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Heinrich Böll (l-r), Günter Grass und der damalige Bundeskanzler Willy Brandt während des 1. Kongresses des Verbandes Deutscher Schriftsteller in Stuttgart (21.11.1970).

Heinrich Böll (l-r), Günter Grass und der damalige Bundeskanzler Willy Brandt während des 1. Kongresses des Verbandes Deutscher Schriftsteller in Stuttgart (21.11.1970). © dpa

Literatur

Ein unbequemer Nationaldichter: Günter Grass wird 85

Der Mann, der so gern Zunge zeigt, wird 85. Nobelpreisträger Günter Grass ist ein unbequemer Nationaldichter, der sich unermüdlich einmischt. Bereits sein Debütroman "Die Blechtrommel" machte ihn weltbekannt.

Lübeck. Sein politisches Engagement erregt oft Anstoß.

Den Begriff "Nationaldichter" lehnt Günter Grass ab. Und dennoch spiegelt sich im Leben und Werk des bei Lübeck lebenden Literaturnobelpreisträgers, der am 16. Oktober 85 Jahre alt wird, die jüngere deutsche Geschichte - mit all ihren Brüchen, Kontroversen und Verletzungen, mit Versagen und Sternstunden. Wenige polarisieren und provozieren wie er, selbst noch im hohen Alter - gerade wieder mit seinem neuen Lyrikband "Eintagsfliegen", in dem er einen in Israel zu 18 Jahren Haft verurteilten Nukleartechniker, der Israels Atomprogramm publik machte, als "Held" und "Vorbild" lobt. Aber wenige müssen auch soviel einstecken wie Grass, den Israel im April wegen des kritischen Gedichts "Was gesagt werden muß" zur persona non grata erklärte.

Deutschland hat es Grass in jungen Jahren schwer gemacht und Grass wiederum macht es Deutschland seitdem nicht leicht. Die Scham, als Kind und Heranwachsender den Nazis auf den Leim gegangen zu sein, ist für Grass eine lebenslange Last. Der Literaturexperte Hanjo Kesting meinte im September in Hamburg bei einer Lesung mit Grass, man müsse dessen literarisch-künstlerisch-politisches Gesamtkunstwerk als "lebenslange Bußübung" betrachten.

Es bedurfte über 60 Jahre, bis Grass in seinem autobiografischen Meisterwerk "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) von sich aus - ohne dass ihn jemand gedrängt hätte - niederschrieb, dass er kurz vor Kriegsende bei der Waffen-SS war: Mit 17 im Herbst 1944 einberufen, nach der Ausbildung in böhmischen Wäldern nur wenige Wochen vor der Kapitulation im Einsatz vor Berlin, verwundet, Kriegsgefangenschaft.

Kaum einer hielt die NS-Verführung des Jugendlichen für ein Problem, wohl aber 60 Jahre Schweigen - eine deutsche Vergangenheitsbewältigung. Umso größer eigentlich der Mut für den späten Schritt, anerkannt hat das aber kaum jemand. Kritiker nannten ihn Heuchler, Moralapostel. Den Eliten des Landes hatte er zuvor Jahrzehnte lang immer wieder die Leviten gelesen. Ungezählt die Kiesingers und Filbingers, denen er eine unzureichende Aufarbeitung der NS-Zeit vorhielt. Seit seinem späten Eingeständnis sieht er sich mit dem Vorwurf konfrontiert, seine moralische Glaubwürdigkeit verspielt zu haben.

Nach Erscheinen des Israel-Gedichts im April 2012 wurde dem Dichter sogar Antisemitismus vorgehalten. Eine Sicht, die der amerikanische Historiker Fritz Stern oder der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel zurückwiesen. Die Hüter der Political Correctness hätten sich nicht die Chance entgehen lassen wollen, "endlich mal die große Keule gegen Grass auszupacken", meinte Gabriel im "Spiegel"-Interview, auch wenn er wie Stern (und viele andere) den Inhalt des Gedichts - Israel gefährde mit seinen Atomwaffen den Weltfrieden - nicht teilte.

In der erregten Debatte wurden (verworfene) Forderungen laut, Grass die Ehrenpräsidentschaft des PEN und sogar den Literaturnobelpreis abzuerkennen. Die Schwedische Akademie betonte, Grass habe den Nobelpreis ausschließlich für literarische Verdienste erhalten - "weil er in munterschwarzen Fabeln das vergessene Gesicht der Geschichte gezeichnet hat", wie die Jury bei der Vergabe 1999 lobte.

