Menü
Neue Presse | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Kultur Die Chaostage werden zum Theaterstück
Nachrichten Kultur Die Chaostage werden zum Theaterstück
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 01.12.2017
Sucht den Widerstand: Ulrike Günther inszeniert die Chaostage. Quelle: Michael Wallmüller
Anzeige
Hannover

„Chaostage: Der Ausverkauf geht weiter“ – unter diesem Titel befasst sich ab nächster eine Inszenierung mit einem Stück hannoverscher Geschichte. Sie ist vor allem am Geist und Sein des Widerstands interessiert, erklärt Regisseurin Ulrike Günther (28) im NP-Interview.

Sie bringen die Chaostage auf die Bühne. Wie wird das aussehen? Bauen Sie die Sturmglocke nach?

Nein, es wird ein abstrakter Raum sein. Wir wünschen uns einen anderen Umgang mit dem Publikum und haben uns für eine Drei-Tribünen-Konstruktion entschieden. Die Spielfläche ist dreieckig, und in ihrer Mitte befindet sich eine weitere kleine Bühne, auf der der Musiker Tim Golla sitzt. Der spielt Schlagzeug.

Nur Schlagzeug?

Ja. Dieses Instrument ist total vielseitig.

Sie haben vier Spielende mit einer großen Altersspannweite. Warum?

Es ist einmal quer durch den Gemüsegarten. Der jüngste Kollege ist so alt wie ich, 28, und der älteste Kollege ist Anfang 60. Ich wollte ein gemischtes Ensemble. Punk ist natürlich eine Jugendbewegung, aber ich wollte von Anfang an über die Frage sprechen: Was bedeutet eigentlich Widerstand? Und da finde ich es interessanter, wenn nicht nur die jungen Wilden auf der Bühne stehen.

Worum geht es?

Ums Andersdenken, Anderssein, darum, sich nonkonform zu verhalten. Es geht um Freiheit und dazu zu stehen, was man ist. Im Selber-Denken beginnt der Widerstand.

Und der Ausgangspunkt sind die Chaostage?

Ich habe über die Chaostage mit meiner Recherche begonnen, um an diese Bewegung heranzukommen, um zu verstehen, was Punk überhaupt ist: Ist es nur Mode, oder ist es auch Haltung?

Und?

Ganz klar Haltung. Und das ist die Seite, die für einen Theaterabend auch die interessantere ist.

Mit wem haben Sie gesprochen?

Mit Zeitzeugen im weitesten Sinne, zum Beispiel mit Menschen, die ganz am Anfang Teil der Punkbewegung waren und jetzt Mitte 50 sind. Ich habe mit Menschen gesprochen, die heute in der Punkbewegung sind oder auch in der DIY-, also Do-it-yourself-Bewegung sind.

Was ist denn heute noch Punk? Die Toten Hosen, die die Tui-Arena ausverkaufen? Oder hat er sich gewandelt, zum Beispiel in diese DIY-Bewegung?

Es hat immer Menschen gegeben, die sozusagen „Kulturpunks“ waren. Denen ging es viel um die Musik und um die Mode. Aber für Andere stand das Politische im Vordergrund. Wenn heute jemand Punkmusik macht, ist es einfach nur ein Genre. Dem Ganzen liegt jedoch der Gedanke des Selbermachens zugrunde, immer schon. Aber: Wenn man die Punkhaltung ernst nimmt, darf man sowieso nicht sagen: Das ist Punk und das nicht, denn es geht um Freiheit.

Das heißt: Punk ist heute eher Platzprojekt als Sturmglocke?

Das Platzprojekt hat zumindest genau diesen Ansatz: sich Räume schaffen, anders leben, selber machen.

Lebt Punk noch?

Schwierig. Mir hat man gesagt, dass Punk immer schon ein Zombie war, weil er Ende der 70er schon für tot erklärt wurde. Ab da aber hatte man alle Freiheiten, mit dieser Bewegung umzugehen. Das gilt bis heute.

War Hannover die Punkmetropole, zu der die Stadt immer erklärt wurde?

Die Szene war hier schon recht aktiv. Was auch an ihrer Erreichbarkeit liegen mag. Man fuhr halt zu Konzerten durch die Gegend. Es gab schnell über die autonomen Jugendzentren viele Räume, in denen Bands arbeiten konnten.

Was machen die Punks von damals heute?

