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Seid umschlungen: Henry VIII“-Szene mit Michèle Stéphanie Seydoux und Denis Piza.

Seid umschlungen: Henry VIII“-Szene mit Michèle Stéphanie Seydoux und Denis Piza.© Gert Weigelt

Ballett

Ein doppelter „Henry VIII“

Am Ende gab es Jubel und 15 Minuten Applaus: Im Opernhaus hatte das neue Jörg-Mannes-Ballett „Henry VIII“ Premiere.

Hannover. Ein zunehmend umnachteter König und sechs sehr unterschiedliche Frauen: Das ist doch ein wunderbarer Stoff für die Bühne. So dachte auch Hannovers Ballettdirektor Jörg Mannes und schickte „Henry VIII“ ins Rennen. Die Uraufführung im Opernhaus wurde ein voller Erfolg.

Ein sehr widersprüchlicher Charakter, dieser Monarch – seine Freundschaft erwies sich immer wieder früher oder später als tödlich. Daher logisch, dass die Hauptfigur hier auf zwei Darsteller verteilt ist und Orazio di Bella das Alter Ego von Denis Piza tanzt, mal synchron mit diesem und mal eigenständig. Auch die Musikauswahl ist facettenreich: Zur brandneuen Auftragskomposition von Mark Polscher mit ein paar richtig fiesen Sounds kommen Leopold Stokowskis griffige Bach-Bearbeitungen und Werke von Edward Elgar. Das Niedersächsische Staatsorchester unter Andrea Sanguineti hat mit dieser Bandbreite keine Probleme.

Die eigentlichen Stars dieser Choreographie sind die Damen, vor allem die ersten beiden, die allerdings auch deutlich am meisten Möglichkeit zur Entfaltung haben. Michèle Stéphanie Seydoux ist eine wunderbar tiefgründige, tragische Katharina von Aragon und bekommt für ihr Solo mit ausgeprägter Bodenarbeit Szenenapplaus. Das Energiebündel Giada Zanotti lässt sich als Anne Boleyn geschickt vom König umgarnen, da ist keine Sekunde Zögerlichkeit im Spiel.

Nach der Pause gibt Catherine Franco gewohnt eindringlich die elegante Jane Seymour, dann muss Mónica García Vicente als eher rustikale Anna von Kleve wortwörtlich gegen das schmeichelhafte Holbein-Porträt antanzen, das Minister Thomas Cromwell, aus politischen Gründen sehr auf diese Hochzeit erpicht, von ihr anfertigen ließ. Der König war nicht begeistert, was zu Cromwells vorzeitigem Ableben beitragen sollte.

Lilit Hakobyan ist die naive Catherine Howard, die nicht so recht zu begreifen scheint, worauf sie sich da eingelassen hat und der eine Affäre schließlich zum Verhängnis wird. Steffi Waschina hat schließlich als Catherine Parr kaum noch die Chance zu einer echten Charakterzeichnung, wie überhaupt gegen Ende ein wenig der Eindruck entsteht, die jeweiligen Stationen müssten nunmehr abgearbeitet werden.

Bemängeln mag man auch, dass die höfischen Szenen manchmal arg putzig ausfallen – diese Einlagen finden sich bei Mannes’ Choreographien häufiger und sind letztlich Geschmackssache. Doch die Stärken überwiegen an diesem Abend im variablen Gobelin-Bühnenbild von Mathias Fischer-Dieskau: die ausgeprägte Musikalität des Ensembles, die gelungene Mischung aus zeitgenössischem Tanz und Neoklassik, die anrührenden Momente mit der packenden Zuspitzung unmittelbar vor der Pause. Und dass Piza in der Titelrolle, auch und gerade als körperlich angeschlagener König, eine Bank ist, muss man kaum noch extra erwähnen.

So endet die zweistündige Vorstellung wie die meisten Premieren des Staatsballetts, nämlich mit rund 15 Minuten Applaus und einer Reihe Bravos.

Von Jörg Worat


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