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AMÜSIERVIERER: 
Ulrich Tukur, Kalle Mews, Ulrich 
Mayer, und Günter Märtens (v . l.) 
wurden im Aegi begeistert emp
fangen.

AMÜSIERVIERER:
Ulrich Tukur, Kalle Mews, Ulrich
Mayer, und Günter Märtens (v . l.)
wurden im Aegi begeistert emp
fangen.© Tobias Kleinschmidt

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Konzert

Die Rhythmus Boys swingen im Aegi

Der Pianist klimpert Beethoven, was er hörbar braucht, ist ein Bett. Wieder und wieder taumeln ihm die Töne, kurz vorm Stillstand aber findet sich immer noch ein rettender, wachrüttelnder Akkord.

Hannover. Im Publikum schnarcht spaßeshalber einer laut auf. Erstes Gelächter. Ulrich Tukur, im Fernsehen zuletzt „Tatort“-Kommissar und Wüstenfuchs Rommel, grinst. Der Abend fängt gut an. Es wird lustig werden.

Musik ist hier die Mitte: Die 20er, 30er und 40er Jahre. Zarah Leander, Friedrich Holländer, Swing, Charleston, Foxtröttchen. Aber auch das moralische Schubidu der Travellers von 1950 ist erlaubt, Domenico Modugno, Italo-Rock-’n‘-Roll. Ein paar Evergreens, vieles, was die Zeit verschluckt hat. Tanzmusik im Aegi, wo nie getanzt wird, weil es nicht geht.

Wie beim Kollegen Max Raabe wird alles fein angesagt, nebst Andeutung des Komponistenschicksals. Aber Tukur näselt nicht so. Und wo Raabe automatenhafte Langsamkeit walten lässt, ist Tukur Herr Tempo mit Fliege im Smoking. An den Rändern des Abends gibts hastige Komik und Klamauk: etwa ein paar Erinnerungen an die Münchner „Macbeth“-Inszenierung vor Ewigkeiten, an der neben Tukur ein alter Bernhardiner mitwirkte, dessen unverhoffter, großer Haufen auf der Bühne unfasslich breit getreten wurde (Tukurs Fazit: „So nahe liegen Kunst und Kacke manchmal beieinander“).

Dann die gespielt wackeligeBandchemie der Rhythmus-Boys: Tukur zweifelt an den Gaben von Gitarrist Ulrich Mayer. Dem Mann mit der Pattex-Tolle gelingt jedoch ein perlendes Solo nach dem anderen. Tukur bremst auch den Applaus für den kleinen Kalle Mews mit den flüsternden Schlagzeugbesen, der zu „Bongo Bongo Bongo“ stimmlich eine komplette Urwaldfauna illusioniert. Trotzdem nicht so viel loben, „weil der sonst im Bandbus wieder unerträglich wird“. Nur an den Zweimeterbassmann Günter Märtens traut Tukur sich nicht recht ran. Der packt sich Mews später als Bauchrednerpuppe auf den Schoß und lässt ihn wie einen Papagei krähen - und lurt scheel als Chef der dänischen Kraftakrobatiktruppe Die 3 Pölser, deren blöd gehopste Positionswechsel zum Piepen schön sind. Wo der Ernst bleibt? Den kennt dieser Amüsiervierer nur als Vornamen.

Einmal, bei den Zugaben, da ist die Bühne dann aber doch duster. Das Akkordeon spielt Dampferhorn, der Bassbogen tutet schwer, ganz dickes Schiff, die Gitarre imitiert Möwengeschrei. So langsam schält sich aus dem neblichten Hafengedöns eine sehnsüchtelnde Melodie heraus, ein schubbernder Folkrhythmus: „La Paloma“ ohne Text, einst ein spanisches Stück, längst urdeutsch geworden seit Hans Albers, schön wie lang nicht mehr und schwarz wie das Lied vom Tod (was es ja auch ist): „Seemannsbraut ist die See“ sang Albers damals. Das Leben ist eine Reise, hohe Wellen manchmal, Untergänge jederzeit möglich.

Es war übrigens schon das zweite Konzert, das erste hatte es am Nachmittag gegeben. Wir könnten sogar noch ein drittes vertragen. Aber die armen Rhythmus-Boys müssen jetzt unbedingt ins Bett.

Bewertung: 5/5


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