Sein Selbstverständnis als citoyen und écrivain treibt Grass bis heute immer wieder an, gesellschaftspolitisch Stellung zu nehmen. Die Weimarer Republik, so ein häufig von ihm geäußerter Satz, sei nicht daran zugrundegegangen, dass es zu wenig Demokraten gab, sondern zu wenige, die sich engagierten. Literatur wiederum könne den Menschen zwar nicht verbessern, aber - langfristig - dazu beitragen, die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern.

Und so ergreift die Ein-Mann-Partei namens Grass immer wieder das Wort: In den 1950er bis 1970er Jahren gegen die seiner Meinung nach damals noch von Altnazis durchwirkte bundesrepublikanische Nachkriegsgesellschaft. Oder gegen die katholische Kirche, aus der der ehemalige Messdiener wegen der Haltung zum Abtreibungsparagrafen austritt. Grass will mehr Demokratie und Aufbruch. Er setzt sich für verfolgte Autoren ein, für Minderheiten wie die Sinti und Roma, er wettert gegen Faschismus oder Vertriebenenverbände, die auf die Ostgebiete nicht verzichten wollten. Er liest gegen Atomenergie, publiziert bei der Deutschen Presse-Agentur 2003 einen Text gegen den von US-Präsident George W. Bush initiierten dritten Golfkrieg.

Die deutsche Wiedervereinigung 1990 kommt Grass zu schnell. Er sieht die Ostdeutschen über den Tisch gezogen, kritisiert, dass keine neue Verfassung erarbeitet wurde, wie das Grundgesetz es für den Fall der Einheit vorsieht. In seinem Roman "Ein weites Feld" setzt er sich auch kritisch mit der Treuhand auseinander. Während der Roman im Ausland positiv besprochen wird, hagelt es in Deutschland Verrisse, unter anderem von dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki.

Ein Herzensanliegen bedeutet dem Kaschuben aus dem Danziger Vorort Langfuhr die Aussöhnung mit Polen. Mit seinem aus Ostpreußen stammenden Schriftsteller-Freund Siegfried Lenz ("Deutschstunde"), der nach seiner Meinung als Bundespräsident geeignet gewesen wäre, begleitet Grass 1970 Willy Brandt (SPD) zur Unterzeichnung des Warschauer Vertrages, wo der Kanzler mit seinem Kniefall vor dem Ehrenmal der Helden des Ghettos in Warschau heftige Kontroversen in Deutschland auslöst - und viel Anerkennung im Ausland findet.

Seine politische Heimat ist Grass nach dem Zweiten Weltkrieg die Sozialdemokratie geworden. Reformen in kleinen Schritten, nicht der vermeintlich große Wurf einer Ideologie, lautet Grass' politische Überzeugung. Kein Schwarzweiß, die Grautöne sind ihm wichtig. Willy Brandt, den damaligen Bürgermeister von Berlin, unterstützte er seit Anfang der 1960er Jahre. Seit mehr als 40 Jahren engagiert sich Grass für die SPD in Wahlkämpfen, auch wenn er wegen der Asylrechtsänderung 1992 aus der Partei austrat. "Nicht nur die SPD, das ganze Land hat Grass viel zu verdanken", meinte Gabriel.

Wie Thomas Mann (1875-1955) sei Grass zum Repräsentanten deutscher Literatur, Kultur, ja in gewisser Weise Deutschlands geworden, sagte der damalige Bundespräsident Horst Köhler 2007 bei einem Festakt in Lübeck zum 80. Geburtstag des Autors. Grass habe es sich immer schwer gemacht mit seinem Land, habe gehadert, war enttäuscht. Gerade im Ringen um Deutschland sieht Köhler Grass' Patriotismus. Im Ausland habe er oft erlebt, "wie wichtig und wie wertvoll" Grass' künstlerisches Schaffen "für das Bild Deutschlands in der Welt" sei. "Sie haben mitgearbeitet und mitgeschrieben und mitgezeichnet am kulturellen Gesicht unseres Landes, das viele Narben und Verletzungen trägt, das aber auch freundlich sein und lachen kann."

Lange hat Grass - nach Erscheinen seines Debütromans "Die Blechtrommel" 1959 zum international bekanntesten deutschen Gegenwartsautor avanciert - auf den Nobelpreis warten müssen. Als Heinrich Böll als erster westdeutscher Nachkriegsschriftsteller 1972 die höchste Literaturauszeichnung bekam, meinte der Kölner erstaunt: "Warum ich und nicht Grass?" Als es 1999 dann soweit war, sagte der Sekretär des Nobelpreiskomitees Horace Engdahl in seiner Laudatio: "Das Erscheinen der "Blechtrommel" bedeutete die Wiedergeburt des deutschen Romans des 20. Jahrhunderts." Und die Oscar-gekrönte Verfilmung von Volker Schlöndorff machte Filmgeschichte.

