefkowitz zeigt zu Demonstrationszwecken Jonah Feßel ihre Sicht auf den Ballhof.
© Frank Wilde

Theaterformen

Eine Führung der Augenblicke

Es gibt nur einen Performer und einen Gast: „Walk, Hand, Eyes (Hannover)“, eine Stadtführung mit geschlossenen Augen, ist eine der ungewöhnlicheren Veranstaltungen des Festivals Theaterformen.

Hannover. Karten gibt es keine mehr für „Walk, Hand, Eyes (Hannover)“. Die waren trotz zwölf Terminen vom 11. bis 14,. Juni bei den Theaterformen stark begrenzt. Jedes Mal treffen nur ein Zuschauer und ein Performer aufeinander, wenn diese Begriffe überhaupt statthaft sind. Aber zu übersehen sein werden sie kaum in der Innenstadt.

„Menschen brauchen Menschen“, auf diese Formel bringt Myriam Lefkowitz ihr Konzept. Im Jahr 2010 hat die französische Künstlerin Myriam Lekowitz es erstmals realisiert und danach in etlichen Städten dieser Welt bis zu der Form perfektioniert, die nun bei dem hannoverschen Theaterfestival zu erleben sein wird.

„Walk, Hand, Eyes“ ist ein Stadtspaziergang. Die Performer führen ihre Gäste eine Stunde lang durch Hannover. Das Besondere: Die Gäste haben ihre Augen geschlossen. Nur gelegentlich dürfen sie hinschauen, der Blick gerichtet auf irgendeine Besonderheit im Stadtbild, ausgewählt von dem Performer.

Um Sehenswürdigkeiten geht es gerade nicht, viel mehr um das, was der Performer für sehenswert hält, und wenn es nur ein bisschen Grün in einer Betonwüste ist. Je größer der Kontrast zu dem ist, was man als Geführter zuvor mit den restlichen Sinnen erfahren hat, das Gefühl von Wärme und Kälte, von Wind und Wetter, vom Boden, auf dem man läuft und den Geräuschen, die man hört, desto besser.

Gesprochen wird auch nicht. Die Gäste sollen offen sein für neue Erfahrungen. Lefkowitz, die vom Tanz kommt, meint: „Wir haben als Menschen eine 360-Grad-Wahrnehmung. Wir vergessen das nur, weil wir so sehr daran gewöhnt sind, die Welt mit unseren Augen wahrzunehmen.“

Lefkowitz zeigt, was sie meint: Wenn sie jemanden führt, berührt sie ihn nur sanft. Da wird nicht gezogen oder geschoben, leichteste Nuancen, in der Art, wie sie einen hält, zeigen schon, in welche Richtung es nun gehen soll: „Das ist Kommunikation auf Haut-auf-Hat-Basis“, sagt sie.

Sie selbst sei angetrieben von einer unstillbaren Neugier auf Menschen: „Ich weiß bis heute nie, was passieren wird bei den Rundgängen.“ Es sei immer noch sehr mysteriös und faszinierend.

Das Besondere an der hannoverschen Form: Lefkowitz hat, auch auf Anregung der Festival-Macher, erstmals mit geflüchteten Menschen zusammengearbeitet, hat sie vor einem Vierteljahr gecastet und vergangenen Monat in einem mehrtägigen Workshop geschult. Ihre größte Erkenntnis daraus: „Sie sind genau wie wir, es gibt keinen großen Unterschied“, sagt Lefkowitz: „Sie sind längst angekommen und wollen dazugehören.“ Nun sind sechs neue Guides in ihrem elfköpfigem Team.

Aber der Effekt, der sich bei ihrer Arbeit ohnehin einstellt, wird hier noch verstärkt: Das Bekannte wird fremd und das Fremde bekannt. Und die Führenden hätten so die Gelegenheit zu zeigen: „Das ist auch meine Welt- das ist meine Welt.“ das sei oft sehr bewegend. sdass es nach jeder Führung Raum und Zeit gibt für ein Gespräch, gehört zum Konzept dazu.

Der Anspruch der Theaterformen jedenfalls, dass man dort lernt, die Welt mit anderen Augen zu sehen (und zwar nicht nur die des Theaters), dürfte bei kaum einen Stück stärker erfüllt werden als bei diesem.

Von Stefan Gohlisch


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