Ich habe mit niemandem gesprochen, der Banker geworden ist. Viele sind in kulturellen Bereichen tätig, machen Musik oder schreiben, sind beim Radio oder beim Printjournalismus. Ich habe niemanden kennengelernt, der in einer komplett bürgerlichen Ecke gelandet ist. Ich habe zum Beispiel jemanden kennengelernt, der sich damals in der APPD, der Anarchistischen Pogo-Partei Deutschland, engagiert hat, später Politikwissenschaften studierte und da auch promovierte. Der ist heute quasi Professor für Anarchie.

Was sagt der Professor: Ist Anarchie möglich?

Bei David Graeber (einem US-Ethnologen und Anarchisten, d. Red.) gibt es ein schönes Beispiel: Man denkt immer, Anarchie ist, wenn der Bus kommt, und alle rennen hin, um der Erste zu sein. Er sagt: Anarchie wäre, der Bus kommt, und alle bilden eine Schlange, ohne dass jemand danebensteht und sie dazu auffordern muss. Es geht letztlich darum, wie ich mich selber moralisch aufstelle. Um dahin zu kommen, braucht es einen langen Prozess, weil es um die Entwicklung der Menschen geht. Anarchie ist nichts, was man einführt; sie hat etwas mit dem geistigen Zustand des Einzelnen zu tun.

Was erzählen Sie auf der Bühne?

Man kann Punk nicht linear erzählen. Es gibt keinen durchgehenden Handlungsstrang. Wir erzählen Punk eher in Spiralen. Es gibt Einzelgeschichten, unterschiedliche Blickwinkel: auf Punk und Gesellschaft und ihr Verhältnis zueinander. Was muss da sein, damit einen Gegenbewegung entsteht? Wie reagiert das System darauf?

Und? Wie reagiert es? So wie dieses Jahr bei den Protesten in Hamburg?

Der Vergleich ist nicht uninteressant. Was bei den Chaostagen passiert ist, war ja, dass die Polizei die Chaostage in die Nordstadt gelenkt hat und die Anwohner fragten: „Warum wir?“ Das ist in Hamburg auch wieder passiert. Und wieder sagen die Anwohner: „Warum gibt man unser Viertel frei zur Verwüstung?“ Und ab dem Zeitpunkt der ersten Grenzüberschreitung kommen Menschen dazu, die mit der Bewegung nichts zu tun haben, aber auf Krawall aus sind. Auch das war bei den Chaostagen und in Hamburg so.

Wie ist Ihr Blick heute auf die Chaostage?

Ich glaube, es sind Fehler auf den unterschiedlichsten Seiten passiert. Ich möchte nicht sagen: Der oder der ist schuld. Es sind immer Idioten dabei: Bei den Leuten, die sich damals getroffen haben und eigentlich nur zusammen Bier trinken wollten, und auch auf der anderen Seite. Aber: Man muss eine gewisse Unzufriedenheit an der Gesellschaft wahr und ernstnehmen. Das ist beim Punk nicht unbedingt passiert. Man hat es nie ernst genommen als Reaktion auf eine gewisse gesellschaftliche Situation.

Daraus ist zu hören, dass Sie eine gewisse Sympathie für den Widerstand hegen. Wollen sie diesen Geist auch vermitteln, oder bleiben Sie wertneutral?

Wenn ich mir so ein Thema aussuche, ist das schon nicht wertneutral. Dann spricht man mit Menschen, sortiert das Material, verarbeitet es mit den Schauspielern, die ihre Erfahrungen beisteuern. Es wäre wahnsinnig, zu behaupten, da wäre man objektiv. Man ist es nicht, und das muss man im Theater auch nicht sein. Denn wenn man auf der Bühne eine bestimmte Haltung vertritt, kann sich der Zuschauer auch dazu verhalten.

Mehr zu der Inszenierung finden Sie hier.

Von Stefan Gohlisch

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 00:00 und 07:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Dieser Liederabend berührt und begeistert: Im Theater an der Glocksee hatte „Ach, das Meer“ Premiere.

30.11.2017
Kultur In Hannover zeigt sich die Dichterin als Popstar - Julia Engelmann im Kuppelsaal

Ausverkauft und gut: Julia Engelmann servierte ihre geschätzte Poesie mit Gitarre und Schlagwerk.

29.11.2017
Kultur Igor Levit spielt mit Radiophilharmonie im Sendesaal - Beethoven at his best

Super-Beethoven vom Super-Pianisten: Igor Levit und Andrew Manze begeisterten mit der NDR Radiophilharmonie im Großen Sendesaal.

24.11.2017
Anzeige