In der kongenialen Fantasiefigur des Oskar Matzerath finden sich viele mögliche Anspielungen auf Grass selber. Oskar erhält als Dreijähriger 1927, im Geburtsjahr von Grass, in Danzig seine Blechtrommel, mit der er die Erwachsenenwelt immer wieder erschreckt und durcheinanderwirbelt - wie Grass in seinen Werken die deutsche Geschichte. Und wenn Oskar singt, klirren Fensterscheiben.

Seinen Beschluss, aus Protest nicht mehr zu wachsen, revidiert der zwergwüchsige und in eine Pflegeanstalt eingewiesene Oskar erst nach dem Krieg. Er tritt als begnadeter Trommler in einem Nachtclub, dem Zwiebelkeller, auf, wo die Gäste Zwiebeln schälen, damit sie wieder weinen können. Oskar Matzerath braucht, wie es Grass' amerikanischer Schriftstellerfreund John Irving einmal formulierte, keine Zwiebeln: "Er ruft sich die Toten, die er sterben sah, in die Erinnerung zurück." "Nur weniger, ganz bestimmter Takte bedurfte es, und Oskar fand Tränen", heißt es in der "Blechtrommel".

In seinem umfassenden literarischen Werk hat Grass zu vielen Themen von Kalkutta bis zum Untergang der Menschheit ("Die Rättin") getrommelt, vor allem aber zu deutschen Themen: Den Verlust der Heimat verarbeitet, Danzig literarisch wiedererstehen lassen, am Schicksal des 1945 von einem russischen U-Boot in der Ostsee versenkten Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff" das Leid der deutschen Vertriebenen "Im Krebsgang" (2003) unvergessen gemacht, ohne es von den Rechtsgewirkten vereinnahmen zu lassen. Seine eigene Mutter war, wie Grass erst nach deren Tod von seiner Schwester erfuhr, von russischen Soldaten vergewaltigt worden; sie hatte die Tochter, die dabei war, schützen wollen. Das Leid, das die Deutschen so vielen Völkern brachten, sei auf sie zurückgekommen, lautet Grass' Mahnung.

Literarisch ebenbürtig mit Erich Maria Remarques Kriegsroman "Im Westen nichts Neues" sind die erschütternden Kapitel, in denen Grass in seiner Zwiebel-Autobiografie das Erlebte der letzten Kriegsmonate niedergeschrieben hat: Wie eine Stalinorgel seine Kameraden zerfetzt, er sich in die Hose pinkelt, die Körper gehenkter sogenannter Volksverräter an Bäumen baumeln, er verletzt wird und nur mit viel Glück überlebt.

Im lyrischen Werk, von Reich-Ranicki hochgelobt, findet Grass eine ganz eigene, besonders intensive Ausdruckskraft - etwa in den Bänden "Lyrische Beute", "Letzte Tänze" oder "Dummer August". Oft schreibt Grass nach großen Prosawerken zum Ausgleich Lyrik. Und er, der auch Bildhauer und Maler ist, illustriert sie mit Federzeichnungen oder Aquarellen zum Beispiel. In den "Eintagsfliegen" finden sich neben teils provozierender politischer Lyrik auch sehr berührende Texte über die Mühsal des Alters, den Tod. Und der Anspruch, einem frühen Rat Max Frischs folgend, "bis ins Alter hinein zornig zu bleiben und nicht - wie erwartet wird - im alles mildernden Abendlicht weise zu werden".

"Trotz allem" liebt Grass Deutschland, wie er in dem gleichnamigen Gedicht in seinen "Eintagsfliegen" bekennt. Trotz Waffenexporten, trotz sozialen Auseinanderdriftens und trotz der Tatsache, selber hoch verschuldet andere Länder zum Sparen zu zwingen. Die letzten beiden Strophen machen die wechselseitige Bezogenheit des Autors mit seinem Land besonders deutlich: "Nach Liebe dürstendes Land,/dessen Bewohner nicht müde werden,/vernarbte Wunde zu lecken./Meiner Liebe gewisses Land,/ dem ich verhaftet bin,/notfalls als Splitter im Auge."

dpa


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