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Schriftstellerin Dörte Hansen.© Axel Heimken

Interview

Dörte Hansen - "Es ist sehr schön auf dem Land"

Dörte Hansen ist mit ihrem Debüt-Roman „Altes Land“ einer der Überraschungserfolge des Bücherjahres gelungen. Ein Gespräch über Vergangenheitsbewältigung, über die Vorzüge des Landlebens und über ihren nächsten Roman.

Hätten Sie je damit gerechnet, gleich mit Ihrem ersten Buch einen Platz-1-Bestseller zu landen?

Niemals! Eher hätte ich einen Sechser im Lotto erwartet - und dabei spiele ich nicht einmal Lotto.

Wie gehen Sie mit dem Erfolg um? Hat sich Ihr Leben dadurch verändert und wenn ja, wie?

Ich muss immer noch selbst meinen Kaffee kochen, bekomme noch immer keine Designer-roben zugeschickt und werde an der Supermarktkasse nicht vorgelassen. Mein Leben ist viel zu normal! Das muss natürlich besser werden. Ich spiele mit dem Gedanken, mir ein paar Allüren zuzulegen.

Wie kam es zu der Entscheidung, ein Buch zu schreiben?

Den Traum, ein Buch zu schreiben, hatte ich - wie viele Journalisten - schon sehr lange. Ich ging so langsam auf die 50 zu, ich wollte mich neu orientieren, und irgendwann dachte ich: Jetzt oder nie.

Wie erklären Sie sich den Erfolg Ihres Buches?

Ich wünschte, ich könnte es erklären. Dann würde ich sofort einen zweiten Bestseller schreiben! Tatsache ist: Ich weiß es nicht. Ein Wunder wahrscheinlich! Ich staune einfach.

Das Leben auf dem Land wird von vielen Städtern verklärt. Was fasziniert Großstadtmenschen an der ländlichen Idylle - und können Sie das nachvollziehen?

Ich kann das gut verstehen, es ist sehr schön auf dem Land! Ich lebe hier am Elbdeich zwischen Obstbäumen und Fachwerkhäusern, kann die Möwen und die Schiffe hören - das ist tatsächlich alles sehr idyllisch. Man darf nur nicht den Fehler machen, auf dem Land die heile Welt zu suchen. Die gibt es hier genauso wenig wie in der Stadt.

Sie sind selbst vor zehn Jahren von Hamburg ins Alte Land gezogen. Wie viel Autobiografisches steckt in Ihrem Roman?

Viel weniger, als die meisten vermuten. Ich habe in Hamburg-Ottensen auf Spielplatzbänken gesessen. Ich habe Camper-Schuhe getragen und mit den anderen Müttern die Schnuller und Trinkflaschen apportiert, die unsere Kinder aus den Buggies warfen. Dann hat es mich aufs Land gezogen. Der Rest ist ausgedacht.

Ihr Buch befasst sich unter anderem mit dem Thema Flucht und Vertreibung. Glauben Sie, dass die Deutschen dieses Kapitel ihrer Vergangenheit noch nicht zu Ende aufgearbeitet haben?

Man sollte meinen, dass nach 70 Jahren alles zu diesem Thema gesagt und geschrieben wäre. Es gibt unzählige Bücher, Filme, Zeitzeugenberichte dazu. Ich glaube daher, dass das Thema mittlerweile sehr gut aufgearbeitet ist - aber verschmerzt ist es offenbar noch nicht.

Auch das schwierige Verhältnis zwischen Müttern und Töchtern nimmt einen großen Raum ein. Sie haben selbst eine zwölfjährige Tochter. Warum haben es beide Seiten nicht immer leicht?

Nicht nur Mütter und Töchter haben es miteinander schwer in meinem Buch, auch die Väter und die Söhne, sogar die Geschwister. Je näher wir einander stehen, umso größer ist die Verletzbarkeit. Familienbeziehungen bieten unendlich viel Romanstoff.

Was bedeutet für Sie Heimat?

Heimat heißt für mich, dass ich mich nicht erklären muss. Das muss nicht unbedingt ein Ort sein, für mich ist auch die plattdeutsche Sprache ein Stück Heimat.

Nach diesem wahnsinnigen Erfolg: Wie geht es jetzt weiter? Sitzen Sie schon an dem nächsten Roman?

Ich arbeite an meinem zweiten Buch und wollte damit schon wesentlich weiter sein. In meinem Kopf nehmen die Figuren und die Geschichte gerade Gestalt an. Aber ich bin im Moment noch sehr mit „Altes Land“ beschäftigt und viel damit unterwegs. Die Lesungen bringen großen Spaß, kosten aber auch viel Zeit. Macht nichts! Von allen Sorgen, die man haben kann, ist mir diese wirklich am liebsten.

NPVISITENKARTE

Geboren 1964 in Husum. Nach dem Studium seltener Sprachen wie Gälisch, Finnisch oder Baskisch promovierte sie in Linguistik über Mehrsprachigkeit. Danach wechselte sie zum Journalismus, war einige Jahre Redakteurin beim NDR und arbeitet heute als freie Autorin für Print und Hörfunk. Mit ihrem Mann und ihrer zwölfjährigen Tochter lebt sie in einem kleinen Dorf im Alten Land. Sprache findet sie immer noch faszinierend – mit ihrer Familie spricht sie bis heute platt.

Das Buch

Dörte Hansen erzählt in „Altes Land“ von zwei unangepassten Frauen, der Suche nach Heimat und vom Drama der Flüchtlinge. Die Hamburgerin Anne wird von ihrem Freund verlassen und flüchtet mit ihrem kleinen Sohn ins Alte Land. Dort kommt sie bei ihrer Tante Vera unter, einer Zahnärztin die als Flüchtlingskind mit ihrer Mutter aus Ostpreußen ins Alte Land kam, dort aber nie richtig heimisch wurde. Das ist die schwere Seite des Buch, das aber durchaus vergnüglich ist. So macht sich Hansen lustig über die „ausgemusterten Akademiker“, die sich in ein putzig verfallenes Reetdachhaus verlieben.
Dörte Hansen: Altes Land. Knaus 2015. 286 Seiten, 19,99 Euro.


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