Navigation:
|
NP-Interview

Dota über die Grenzen der Menschen

Singer-/Songwritertum mit Elektronik und Botschaft: Nach dem Auftritt bei den TTIP-Protesten auf dem Opernplatz kehrt die Berliner Musikerin Dota Kehr (36) am 6. Mai mit Band und neuem Album, „Keine Gefahr“, nach Hannover zurück, in den Pavillon. Ein Interview über ihre Musik, ihre Band und den Kampf für eine gerechtere Welt.

Hannover. Bei Ihrem letzten regulären Hannover-Konzert traten Sie mir Streicher-Ensemble im Schauspielhaus auf. Jetzt kommen Sie in den Pavillon, mit einem Album, das einige elektronische Einflüsse hat. Woher kommt der Wandel?
Wir überraschen uns gerne selber. Die Hörgewohnheiten ändern sich, und es passte gut zu den Stücken, die ich geschrieben habe. Wir wollten dieses Element einfach mal nutzen. Da war übrigens unser Schlagzeuger der Initiator; er hat das alles programmiert. Aber wenn wir das im Konzert spielen, ist das alles live. Dadurch wird es lebendig. Wenn ich als Hörer zu Konzerten gehe und die Band benutzt ganz viele Zuspieler, finde ich das meist zu statisch.

Das wäre auch ein arg weiter Weg gewesen - von der Straßenmusikerin zur Vollelektronik ...
Naja, wir haben das durchaus ausprobiert. Es war ein langer Weg, bis wir bei der jetzigen Live-Darbietung angekommen waren. Aber jetzt funktioniert es richtig gut.

In welcher Besetzung kommen Sie?
In der Kernbesetzung, zu viert. Es passiert natürlich mal, dass ich zwischendurch Keyboard spiele beziehungsweise einen kleinen Synthesizer.

Wer ist Dota heutzutage? Letztes Mal gab es noch Dota, die Kleingeldprinzessin, und ihre Band. Die hieß auch mal Stadtpiraten. Jetzt scheint nur noch Dota übrig geblieben zu sein.
Ja, das hat die Band so entschieden. Dota und die Stadtpiraten - das hat uns als Bandname nicht mehr gefallen, weil es so ein bisschen nach Kindertheater klang. Wir wollten das seit Jahren ablegen. Andererseits ist Dota nun mal auch mein Vorname, beziehungsweise mein Spitzname; darum fand ich das als Bandnamen seltsam. Bis ich es irgendwann mal gedruckt in einem Festivalprogramm gesehen habe. Und dachte: „Kann man machen. Das geht schon als Bandname.“

Es hat auch eine andere Internationalität. Dennoch schreiben Sie weiter deutsch und das in einer ungekannten Deutlichkeit, zum Beispiel in den Song „Grenzen“, in dem es um Flüchtlinge geht. Da musste offenbar etwas raus.
Ja. Es ist selten, dass ich mir vornehme, etwas zu einem konkreten Thema zu schreiben; meistens ergibt sich das aus irgendwelchen Formulierungen. Bei „Grenzen“ war es andersherum: zu dem Thema musste ich etwas machen. 2012 habe ich damit angefangen.

Was war der Auslöser?
Es gab damals schon Demonstrationen. Da begann ich, mich damit auseinanderzusetzen, was an Europas Außengrenzen passiert. Aber auch damit, was mit den Flüchtlingen hier passiert: Wie weit werden die entrechtet in den Lagern? Oder diese ewigen Asylverfahren. Es ist das große Thema unser Zeit. Das war es damals schon.

Und gewinnt weiter an Aktualität?
Ja. Und ich habe mich wirklich schwergetan, dieses Stück zu schreiben. Schreiben ist schon Arbeit; es ist nicht immer ein Musenkuss. Ich habe bestimmt 15 verschiedene Ansätze zu dem Lied geschrieben.

Ein Satz wurde beinahe zu einem geflügelten Wort: „Warum schützt man die Grenzen der Staaten so gut und die Grenzen der Menschen so schlecht?“ - wie entstand der?
Ganz ehrlich: Der ergab sich einfach aus der Notwendigkeit eines Reims auf „Menschenrecht“. Wie richtig dieser Satz ist und wie prägnant, ist mir erst hinterher aufgefallen (lacht). Aber so passiert es manchmal: Die besten Zeilen entstehen manchmal fast zufällt.

Sie haben dieses Lied auch bei den Protesten gegen TTIP in Hannover gespielt. Wie wichtig war es Ihnen, dort Stellung zu beziehen?
Sehr wichtig. Der Protest gegen TTIP ist in meinen Augen richtig und wichtig, zumal bei dem Handelsabkommen vieles kurzerhand über den Haufen geworfen werden soll, wofür lange gekämpft wurde: Verbraucherschutz, Umweltschutz-Standards, Arbeitnehmerrechte und so weiter. Aber gleichzeitig ist es so, dass dieser Protest durchaus auch im AFD Lager mobilisiert, wo man gerne für Nationalismus und Abschottung ist. Deshalb war es mir ein wichtiges Anliegen, das Lied „Grenzen“ bei der Demo zu spielen, auch wenn es auf den ersten Blick mit dem Anti-TTIP Protest nicht viel zu tun hat. Auf den zweiten Blick sind Flucht und gerechter beziehungsweise ungerechter Welthandel dann wahrscheinlich auch eng miteinander verbunden - aus einem sehr viel weiteren Winkel betrachtet.

Das Album heißt „Keine Gefahr“. Sie aber zeigen Ihre Zähne. Wie ist der Titel gemeint? „Leute, lasst euch nicht ins Bockshorn jagen“?
Ja, schon. Denn ich habe das Gefühl, es wird schon sehr viel Angst geschürt. Mag sein, dass es immer schon so war - aber als der Kalte Krieg herrschte, war ich noch klein.

Wahrscheinlich haben die Menschen schon immer gerne in Zeiten der Apokalypse gelebt, weil die Vorstellung, es könnte nach ihrem Ableben total großartig weitergehen, zu schwer zu ertragen ist.
Es ist schwer zu glauben, dass man in einer sehr guten Zeit lebt. Aber - auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen - auch der Titel ist eher zufällig entstanden. Vier Tage, bevor die Grafik in den Druck gehen sollte, hieß das Album noch „Die Flucht nach vorn“. Doch dann fiel uns auf, dass es schon drei Alben von deutschen Bands gibt, die so heißen. Verdammtes Google-Zeitalter!


Bildergalerien Alle Galerien
Anzeige
Die Bahn verspricht, pünktlicher zu werden - schafft sie das?

Alles über Hannover 96

Spielberichte, Hintergründe, Analysen - lesen Sie hier alles über Hannover 96.

Bilder des Tages

../dpa-InfoLine_rs-images/large/urn-newsml-dpa-com-20090101-140912-99-04060_large_4_3.jpg

Waschtag: Ein niederländischer Kavallerist wäscht zum «Prinsjesdag» den Schweif seines Pferdes. Foto: Martijn Beekman

zur Galerie