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Bauhaus-Ausstellung

Die Freischwinger-Avantgarde

Ein Weltstil aus Deutschland: In Berlin hat die größte Bauhaus-Ausstellung der Geschichte ihre Tore geöffnet.
Bauhaus Martin-Gropius-Bau Berlin Weimar Lis Volger Marcel Breuer Unesco

Die Ausstellung „Modell Bauhaus“ im Martin-Gropius-Bau in Berlin.

© Kaveh Rostamkhani/ddp

Eine androidartige weibliche Gestalt aus geometrischen Grundformen, schwebend über ultramarinblauem Grund, gehört zu den seltsamsten Entwürfen aus dem Bauhaus. Der Bauhaus-Meister Lothar Schreyer, Leiter der Bühnenwerkstatt der Weimarer Reformschule, entwarf die abstrakte Figur als Dekoration für einen Sarkophag. Von der Wiege bis zur Bahre ließ man an der legendären Avantgardeschmiede keinen Bereich aus, um den „neuen Menschen“ mit neuen Dingen auszustatten.

Trotz schiefen Jubiläums - vor 90 Jahren wurde das Bauhaus in Weimar gegründet - starteten Ausstellungs- und Verlagshäuser bereits Anfang des Jahres eine Offensive. Ein ganzer Stapel Bücher erschien, und eine Reihe von Bauhaus-Schauen wurde eröffnet. Mit einem so überwältigenden Interesse der Medien und des Publikums habe man aber nicht gerechnet, sagt Annemarie Jaeggi, die Direktorin des Bauhaus-Archivs Berlin. „Das Thema 90 Jahre Bauhaus hat wie eine Bombe eingeschlagen.“

Dabei kommt der Höhepunkt erst jetzt. In Berlin wird von Bundesminister Thomas de Maizière - ursprünglich sollte sogar die Kanzlerin sprechen - die große Ausstellung „Modell Bauhaus“ eröffnet. Die drei Millionen Euro teure Schau (700.000 Euro davon kommen von der Bundeskulturstiftung) im Martin-Gropius-Bau ist mit etwa 1000 Exponaten in 18 Sälen die größte Bauhaus-Ausstellung der Geschichte. Selbst wer langsam einen Bauhaus-Overkill verspürt, wird eingestehen müssen, dass vieles unbekannt und staunenswert ist.

Es beginnt mit einer Provokation des jungen Architekten und dritten Bauhaus-Direktors Mies van der Rohe: Dieser hatte Anfang der zwanziger Jahre die Chuzpe, bei einem Ideenwettbewerb für Hochhausbebauung in der Berliner Friedrichstraße ein gigantisches gläsernes Monstrum vorzuschlagen. Es sollte die Bebauung aus dem 19. Jahrhundert um das Dreifache überragen.
Daneben findet sich ein Modell des regenbogenfarbenen, spätexpressiven „Turms des Feuers“ von Johannes Itten, dem Mystiker am Bauhaus. Es atmet einen ganz anderen Geist.

Als dritte Position im Auftaktdreiklang stößt man auf das Modell der Fagus-Werke aus Niedersachsen, dem Erstlingswerk des Bauhaus-Gründers Walter Gropius. Sogar ein Profilstahlfenster aus Alfeld ist ausgestellt.

Zur besseren Orientierung sind die weiteren Räume farblich markiert: Gelb-Orange für Weimar, Blau-Grün für Dessau, Schwarz für Berlin - so durchwandert man den Farbkreis, den die Bauhäusler im „Vorkurs“ büffeln mussten. Neben Schreyers erst vor wenigen Jahren überraschend aufgetauchtem, zwei Meter großem Sargentwurf (der Originalsarg wurde in der Erde vergraben, die Mutter des Designers fand darin ihre letzte Ruhe) gehört Marcel Breuers „Afrikanischer Stuhl“ zu den Höhepunkten.

Der Thronsessel war 80 Jahre verschollen. Das wie neu aussehende Objekt aus Eiche und Kirschholz zeugt davon, dass sich die frühen Bauhaus-Meister wie Häuptlinge vorgekommen sind. Die Bauhaus-Wiege ist ein überraschend großes Ding, eine gewagte Mischung aus Industriewalze und Zeitungsständer aus dem Friseursalon. Nicht jeder Wurf war ein Treffer: Dass Theodor Boglers graubräunlich lasierte „Kombinationsteekanne mit Querbügel und exzentrischer Eingussöffnung“ sich nicht durchsetzte, verwundert nicht.

Die Objekte aus Dessau sind wie in einer Nobelboutique präsentiert. Mit breiten Glasflächen wird die Vorhangfassade des Dessauer Bauhauses von Walter Gropius, das Unesco-Weltkulturerbe ist, zitiert. Zu den herausragenden Stücken gehört hier das Bauhaus-Kleid von Lis Volger. Zu dem weiß-grauen Gewand aus dem Jahr 1928 schreibt der Modeschöpfer Wolfgang Joop im Katalog, es habe ihre Trägerinnen von der „Rolle des dekorativen Prestigeobjekts der herrischen Männergesellschaft“ erlöst.

Mit einer Collage, die nationalsozialistische Soldaten zeigt, die auf dem Bauhaus herumtrampeln, endet die Schau. Man hätte manches noch genauer ausführen können. Etwa, dass Walter Gropius vor seiner Emigration in die USA noch versucht hatte, den Zuschlag für das „Haus der Arbeit“ zu bekommen. Er hatte seinen Entwurf reichlich mit Hakenkreuzfahnen dekoriert Aber dieses Detail hätte nicht zum euphorischen Tenor der Schau gepasst, die vom deutschen Export eines Weltstils erzählt.

Im Lichthof des von Walter Gropius' Großonkel Martin erbauten Museums findet sich unter dem Motto „Doityourself Bauhaus“ noch ein pfiffiger Kommentar dazu, wie Ideen in der heutigen Wohnkultur angekommen sind. Ein Raum ist als Ikea-Wohnzimmer mit „Expedit“-Regal und Couchtisch und „Regalit“-Energiesparlampe ausgestattet.

Wenn es nach Kulturstaatsminister Bernd Neumann geht, ist die Ausstellung „Modell Bauhaus“ erst der Anfang. Aus dem Modell Bauhaus sollte ein dauerhafter Bauhaus-Verbund werden, meint Neumann. Kooperiert hat man in Berlin mit keinem Geringeren als dem Museum of Modern Art in New York.

Dieses wird eine Version der Schau von November an zeigen. Eröffnung ist am 8. November 2009. Mit der Bauhaus-Ausstellung feiert das MoMA seinen 80. Geburtstag und demonstriert damit, wie stark es auf Bauhaus-Ideen fußt. Für die New Yorker ist das Bauhaus schlicht „die berühmteste und einflussreichste Schule der Avantgardekunst im 20. Jahrhundert“.

Martin-Gropius-Bau Berlin, Niederkirchnerstraße 7, 22. Juli bis 4. Oktober.

[Johanna Di Blasi]

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